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„Tatort: Die chinesische Prinzessin“ : Turandot im Münsterland

Noch trägt der Forensiker Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) den standesgemäßen Smoking – und ist völlig hingerissen von der chinesischen Künstlerin Songma (Huichi Chiu). Bald aber wird er im blauen Anton über dem Abgrund wandeln. Bild: WDR

Jan Josef Liefers im Liebesrausch und in der Kokainfalle, Axel Prahl mit einem weltmeisterlichen Hechtsprung, dazu viele, viele Chinesen: Der „Tatort“ aus Münster bietet wieder einmal einiges Schöne.

          Von wegen lustig, von wegen heiter: Im neuen, dem mittlerweile zweiundzwanzigsten „Tatort“ aus Münster bleibt keine Zeit für die notorischen Dialoggeplänkel und Statusfrotzeleien zwischen dem Proll-Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und dem Arroganz-Forensiker Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers). Schuld daran sind die Chinesen.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Sie stellen in der Stadt, mehr noch: im ganzen Münsterland alles auf den Kopf, reden unverständliches Zeug daher oder schweigen verstockt - vor allem aber bringen sie Leute um. Eine knappe Stunde währt die neue Folge, als Frank Thiel darüber der Kragen platzt. „Was ist das hier?“, fragt er verzweifelt und lacht dazu, als hätte ihn der Irrsinn fest im Griff.

          Zwei Filmrisse am Beginn. Thiel weiß nach einer durchzechten Geburtstagsnacht nicht mehr, ob er Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter), der salopp-naiven Dauerassistentin seit der ersten Folge von 2002, nun erstmals zu nahe getreten ist. Boerne kann sich nicht mehr erinnern, wie die schöne chinesische Künstlerin Songma (Huichi Chiu), die ihn verführen wollte, zu Tode kam - war er es, vollgepumpt mit Kokain, am Ende selbst, der ihr die Kehle durchschnitt?

          Ein heilloses Personen-Wirrwarr

          Thiel wankt an den Tatort, Boerne kommt erst einmal ins Krankenhaus und wandert dann ins Gefängnis. Immer mehr Chinesen treten jetzt auf. Der Kulturattaché Wang: ein Finsterling mit Diplomatenpass. Die scheue Miao und der verhuschte Yu-Tang, die Assistenten der ermordeten Songma und zugleich ein Liebespaar. Wangs Vorgesetzter, der Generalkonsul, rauscht aus Frankfurt am Main herbei. Stets aufs Neue sehen wir zwei, drei bis zum Schluss unidentifizierte Schergen hinter dunklen Autoscheiben, die irgendetwas observieren oder irgendwen verfolgen.

          Das sinistre Personal der Importfirma Long kommt hinzu - nicht zu vergessen einige chinesische Uiguren, unter ihnen auch das nach Songma zweite Mordopfer. Wer gehört zum Geheimdienst, wer zur Chinesen-Mafia, wer zu den uigurischen Exilanten, wer ist gut, wer böse?

          Herr Wang (Maverik Quek) tarnt seine finsteren Machenschaften, indem er als chinesischer Kulturattaché auftritt. Kriminalassistentin Krusenstern (Friederike Kempter) kommt er erst gar mit „Turandot“, sondern gleich mit einer Waffe nahe.

          Einen absichtsvoll heillosen Personen-Wirrwarr richtet das Drehbuch von Orkun Ertener an. Aber bis Thiel dann der Kragen platzt, knüpft die Regie von Lars Jessen daraus eine für uns, die Zuschauer, ganz folgerichtig ablaufende Ereigniskette - was schert es, wenn der Kommissar nicht durchblickt?

          Ein Ereignis für sich ist die Liebesszene, in die Drehbuch wie Regie den programmatischen Anti-Erotiker Boerne und die eiskalt glühende Emphatikerin Songma treiben, ganz so, als wären sie Wiedergänger von Kalaf und Turandot aus Puccinis Oper - „Nessun dorma“ gibt es im weiteren Verlauf auf der Tonspur dann naturgemäß auch.

          Der Professor trägt den blauen Anton

          Auch sonst ist es Jan Josef Liefers, der von dieser gegen den üblichen Strich gebürsteten Münsteraner „Tatort“-Folge besonders profitiert. Dass er seinen Professor Boerne nur bei der Vernissage von Songmas Lampion- und Bambus-Installation im Stadtmuseum mit der gewohnten Hochnäsigkeit und im erwartbaren Smoking spielen muss, erweitert sein darstellerisches Repertoire ungemein - zudem steht ihm der blaue Anton ausgemacht gut, in den ihn die Gefängnisverwaltung steckt und den er danach den ganzen Film hindurch wie eine Trophäe trägt.

          Dass es in diesem „Tatort“ auch um so ernste Dinge wie die Verfolgung von Dissidenten und die Unterdrückung der Uiguren in China geht, nimmt man ebenso hin wie den Umstand, dass die Künstlerin Songma allzu offensichtlich das fiktive weibliche Pendant zum real weltberühmten Konzeptartisten Ai Weiwei abgeben muss.

          Ja, es steckt viel Botschaft in der „chinesischen Prinzessin“ - aber sie mindert die Spielfreude der Schauspieler ebenso wenig wie das Zuschauervergnügen an all den absurden bis abstrusen Volten der Handlung. Auch Axel Prahl erhält noch einen famosen Auftritt: Wie Thiel mit ganzem Körpereinsatz auf den am Boden liegenden Verdächtigen hechtet und ihn so zur Strecke bringt - das hat im vollen Wortsinn Wucht und Gewicht.

          „Ist das jetzt ,Versteckte Kamera‘, ist das ,Verstehen Sie Spaß?‘ , mutmaßt Thiel, als ihm ob der Unbegreiflichkeit des verwirrenden Geschehens der Kragen platzt. Eine halbe Stunde hat er da noch Zeit, um alles auf die Reihe zu kriegen und den oder die Mörder dingfest zu machen. Wie fast immer im „Tatort“ aus Münster ist die Lösung des Falles auch dieses Mal eher hanebüchen, mithin jeder Logik, jeder Wahrscheinlichkeit abhold. Deutschlands beliebtestem Ermittlerpaar Boerne und Thiel können solche Misshelligkeiten jedoch längst nichts mehr anhaben. Ihr Unterhaltungswert liegt stabil über der Marke von zehn Millionen Zuschauern pro Folge. Es gibt keinen Grund, warum diese Marke morgen Abend unterschritten werden sollte.

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