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„Tatort: Der schöne Schein“ : Ein langer Kuss zum Abschied

  • -Aktualisiert am

Letzter Flirt, gleich letzter Kuss: Klara Blum und Stefan Gubser Bild: dpa

An Grausamkeiten mangelt es nicht in diesem Bodensee-„Tatort“aus einer Schönheitsklinik. Klara Blum ermittelt ein letztes Mal mit dem Schweizer Kollegen Reto Flückiger. Das hat naturgemäß auch Konsequenzen für die Schauspieler Eva Mattes und Stefan Gubser.

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          Es gibt einen auffallenden Fremdling in diesem „Tatort“. Es ist ein alter Volvo. Er fällt ins Auge, weil man sonst in diesem Film die Staubkörner zählen kann. Wir befinden uns auf einer Schönheitsfarm an der deutsch-schweizerischen Grenze am Bodensee. In der Klinik reihen sich aalglatte Schlipsträger an aalglatte Kostümmädchen; man rechnet jede Filmsekunde damit, dass die Kittelmenschen auf dem hellen Marmorboden ausrutschen und zerschellen wie Porzellanpüppchen.

          Oder dass die Champagnergläser von den schrillen Stimmen der hoffnungsvoll-unglücklichen Kundinnen zerspringen, aus deren undichten Brustimplantaten Sojamilch ausläuft. Die Türen öffnen sich in dem tageslichtdurchfluteten Gebäude wie in alten Star-Wars-Filmen, wenn Darth Vader sein Raumschiff betritt: Das Schiebetüren-Geräusch sorgt immer noch für Cyber-Gefühle.

          In diese überzogene Welt der klinisch Schönen wird der „Tatort“ verlegt (Buch: Susanne Schneider, Regie: René Heisig). Klara Blum (Eva Mattes) ermittelt gemeinsam mit ihrem Herzenskollegen aus der Schweiz, Reto Flückiger (Stefan Gubser). Es ist ihr letzter Doppeleinsatz. Flückiger bekommt einen eigenen Schweizer „Tatort“. Deshalb wird auch Blums Polizeipartner Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) wieder aus seiner Schmollecke geholt und darf als verdeckter Ermittler in den Wellnessbereich. Er trottet als „Burnouter“ handy- und hoffnungslos durch die Gänge.

          Als vorgeblicher Burnout-Patient bekommt Blums Assistent Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) von Gloria Riekert (Ursina Lardi) Lichttherapie verordnet
          Als vorgeblicher Burnout-Patient bekommt Blums Assistent Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) von Gloria Riekert (Ursina Lardi) Lichttherapie verordnet : Bild: SWR/Stephanie Schweigert

          Nicht mehr jung, aber schön geblieben

          Sein Interesse gilt vier Menschen, die sich seit dem Studium kennen und sich Zusammenhalt geschworen haben. Sie sind alle nicht mehr ganz jung. Doch sie sind schön geblieben, sie sind Ärzte in der Klinik, sie wissen, wie Falten verschwinden. Der jaguarfahrende Anästhesist Peter Marquardt (Johann von Bülow, den wir in der vergangenen Woche schon beim Kölner „Tatort“ als arg hinterlistiges Geschöpf erleben durften), seine selbstbewusste, mächtige Frau Bonnie (Nadine Kettler), der die Schönheitsfarm gehört. Dann der arrogante Chirurg Holger Riekert (Andreas Pietschmann) und seine wasserstoffblonde, auffällig empfindsame Frau Gloria. Geheimnisse umwehen sie alle vier, wie ein starker Herbststurm: Ihr perfekter Teint bleibt aber nicht lange unberührt.

          Die absolute Macht hat Bonnie Marquardt als Geschäftsführerin. Ihr Auftritt endet früh auf dem Sitz eines Planetariums mit einem großen, goldenen Fisch im Mund - aus dem Aquarium von Gloria. Wir sehen sie zappeln, wir sehen, wie ihr die Luft ausgeht. Bonnie hatte ein Verhältnis mit Holger, Peter hat eine Geliebte, und Gloria ist schwanger. Vier Freunde. Jede Figur leidet an den anderen und lässt die anderen leiden. Geht es um Gier, Eifersucht, kriminelle Geschäfte? Wie viele werden sterben? Die Morde wecken Erinnerungen an schwedische Thriller.

          Wie ein Blitz am Himmel

          In diesem Film wird kontinuierlich gemordet - und wenn man gerade denkt, wie schön, dass der Vollzug, die Grausamkeit erspart bleibt (dafür allerdings das Herumhantieren des Schönheitschirurgen im Bauch einer Patientin, begleitend mit den Worten „wie kann man nur so viel fressen“), erwischt es einen doch: die pure Gewalt. Gloria Riekerts Haar ist zu Anfang fast farblos, ihr exakt geschminktes Gesicht zeigt kaum Regungen. Am Ende werden sich Schatten zeigen und Augenringe Furchen brechen.

          Klara Blum vertraut ihrer Intuition, die leider des Öfteren fast esoterische Züge trägt. Sie ist der Schwachpunkt in diesem sonst packenden, von René Heisig gut in Szene gesetzten „Tatort“. Und des Rätsels Lösung zuckt plötzlich wie ein Blitz am Himmel auf, so unmittelbar, wie es nur gute „Tatorte“ schaffen. Eins, zwei, drei, vier? Der Gutmensch Reto Flückiger bekommt einen langen Kuss von Klara. Er nimmt ihn gelassen hin und sagt nur sanft: „Ich gehe ja nur nach Luzern.“ Dort wird er seine eigenen „Tatorte“ besuchen. Und Klara Blum muss wieder allein zurechtkommen - wie immer bei einem Glas Wein.

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