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„Tatort“ der ARD : Ich hab’ noch einen „Tatort“ in Berlin

Hereinspaziert, Tiere, Menschen, Komissare! Auch Ulrich Tukur bittet inzwischen in die „Tatort“-Manege. Was da nicht alles los ist. Und vor allem: Wer alles! Bild: HR/Katrin Denkewitz

Jetzt bekommt auch noch Heike Makatsch einen „Tatort“. Wo soll das mit der erfolgreichen Krimireihe der ARD noch hinführen? Was kommt als Nächstes? Wir hätten da ein paar Vorschläge.

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          Wer hat noch nicht, wer will noch mal? So scheint inzwischen das Prinzip beim „Tatort“ zu lauten. Wer hat noch keinen Kommissar gespielt, wer möchte? Heike Makatsch will oder soll eine Ermittlerin geben, in einem einmaligen „Event-Tatort“ des Südwestrundfunks in Freiburg. Das liefert eine bittere Pointe und bestätigt einen Trend.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die Pointe lautet, dass der SWR das Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg abwickelt und die Stadt im Breisgau dafür ein kleines Trostpflaster bekommt. Heike Makatsch, die wir noch als beeindruckende Margarete Steiff (aus Giengen an der Brenz) in Erinnerung haben, rückt Freiburg wenigstens einmal zurück auf die Landkarte der ARD – die Musik spielt bekanntlich künftig woanders, am Senderhauptsitz in Stuttgart.

          Die neue „Tatort“-Schule

          Der Trend besteht in der Umkehrung des tradierten „Tatort“-Prinzips, das da lautet: Der „Tatort“ macht Schauspieler groß, macht solche vom Theater im Fernsehen bekannt, bringt sie durch bis zur Rente (wie die Kollegen Ballauf und Schenk in Köln oder Batic und Leitmayr in München) oder ganz groß raus wie ehedem den unverwüstlichen Horst Schimanski, mit dem Götz George ins Kino ging, zum WDR zurückkam in Filmen, die dann nur noch „Schimanski“ hießen und – das scheint George inzwischen richtig Spaß zu machen – mit dem er immer noch identifiziert wird. Er könnte die Rolle auch noch aus dem Seniorenstift spielen. Das ist die alte Schule.

          Die neue indes bringt noch nicht ganz so gelungene Jugendexperimente hervor wie beim MDR in Erfurt oder macht den „Tatort“ zum Prominenten-Vehikel. Das gilt für den in Hamburg, der für Til Schweiger maßgeschneidert wurde (Fahri Yardim als schlagkräftige Nummer zwei nicht zu vergessen) und als Hard-Boiled-Krimi ganz ausgezeichnet funktioniert. Für den „Tatort“ mit Maria Furtwängler als Kommissarin Charlotte Lindholm galt das eigentlich schon immer – die Krimis aus Hannover zielen nur auf die Hauptbesetzung. Wird eine zweite Rolle zu groß (etwa die von Ingo Naujoks), kommt sie in den Drehbuch-Häcksler.

          Freifahrtschein für die „Tatort“-Macher

          Ulrich Tukur tritt einmal im Jahr als LKA-Ermittler in Wiesbaden auf. Seine Figur Felix Murot hat der Hessische Rundfunk nach den Vorlieben des Schauspielers angelegt: intellektuell, kultiviert und unkonventionell. Der Tumor, den dieser Murot in sich trägt, erlaubt es zudem, ihm ganz flexibel ein Ende zu setzen. Wobei der HR im Umgang mit namhaften Darstellern ein gebranntes Kind ist: Nina Kunzendorf ist aus dem Frankfurter „Tatort“ viel zu früh ausgestiegen. Kaum war sie weg, ergriff Joachim Król die Flucht. Zuvor hatten sich beim Frankfurter „Tatort“ Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf in ihren Rollen auseinandergelebt. Nora Tschirner und Christian Ulmen, die demnächst für den MDR ihrer Premiere in Weimar geben, sind derweil längst zwei eigenständige Marken, von denen sich weisen wird, wie sie sich mit dem „Tatort“ vertragen.

          Der letzte „Tatort“-Neuzugang: Heike Makatsch soll demnächst für einen einmaligen Event-“Tatort“ in Freiburg ermitteln. Bilderstrecke

          Der „Tatort“ als Comedy? Haben wir längst, in Münster mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers als odd couple. Als Kammerspiel kennen wir ihn auch, als Sittengemälde, in misslungenen Fällen als gesellschaftspolitische Lehrstunde. Als solche hat die Reihe 1971 auch angefangen, allerdings gar nicht lehrbuchhaft, sondern revolutionär, mit einem Fall, an den sich jeder erinnert, der den Film von Peter Schulze-Rohr gesehen hat: Im „Taxi nach Leipzig“ wird ein toter Junge von West- nach Ostdeutschland gebracht und gegen seinen Zwillingsbruder ausgetauscht. Der erste „Tatort“ mit Walter Richter als Kommissar Trimmel war zugleich einer der besten aller Zeiten: aktuelle Zeitgeschichte, erzählt anhand einer Familientragödie, und packender Kriminalfall in einem.

          Doch die „Tatort“-Macher können im Grunde tun und lassen, was sie wollen. Sie können ihn verjüngen und gleich fünf neue Teams an den Start schicken (Hamburg/Schweiger; Norddeutschland/Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller; Erfurt/Alina Leshin/Friedrich Mücke/Benjamin Kramme; Saarbrücken/Devid Striesow; Weimar/Tschirner, Ulmen), dass man beinahe den Überblick verliert, wer da wo alles spielt. Sie können den „Tatort“ modernisieren, einen verrückten Kommissar einführen wie im „Tatort“ aus Dortmund mit einem fulminanten Jörg Hartmann. Sie können durchaus ansehnliche Paarungen außer Dienst stellen (Dominic Raacke und Boris Aljinovic in Berlin). Sie können es sogar mit einer Mischung aus Prominenz, Regionalität und Komödie versuchen, wie demnächst der Bayerische Rundfunk mit Dagmar Manzel, Fabian Hinrichs, Eli Wasserscheid und Frank-Markus Barwasser im Franken-„Tatort“.

          Wo bleibt eigentlich Veronica Ferres?

          Sie können mit dem Speck nach der Schwarte schmeißen. Sie müssen sich keinen Deut um Traditionen scheren – die Reihe taugt als Passepartout für so gut wie alles, und alle schauen hin: Weniger als acht Millionen Zuseher hat kaum eine Episode, mag sie noch so mäßig sein, die besseren kommen auf zehn Millionen Zuschauer, die Filme aus Münster sogar auf mehr als zwölf Millionen. Es gibt nichts, was es nicht gibt, schon gar nicht, wenn man den „Polizeiruf 110“ hinzunimmt, etwa den meist experimentell-überragenden mit Matthias Brandt in München.

          Und doch fragt man sich, angesichts der geballten Klasse und Masse, wann der Zenit überschritten ist. Zweiundzwanzig verschiedene Ausgaben des „Tatorts“ gibt es im Augenblick, rechnet man Wien und Luzern dazu, zweiundzwanzig Teams oder Einzelermittler, deren Geschichten in den dritten Programmen der ARD auch noch auf Teufel komm raus wiederholt werden. Man kann darin die hiesige Gegenwelt zu den amerikanischen Qualitätsserien entdecken. Man kann sich aber auch fragen, wann es des Guten zu viel ist. Den „Tatort“ als einmaliges „Event“ zu inszenieren könnte eine Show-Umdrehung zu viel sein. Eigentlich erstaunlich, dass Christine Neubauer und Veronica Ferres noch keinen eigenen „Tatort“ haben. Und irgendwann ermittelt Bernd, das Brot.

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