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„Tatort“ : Das Spukschloss im Hintertaunus

Im „Tatort“ des Hessischen Rundfunks ist alles möglich: Alice (links) und Ellen Kessler tanzen für Kommissar Murot Bild: dapd

Unter dem Deckmantel einer „Tatort“-Folge hat der Regisseur Justus von Dohnányi eine surreale Dorfkomödie in Szene gesetzt. Darf man das?

          Hier stimmt, realistisch betrachtet, eigentlich gar nichts. Deshalb kann die Summe des vollkommen Unplausiblen, die dieser „Tatort“ den Zuschauern zumutet, am Ende natürlich auch keinen ernstzunehmenden Kriminalfall ergeben.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Da ist zunächst die Hauptfigur: Kommissar Murot vom hessischen Landeskriminalamt. Er ist seit dem vergangenem Jahr im Fernsehdienst, „Das Dorf“ ist nun sein zweiter Fall. Gleich in der ersten Folge mit dem Titel „Wie einst Lilly“ wurde bei ihm ein Hirntumor diagnostiziert, was ihn aber nicht davon abhält, trotz permanenter Absencen, Sehstörungen und einer ganzen Reihe weiterer maligner Symptome munter seinem Dienst nachzugehen, bewaffnet lediglich mit einer Packung Pillen. Kein deutscher Beamter würde und, da sei der Amtsarzt vor, dürfte so etwas je tun.

          Weitgehend unlogisch

          Hartnäckig dementiert der produzierende Hessische Rundfunk in Gestalt seiner Fernsehspielchefin Liane Jessen, dass sich Murots Darsteller, der vielgefragte und höchst beschäftigte Starschauspieler Ulrich Tukur (zuletzt bei Dreharbeiten als Generalfeldmarschall Erwin Rommel in Aktion), die Krankheit vertraglich ausbedungen habe, um die LKA-Rolle gegebenenfalls ganz rasch wieder loswerden zu können. Aber selbst, wenn es Tukur mit Murot ernst meinen sollte: Ein Ermittler, der über seinen Tumor lieber witzelt als schnurstracks in die Klinik zu marschieren, kann in jeder Beziehung nur eingeschränkt glaubhaft sein.

          Weitgehend unlogisch wird auch der Fall selbst entwickelt. Murot eilt einem ehemaligen Kollegen, der nun im Hintertaunus ein kümmerliches Kommissariat verwaltet, von Wiesbaden aus zu Hilfe, um einen Mord - oder vielleicht doch deren zwei? - zu enträtseln. Dazu dienen auch Besuche in der Amtsstube des fiktiven Örtchens Dornstein und in der Pathologie. Dennoch sollen wir im Fortgang tatsächlich glauben, niemand im Dorf habe Murot als Polizisten wahrgenommen.

          Es kommt noch kruder: Gerade der allwissende, alles und alle beherrschende Schlossbesitzer Bemering (Thomas Thieme), der mit dem Kommissar bei erlesenem Rotwein pseudophilosophische Gespräche über den Wert des Menschen an sich führt, muss seinen Gast um des Drehbuchs von Daniel Nocke willen für einen auswärtigen Geschäftsmann halten, der sich partout an einer besonders schäbigen Dorf-Immobilie interessiert zeigt.

          Hohle Gassen und finstere Gänge

          Es lohnt nicht, weitere Ungereimtheiten aufzulisten. Denn angesichts des hanebüchenen Verlaufs wird rasch klar, dass es dem Regisseur Justus von Dohnányi unter dem Deckmantel des „Tatorts“ um etwas ganz anderes geht: um eine leicht surreale und ziemlich skurrile Komödie voller ironischer Anspielungen etwa auf die noch in Schwarzweiß gedrehten Krimis der fünfziger Jahre.

          Also gibt es nach dem üblichen Vorspann des „Tatorts“ gleich einen zweiten, dessen Retro-Ästhetik auch die Erkennungsmelodie der „Miss Marple“-Filme zitiert. Das Spukschloss im Spessart feiert im hintersten Taunus Urständ. Eine dem Oldtimer-Museum entronnene frühe Stretch-Limousine von Mercedes Benz gleitet durch das menschenleere Dorf. Und Bemerings Butler Dietrich (Tobias Langhoff) huscht durch hohle Gassen und finstere Gänge, als sei er Nachfahr und Nachfolger des inzwischen hochbetagten Eddi Arent aus den Edgar-Wallace-Verfilmungen seliger Zeit.

          „Sag mir quando, sag mir wann?“

          Auslöser für die Höhepunkte der Komödie ist jeweils der Tumor, den Murot und seine fürsorgliche Assistentin mit dem sprechenden Namen Wächter (strickend in Hochform: Barbara Philipp) gern als „Nuss“ bezeichnen und der, obwohl männlich, überdies auf den Mädchennamen „Lilly“ hört. Zunächst also spiegelt dieser oder diese Lilly dem Kommissar in der tristen Dorfkneipe eine flirrende Persiflage auf den Siebziger-Jahre-Hit „Ballroom Blitz“ von den „Sweet“ vor, später wird die tumultuöse Geschwulst ihrem Träger noch ein imaginiertes Tango-Wunder mit der so schönen wie verrückten Ärztin Dr. Herkenrath (Claudia Michelsen) bescheren.

          Zu Höchstform aber läuft Murot auf, wenn sich Ulrich Tukur im Kaminzimmer des Schlosses ans Klavier setzt, virtuos eine Melodie intoniert, plötzlich aber alles doppelt sieht - und vor seinen wie vor unseren Augen dann die auch in ihrem achten Lebensjahrzehnt immer noch anmutigen Kessler-Zwillinge Alice und Ellen den Evergreen „Sag mir quando, sag mir wann?“ singend und tanzend aufs Parkett legen. Das, in der Tat, hat sehr viel Stil, während es in den unterirdischen Verliesen von Dr.Herkenraths Dorfpraxis desto alberner zugeht.

          Alle am Filmteam Beteiligten dürften während der Dreharbeiten im Taunusstädtchen Usingen vor einigen Monaten sehr viel Spaß gehabt haben. Nach deren Abschluss versprach Ulrich Tukur dann in einem Interview uns Zuschauern „den schrägsten ,Tatort‘, den Sie je gesehen haben“. Schräg ist der Film von Justus von Dohnányi allemal, ein „Tatort“ aber eher nicht.

          Der Tatort. Das Dorf läuft an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten

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