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„Tatort“ aus Franken : Wem gehört der verlorene Schädel?

Schauen Sie doch einmal bitte: Der Doktorand Philip (Nils Strunk) hat etwas entdeckt, das der Professorin Magdalena Mittlich (Sibylle Canonica) gar nicht gefällt. Bild: Claussen+Putz Filmproduktion Gmb

Im „Tatort. Das Recht, sich zu sorgen“ gehen die Nürnberger Kommissare den Dingen des Lebens auf den Grund. Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs spielen sich mit ihrem zweiten Fall nach ganz vorn.

          Steffi Schwinn hat verschlafen. „Warum hast du mich nicht geweckt?“, will sie von ihrer Mutter wissen. Eine Antwort bekommt das junge Mädchen nicht. Andrea Schwinn liegt in der Stube des Gasthauses, das die Familie führt. Erstickungstod durch Erwürgen, stellt die Polizei fest. Der Vater ist verschwunden. Die Kommissare, die besonnene Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und ihr mitunter ungelenk auftretender Kollege Felix Voss (Fabian Hinrichs), vermuten ein Familiendrama, hier im mittelfränkischen Wald.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Währenddessen macht ein Medizinstudent im Anatomischen Institut des Würzburger Universitätsklinikums eine seltsame Entdeckung: Der Schädel, den er in den Händen hält, passt nicht zu dem übrigen Skelett, das er vor sich hat. Professorin Magdalena Mittlich (Sibylle Canonica) ist wenig amüsiert und schickt ihn nach Hause: „Sie sollen hier nicht die Nacht durchmachen!“ Insgeheim geht sie der Sache dann doch nach. Der Polizeipräsident Mirko Kaiser (Stefan Merki) ist ein guter Bekannter, der kann sich doch kümmern. Kaiser gibt sich dienstbeflissen. Er weiß auch schon, wem er die Sache aufs Auge drückt. Paula Ringelhahn und Felix Voss dürfen auch dieses Rätsel lösen.

          Bitte suchen Sie meinen Sohn!

          Vor dem Nürnberger Polizeipräsidium am Jakobsplatz hat derweil Lydia Eichbaum (Tessie Tellmann) ein Zelt aufgeschlagen. Inständig bittet sie darum, nach ihrem 34 Jahre alten Sohn zu suchen. Den Sohn bilde sie sich nur ein, erfährt Paula Ringelhahn von einer Kollegin. Doch ist der Fall damit abgetan? Schließlich ist da noch die Reinigungskraft Agnieszka Lies (Karolina Lodyga). Auch sie hat den Wecker nicht gehört. Halb so schlimm, meint Tochter Romy (Lotti Kreitmeyr), schließlich habe sie heute Spätschicht im Würzburger Klinikum. Agnieszka bekommt einen Muffin zum Frühstück, garniert mit ihrem Namen. Ein weiterer ist für den Vater bestimmt. Sobald Romy aus der Tür ist, wirft Agnieszka Papas Muffin in den Müll.

          Sie ruft vergebens nach ihrer Mutter: Barbara Prakopenka spielt die junge Steffi Schwinn.

          Was haben die Geschichten miteinander zu tun? Zunächst scheinbar nichts. Erst am Ende wird der rote Faden des Drehbuchs von Beate Langmaack sichtbar. Wer ein fulminantes Aha-Erlebnis erwartet, wird enttäuscht. „Das Recht, sich zu sorgen“ (Regie Andreas Senn) ist ein nachdenklicher Film, mit nachdenklichen Kommissaren, die einer Geschichte nach der anderen auf die Spur kommen, deren gemeinsames Muster sich allmählich zeigt. Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs machen sich ihre Figuren in einer Weise zu eigen, die einen nicht denken lässt, dass dies erst ihr zweiter gemeinsamer Auftritt im Franken-„Tatort“ ist. Sie erforschen innere Abgründe und reisen durch ein Wunderland, das der Kameramann Holly Fink in bestechenden Bildern zu inszenieren weiß, die Vera van Appeldorn so kunstvoll zusammenschneidet, dass man eine Vorstellung davon bekommt, wie ein guter Heimat- oder Regionalkrimi, den sich der Bayerische Rundfunk mit den „Tatort“-Episoden aus dem Frankenland vorgenommen hat, aussieht.

          Für die Kommissare Ringelhahn und Voss, und mit ihnen für die Zuschauer, fügen sich die Mosaikstückchen zusammen: Dem Mord im Landgasthaus ging offenbar ein Familienstreit voraus. Die zwanzigjährige Steffi (Barbara Prakopenka) litt unter dem ewigen Zwist ihrer Eltern. Kommissar Voss begleitet die niedergeschlagene junge Frau durch die Dämmerung, dann macht er sich auf die Suche nach dem im Wald verschwundenen Vater. Holger Schwinn (Jörg Witte) wird schließlich selbst bei den Kommissaren vorstellig. Voss redet ihm ins Gewissen. Den Fall von Lydia Eichbaum weiß indes Kommissarin Ringelhahn zu lösen. Sie schafft Gewissheit, die der verzweifelten Mutter lieber ist als die elende Warterei. Auch hier spielt sich ein Familiendrama ab. Und der Fall in Würzburg? Was hat es mit dem vertauschten Schädel auf sich? Welche Rolle spielt die Reinigungskraft Agnieszka? Es bahnt sich ein weiteres Familiendrama an.

          Die beschauliche Kulisse täuscht: Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) setzen sich mit ihrem zweiten Fall auseinander.

          Die Knochen passen nicht zusammen

          Dass es zwischendrin unfreiwillig komisch wird, ist der jungen Kriminalkommissarin Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid) zu verdanken, die sich für den Doktoranden Philip (Nils Strunk) interessiert. Ringelhahn und Voss schlüpfen spontan in die Rolle von Mutter und Stiefvater, die nur mal schauen wollten, ob für ihren angeblichen Sprössling Wanda trotz latentem Brechreiz in der Leichenhalle ein Medizinstudium in Frage käme. Dem Regisseur Andreas Senn glücken nach dem vielschichtigen Drehbuch von Beate Langmaack auch diese Szenen. Da stimmt jeder Ton, jede Geste, jeder Blick.

          In Fall Nummer drei nimmt der junge Präparator Lando Amtmann (Jan Krauter) eine unheilvolle Rolle ein, die den Zuschauer am meisten berührt. Und immer geht es um „Das Recht, sich zu sorgen“ und die Frage, wie man es auslegt. Dass der erste „Tatort“ aus Franken zwölf Millionen Zuschauer hatte, mochte der Neugier auf die Neuen geschuldet sein. Mit ihrem zweiten Fall, in dem drei Geschichten zu einer großen verwoben werden, beweisen die Ermittler, dass sie ein großes Publikum verdient haben.

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