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„Tatort. Babbeldasch“ : Kaum dürfen sie frei sprechen, reden sie Nonsens

  • -Aktualisiert am

Das gefiel nicht allen: Im „Tatort. Babbeldasch“ kehrte die ermordete Theater-Prinzipalin Sophie Fetter (Malou Mott, links) als böser Geist wieder. Der Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts, rechts) erschien sie immer wieder. Bild: SWR/Martin Furch

Der Ludwigshafener „Tatort. Babbeldasch“ geht als pfälzisches Improvisationstheater über die Bühne, ohne Skript und ohne doppelten Boden. Leider geht das Experiment ziemlich in die Hose.

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          An diesem Experimentalfilm mögen sich die Geister scheiden. Spielleiter, Improvisationstrainer, Laiendarsteller und das Schauspielerteam um Ulrike Folkerts werden sich zur Ausstrahlung vermutlich freuen wie verrückt über die „mittelschwere Sensation“ (Regisseur Axel Ranisch) des ersten komplett improvisierten und in pfälzischer Mundart ausgestrahlten „Tatorts“ mit dem Titel „Babbeldasch“ (Hochdeutsch: Plaudertasche). Man gönnt es den Beteiligten aufs herzlichste. Die Stimmung am Set muss super gewesen sein. Andreas Hoppe, der den Kommissar Mario Kopper spielt, erinnert sich an das herrliche sizilianische Essen. Mitglieder des Amateurtheaters Hemshofschachtel loben die „angstfreie Atmosphäre“ beim herrschaftsfreien Dreh. Jemand aus dem Ensemble schwärmt von „einfach machen und nicht denken“. „Echte Menschen“, die babbeln „wie ihnen der Schnabel gewachsen ist“, „spielen (hier) phänomenal“, meint Axel Ranisch. Aber.

          Mehr als tausend „Tatorte“, davon 65 aus Ludwigshafen, und die seit Jahren angestimmte Klage, dass der heiligen Kuh des Sonntagabendfernsehens seit dem Stuttgarter Kommissar Bienzle das Regionale gründlich ausgetrieben wurde: Die Zeit ist wohl reif für radikale Provinzialität. Axel Ranisch, der sonst gelungene bis hochunterhaltsame Improvisationsfilme dreht wie „Heute fühl ich mich Disco“ oder „Alki Alki“, arbeitet mit seinem Improvisationstrainer Peter Trabner und Drehbuchautor auf immergleiche Weise.

          Geprobt wird nicht

          Erst wird eine Handlung grob umrissen. Dann entstehen ein Bildertreatment und die Viten der Figuren. In Workshops entwickeln Spielteilnehmer ihre Rollen. Gedreht wird chronologisch, ohne Proben. Erst kurz davor erfahren die Teilnehmer, worum es in der nächsten Szene geht. „Wir erklären den ersten Take zum Heiligtum“, sagt Ranisch. In rundum beleuchteten Sets wird mit Handkameras gedreht. Es geht um echte Echtheit. Man ahnt das Problem. Nur einen Anspruch hat Ranisch an seine Filme. Sie sollen „ehrlich, herzlich und charmant“ sein.

          Das ist ja wie im Theater: Die „Tatort“-Crew besetzt die Ränge.

          Die Idee zu „Babbeldasch“ hatte, so wird berichtet, SWR-Fernsehspielchefin Martina Zöllner, nachdem sie „Ich fühl mich Disco“ sah. Der von ihr angeregte Handlungsverlauf passt zu Ranischs experimenteller Arbeitsweise wie die Faust aufs Auge: Im Ludwigshafener Kleintheater „Babbeldasch“ stirbt die divenhafte Prinzipalin Sophie Fettèr (Malou Mott) während der Vorstellung der Komödie „Die Oma gibt Gas“ beim Verzehr eines hinterhältig mohngefüllten Schokocroissants an einem allergischen Schock. Lena Odenthal (Ulrike Folkerts), als Begleitung des Kriminaltechnikers Peter Becker (Peter Espeloer) eher minder überzeugt von den Qualitäten des Stücks, gesellt sich undercover als einzige Nichtmundartlerin und angebliche Schauspielnovizin zu der Truppe.

          Die tote Sophie erscheint ihr im Traum, droht ewige Wiederkehr an, falls sie den Fall nicht aufkläre. Eifersüchteleien stellen das Weiterbestehen des Theaters in Frage. Fettèrs Ehemann Sascha Werner (Andreas Assannoff) streitet mit Manfred Oehlenschläger (Gerd Rohrbacher), Bühnentechniker und Nachbarschaftsbäcker. Offenbar führten sie mit Sophie fast vierzig Jahre lang eine Ménage à trois. Zur Beerdigung taucht die Tochter der Prinzipalin, Sarah Fettèr (Petra Mott), auf. Sie besteht auf dem Outing der Beziehung mit ihrer lesbischen Freundin, die den Ehemann nicht verlassen will. Vermieter und Schmierlappen Bohlmann (Harald Dimmler) plant, anstelle der Kleinkunstbühne ein Flüchtlingsheim zu errichten, und schickt einen Beamten, der das Haus wegen Sicherheitsmängeln dichtmacht. Und so geht es weiter und geht so fort, wie auf dem Theater.

          Wer aber hat nun das Todescroissant gefüllt? Dass der Fall zu Ende gebracht werden muss, setzt Sönke Andresens Drehbuch voraus. Und das wird zum Problem, denn hier wird gespielt um des Spielens willen. Und das nicht besonders gut. Laien, die authentisch reden, reden nicht mehr authentisch, wenn sie beobachtet werden. Das Lebensnahe wirkt gestelzt, hölzern und entsetzlich langweilig. Sobald sie frei sprechen, geben die Leute nur noch Platitüden von sich. Der Rede wert ist bestenfalls die Tonspur, die der Ödnis mit Rossini oder Griegs „Bergkönig“-Motiv aus „Peer Gynt“ Pep geben soll.

          Eine „Kriminaloperette ohne Gesang“ nennt der sympathische Axel Ranisch seinen „Tatort“, und das soll wohl auf das Wandertruppenerbe der Operettenform, die „leichte Muse“, die Mundart und den Vorzug des gesprochenen Dialogs vor dem Rezitativ hinweisen. Leider schlafen einem dabei die Füße ein. Gern hätten wir das Experiment gelobt. Nächstes Mal? Dann kommt Kommissar Kopper, der sich in den Urlaub verabschiedet, vielleicht gar nicht mehr zurück.

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