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„Tatort“ aus Wien : Muskeln zeigen

  • -Aktualisiert am

Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) folgen Markus Hangl (Laurence Rupp) zum Spint. Bild: ARD Degeto/ORF/Allegro Film/Hube

Der Wiener „Tatort“ geht unter die Pumper: Der als Suizid inszenierte Mord an einem Bodybuilder führt die Kommissare Eisner und Fellner ins Muckibudenmilieu. Stand die Tat im Zusammenhang mit dem Pillengeschäft?

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          Dieser Selbstmörder war irgendwie komisch, meint der Zugführer. Kurz vor dem Aufprall bewegte sich der Getötete halb von den Gleisen. Er sah aber nicht aus wie einer, der es sich plötzlich anders überlegt. Der Fahrer muss es wissen. Es ist sein zweiter Toter allein in diesem Jahr. Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) sind ungerührt. Einen Kaffee, schwarz natürlich, Frühstück an der Fundstelle, bittschön gleich. Wobei man „halb von den Gleisen bewegt“ wörtlich nehmen kann. Was wohl daran liegt, dass Iovan Savic (Kevin Stütz) fast jeden Tag zum Gewichtepumpen in Arnis Fitnessstudio ging. Lebensmüde schien er nicht gewesen zu sein, hatte ein Faible für James Bond, besaß sogar ein Selfie mit Daniel Craig am Autoschlüsselbund, und, ganz stilecht, einen Aston Martin. Mit dem Sportwagen rast jetzt ein fröhlicher Obdachloser durch Wien, der das Glück des Schlüsselfunds kaum fassen kann und das Auto so vermüllt, dass jede Spusi verzweifelt.

          Eisner und Fellner ermitteln im ersten unter Corona-Hygienebedingungen gedrehten „Tatort“ nach der Sommerpause im Muckibudenmilieu, in einem ganz klassischen Kriminalfall fast nur unter Männern, die von Lifestylefitness noch nie etwas gehört haben. Als die Wiener Polizei in Arnis schmuckloser Foltergerätehalle auftaucht, sind die Instrumente voll belegt und die Muskelpakettypen höchst wortkarg. Dass hier, wo viele Albaner aus dem Kosovo trainieren, dunkle Geschäfte gemacht werden, scheint ohnehin klar, wirkt aber selbst nach „Tatort“-Standards einfallslos.

          Pillendeals und schwarzer Humor

          Superklischeehaft ist auch die Thekenkraft Susi (Michaela Schausberger), die zum Handtuchreichen noch den nötigen Grips mitbringt, deren Merkvermögen aber bei vierstelligen Türcodes versagt. Supergefährlich ist der stellvertretende Geschäftsführer Markus Hangl (Laurence Rupp), superahnungslos zeigt sich Chef Arni (Victor Krüger) mit der Rockeraura, der zum Mordzeitpunkt praktischerweise in Geschäften verreist war. Denn Mord war es, findet die Gerichtsmedizin heraus. Gewirkt hat das Betäubungsmittel, das Savic schachmatt setzen sollte, nicht hinreichend, weil der Bodybuilder voller illegaler Aufbaupräparate steckte.

          Polizeikollege Manfred Schimpf (Thomas Stipsits) schleust sich in die Trainingsbude ein und fällt als vergleichsweise dürrer Hering spontan auf. In der Herrendusche versagt die Tarnung vollends. Ein nackter Wiedergänger von „The Rock“ Dwayne Johnson fühlt sich nicht nur durch Blicke belästigt, Schimpf verstreut vor Schreck die gerade gesicherten Pillen, wird gestellt und verbringt den Rest des Falls zerschunden im Krankenhaus. Oberst Ernst Rauter (Hubert Kramar) ist außer sich, wie meistens in „Pumpen“. Ob auch er was genommen hat? Wurde Savic wegen des Pillengeschäfts umgebracht? Praktisch, dass die Polizisten ihren Ex-Kollegen, den Kaufhausdetektiv Rainer Kovacs (Anton Noori) gut gestählt in Arnis Pumpstation wiedertreffen. Sein Spionieren wirkt viel glaubwürdiger als das von Schimpf.

          Eisner, der zu Beginn der Ermittlung beim Imbiss noch eine „Eitrige“ verspeiste (eine fettige Wurst mit Käsebeigabe), hält bald mit schlechtem Gewissen Diät und bekommt grundschlechte Laune, Fellner darf ein Liebesleben haben, anfangs sogar heiter sein, schnell wird sie ihrem neuen Freund Franz (Christoph Kail) aber Affären unterstellen. Dem Drehbuch von Karin Lomot und Robert Buchschwenter gelingt, neben einem Hauch schwarzen Humors, die private Bibi-Seite mit der Mordklärung zusammenzuführen.

          Das Pillendealen ist nämlich bloß Nebenschauplatz. Nach und nach ergibt sich ein größerer Schwindel, ein Gesundheitssystembetrug mit real-österreichischem Hintergrund. Die eher schlichte sozialkritische Auflösung des von Josef Mittendorfer (Kamera) und Andreas Kopriva (Regie) gerade heraus in Szene gesetzten Falls ist für den Wiener „Tatort“ eher ungewohnt. Der Schluss passt viel eher zu den Fällen der Kölner Kommissare. Die Imbissszenen ohnehin. Zwischen rheinländischer Currywurst und österreichischer „Eitriger“ liegt allerdings ein Abgrund an Ungemütlichkeit.

          Der Tatort: Pumpen läuft am heutigen Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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