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„Tatort“ aus Weimar : Mit Goethe im FKK-Club

  • -Aktualisiert am

Vielleicht da oben? Lessing (Christian Ulmen) und Kira Dorn (Nora Tschirner) suchen den Täter auf einem trügerisch ruhigen Rummelplatz. Bild: MDR/Wiedemann & Berg Television/

Wahlverwandtschaften mit Kettensägenclown: Der zweite „Tatort“ aus Weimar ist eine köstliche Farce und entführt seine Zuschauer auf eine furiose Geisterbahnfahrt durch den deutschen Provinzirrsinn.

          Fragen wir nicht, was Weimar für den „Tatort“ tun kann; fragen wir lieber, was die Edeltrash-Dioskuren Murmel Clausen und Andreas Pflüger, buchtechnisch verantwortlich auch für die zweite Weimarer Lokalausgabe des großen deutschen Verbrecherjäger-Wanderzirkus, für Weimar tun können. Der auf Humor-Randale spezialisierte Clausen („Der Schuh des Manitu“, „Ladykracher“, „Hubert & Staller“) und der krimierprobte Pflüger nämlich könnten dem polierten Image der liebreizenden Stadt an der Ilm, die sich in einen Märchenschlaf geflüchtet hat, eine willkommene Abreibung verpassen. Mit der Fernsehpolizei gegen die Kulturpolizei. Eine deutsche Lockerungsübung.

          Höchst charmant jedenfalls unterlaufen die „Tatort“-Kommissare Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) alle Hochkultur-Erwartungen. Trotz gemeinsamen Kindes sind sie als Liebespaar immer noch in der Das-neckt-sich-Phase. Der analytische Aufklärer Lessing tanzt nach Frauenpfeife und verbockt alle Heiratsantragschancen, bis er von der impulsiven Kollegin gefragt wird: „Willst du meine Frau werden?“. In der guten Stube des deutschen Tiefsinns wirken die trockenen Wortwitze, die hinreißenden Schmollereien und selbst die rumpeligste Slapstick-Einlage - der olle Dienstwagen, ein 75er VW Passat L, fällt komplett auseinander - nachgerade befreiend.

          Ihre Pflicht haben Clausen und Pflüger schon im ersten Weimar-„Tatort“ vor einem Jahr erfüllt, gab es darin doch zahlreiche Bücklinge vor den klassischen Heroen, als deren Streichelzoo sich das Städtchen bis heute inszeniert. Kutschen, Kostüme, Perücken und Statuen, alles abgefrühstückt im Wurst-Krimi „Die Fette Hoppe“. Jetzt folgt die Kür, die noch lässiger daherkommt und mit der Zwiebel-Markt-Königin, dem Rudolstädter Vogelschießen, Tattoo-Studios und FKK-Clubs auf jenen Provinzwahnsinn setzt, den es hinter der Touristenfassade eben auch gibt.

          Konsequenter Irrsinn

          In jener Welt verkehrt der windige Stadtkämmerer Iwan Windisch, der eigentlich Trauer zu tragen hätte, denn gleich zu Beginn wird bei einem Überfall auf die Kämmerei seine erst kürzlich - und offenbar nur aufgrund besonderer „Untenrum“-Talente - eingestellte Sekretärin erschossen. Schnell verdichten sich Hinweise, dass das vielleicht kein Zufall war. Die Neue, nicht eben mit Genie gesegnet („Die dachte, Outlook wäre ein Teil von Australien“), hatte wohl einige Feinde im Haus, könnte aber auch der Ehe des irren Iwan gefährlich geworden sein. Umso verwunderter sind die Kommissare, dass die Spur ins Jahrmarktumfeld führt, wo man Caspar Bogdanski (Dominique Horwitz), als Figur noch bekannt aus der letzten Folge, auf der Geisterbahn als Kettensägenclown wiedertrifft.

          Auf Klassikerkalauer verzichten die Macher natürlich nicht. Goethe wird frech zum Poesiealbumdichter degradiert, indem Ulmen mit „Achtung: Gedicht“-Blick ausgerechnet die millionenfach auf Weimarer Souvenirschrott gedruckten Simpelverslein „Ich ging im Walde“ aufsagt. Die lyrisch auch nur lauwarme „Ginkgo biloba“-Reflexion - „Ist es Ein lebendig Wesen,/ Das sich in sich selbst getrennt?/ Sind es zwei, die sich erlesen,/ Daß man sie als Eines kennt?“ - ist als Spur dann sogar brandheiß, führt mitten hinein in eine „Amphitryon“ und „Die Wahlverwandtschaften“ zusammenzwingende Doppelgängerhandlung, mit der sich das Drehbuch konsequent in den Irrsinn davonmacht.

          Unlogisch ist die Handlung nicht einmal, nur eben mordsunwahrscheinlich. Alle Beteiligten scheinen den Fall selbst nicht ganz ernst nehmen zu können. „Der Irre Iwan“ ist eigentlich ein „Tatort“ nach dem Untergang des „Tatorts“, ein schöner Jux mit dem Genre. Man würde sich nicht einmal wundern, wenn die Autoren aufträten und die Figuren Witze über das Drehbuch rissen. Diese prächtige, dem verkaterten Neujahrsabend angemessene Groteske lebt von schräg-subversiven Blicken, verrückten Wendungen und von hervorragender, aus den Charakteren heraus entwickelter Situationskomik. Man muss also nicht nur den Autoren und Schauspielern dankbar sein, sondern ebenso Regisseur Richard Huber und Bildgestalter Robert Berghoff. Die ins schönste Halligalli umschlagende Sezierszene im Keller der Pathologie oder der irre Showdown, bei dem ein Känguru und eine Geisterbahn-Amazone - eine Paraderolle für die grandiose Sophie Rois - die Hauptrolle spielen, gehören wohl zu den besten absurden Momenten der „Tatort“-Reihe überhaupt. Freuen Sie sich drauf!

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