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„Tatort“ aus München : Theater der Grausamkeit

  • -Aktualisiert am

Zettelwirtschaft: Miroslav Nemec (li.) und Udo Wachtveitl rätseln noch. Bild: Bernd Schuller

Kaum etwas vermag mehr Emotionen zu wecken als tödliche Familientragödien. Und kaum ein Stoff hat im Fernsehkrimi der letzten Monate größere Konjunktur. Doch der neue „Tatort“ findet nicht den richtigen Rahmen.

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          Denn die Grausamkeit der meisten Menschen ist Phantasielosigkeit und ihre Brutalität Ignoranz.“ Kurt Tucholsky hat diesen ungeheuren Satz mit politischen Hintergedanken formuliert, aber eine viel tiefere Wahrheit getroffen. Weil Phantasie die Grundzutat der Liebe ist und diese wiederum die Bedingung der Zuversicht, bleibt vom Menschen fast nichts, wo sie mangelt. Ein solcher „Unmensch“ nicht aus Bösartigkeit, sondern aus verzweifelter Phantasielosigkeit steht im Mittelpunkt der erschreckend düsteren „Tatort“-Episode mit dem bereits nackenhaaraufrichtenden Titel „Einmal wirklich sterben“. Sein Thema ist der sogenannte erweiterte Suizid, also die kaum fassbare Entscheidung von am Leben Gescheiterten, auch die Angehörigen mit in den Tod zu nehmen.

          In diesem Fall hatte ein Mann versucht, die eigene Familie auszulöschen, nur weil seine Firma in Insolvenz gegangen war. Doch die Tat gelang ihm nur zur Hälfte: bei der ihn freudig anstrahlenden Ehefrau und dem kleinen Sohn. Sich selbst konnte er so wenig erschießen wie die Tochter, die mit diesem Trauma zu leben hat. Eine solche Wunde heilt nicht, sagt uns der Film in der atmosphärisch stimmigen Regie von Markus Imboden (Drehbuch Claus Cornelius Fischer und Dinah Marte Golch): „Die Tragödie, diese Schrecken, das setzt sich immer weiter fort.“

          Fast auf Augenhöhe: Die Tierpflegerin Emma (Anna Drexler) macht sich verdächtig.
          Fast auf Augenhöhe: Die Tierpflegerin Emma (Anna Drexler) macht sich verdächtig. : Bild: Bernd Schuller

          Und so kommt es – das ist der Startpunkt – zu einer weiteren Bluttat. Nicht nur der Vater, der inzwischen seine Strafe abgesessen hat, wird niedergeschossen, sondern auch dessen neue Frau, und zwar wiederum vor den Augen eines kleinen Kindes. Dass die ehemals verschonte Tochter, in deren Rolle Anna Drexler eine beeindruckende Schauspielerleistung zeigt, mit dieser Tat in Verbindung steht, ist keineswegs ausgemacht. Aber auf eine irritierende Art scheint das fast egal. Wenn man so tief in die Seelenabgründe der Gattung Mensch blickt, wenn man die Tragik dieses Theaters der Grausamkeit derart ausstellt – angesichts der detaillierten Rückblenden muss man sogar sagen: auskostet –, dann verliert beinahe jede dramaturgische Einfassung ihre Relevanz. Ganz besonders aber gilt das für die Wo-waren-Sie-gestern-Abend?-Ermittlungsclownerie.

          Der „Tatort“ mit seinen allenfalls leicht biegsamen Gesetzmäßigkeiten ist für eine Elegie, in der nicht mehr gerettet, sondern nur noch beweint werden kann, wohl einfach nicht der richtige Rahmen. Es geht schon los mit einer überflüssigen Nebenhandlung, die vielleicht den tragischen Ton setzen soll. Die Münchner Kommissare sind auf dem Weg zur Mutter eines drei Jahre zuvor zu Tode gekommenen Kollegen. Ivo Batic (Miroslav Nemec) hat den Besuch zugesagt, was Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) Gelegenheit zum Granteln und Ausposaunen des Leitmotivs gibt: „Irgendwann muss man auch mal ’n Strich unter die Vergangenheit ziehen.“ Zufällig hört diese Mutter nun den Polizeifunk ab, zufällig werden dort just im Moment des Besuchs die beiden Schüsse gemeldet, und zufällig liegt das entsprechende Haus gleich um die Ecke. Wer denkt sich so etwas aus?

          Zootiere in der Nacht

          Von nun an stapfen die honorigen Senioren – stets doppelt im Bild, als sei man betrunken – unbeholfen durch diesen Fall, der eigentlich keiner ist, und sie schaffen es, doch noch Langeweile in einen ansonsten vor allem unbehaglichen Film zu bringen. Die nach über siebzig Fernseheinsätzen müde heruntergespulten Kommissar-Routinen (polternde Zeugenbefragungen; mit der Waffe in der Hand Türen aufstoßen) werden diesmal nicht durch knackige Dialoge aufgefangen, im Gegenteil, denn außer Allerweltssätzen – „Kein Konto, keine eigene Wohnung, so gut geht’s dem nicht“ – ist lediglich ein schlichtweg idiotischer Hiroshima-Vergleich im Angebot. Mit Blaulicht und Martinshorn über leere Feldwege zu heizen hilft da auch nicht mehr.

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          Dass sich Überdruss einstellt, liegt aber auch an jenen mit aufgesetzter Expertenattitüde eingestreuten Psycho (Fern)-Diagnosen, die sich natürlich stets bewahrheiten: Die von einer Therapeutin vorhergesagten „Flashbacks“ des Kindes stellen sich prompt ein; auch die Andeutung von Fallanalytikerin Christine Lerch (Lisa Wagner), „es könnte sogar sein, dass sie unbewusst was wiederholt von früher“, trifft voll ins Schwarze. Wir sehen dann stets, was man uns zuvor zugeraunt hat. Trotz poetischer Bilder – Zootiere in der Nacht – wirkt das enttäuschend. Will man die Idee, aus „Tatort“-Perspektive auf eine erweiterte Familientragödie zu blicken, in aller Kürze kommentieren, bietet sich eine andere Wendung aus dem erwähnten Tucholsky-Text an: „Der Gesichtswinkel ist zu klein, es langt nicht.“

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