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„Tatort“ aus München : Liebe und Triebe

Tutti Frutti: Kommissar Leitmayr (ganz links: Udo Wachtveitl) und zwei Pornodarsteller (von links: Martin Bruchmann und Sebastian Fischer) warten am Buffet auf ihren Einsatz. Bild: BR

Erst müssen die Münchner Kommissare Batic und Leitmayr in der Pornofilm-Szene ermitteln und dann riecht es auch noch streng. Dieser Münchner „Tatort“ ist explizit „Hardcore“.

          2 Min.

          Marie Wagner geht einen schweren Gang. Von dem weiß sie nichts, aber der Soundtrack kündigt es an. „What Power Art Thou“, aus der Frostszene in Henry Purcells „King Arthur“, bekannt gemacht von dem Sänger Klaus Nomi als „The Cold Song“, wummert in unseren Ohren. Um Marie Wagner (Helen Barke) geraten sechsundzwanzig Männer in Ekstase. Eben noch, als sie aus der U-Bahn stieg, war sie Studentin der Sozialpädagogik, jetzt ist sie Femme fatale beim Gruppensex der exaltierteren Art in einem Pornofilm. „Let me, let me, let me freeze again“, heißt es im „Cold Song“, „freeze again to death“. Am nächsten Morgen wird in einem kalt-weißen, leeren Appartement die Leiche der jungen Frau gefunden.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Den Kommissaren Batic und Leitmayr steigt als Erstes der strenge Geruch in die Nase. Dass dieser nicht von einem „kultivierten Tanzvergnügen“ herrührt, hat ihr junger Kollege Kalli Hammermann lange vor den alten Grantlern begriffen. Er macht seine Chefs mit den Hintergründen des triebgesteuerten Treffens bekannt, Batic und Leitmayr fehlt das nötige Fachvokabular. Mit dem werden wir in der „Tatort“- Episode „Hardcore“ in den ersten Minuten vertraut gemacht, in denen sich die Kommissare auf den Weg zu Stella Harms machen, einer Bekannten der Toten, die demselben Nebenerwerb nachging, zu zwei konkurrierenden Pornofilmern, und schließlich zu Rudolf Kysela, dem Vater der ermordeten jungen Frau, seines Zeichens – Oberstaatsanwalt und Vorgesetzter von Batic und Leitmayr.

          Plötzlich geht es um die Tochter des Oberstaatsanwalts

          Da sitzen die beiden dann in dessen Büro und knobeln aus, wer dem Chef die traurige Nachricht überbringt: „Ich sag das mit dem Mord, du sagst das mit dem Porno. Nein, du sagst das mit dem Porno, du machst das besser. Oder ich sage beides auf einmal, kurz und schmerzlos.“ Das klappt selbstverständlich nicht, solche Nachrichten sind nicht „schmerzlos“. Der Oberstaatsanwalt ringt um Fassung, in der Gerichtsmedizin bekommt er einen Schreianfall, beim Telefonat mit seiner Frau bricht er zusammen.

          Für die Kommissare beginnt nun ein großes Sortieren. Sie haben sechsundzwanzig Verdächtige auf Film, doch tragen diese zumeist Masken. Und auch jenseits der Kamera finden sich Delinquenten, die ein Motiv gehabt haben könnten, Marie Wagner alias „Luna Pink“ das Leben zu nehmen. Ihre Familie durfte nichts wissen; die Pornofilmer, bei denen sie sich verdingte, haben schon berufsbedingt einen schlechten Leumund. Angewidert, kopfschüttelnd bewegt sich Batic durch die Szene, er kann es nicht fassen, worauf Menschen so alles Lust haben und sich dabei auch noch filmen lassen. Worum es dabei geht, sagt Stella Harms, die mit Kleinkind und Ehemann im Vorstadtreihenhaus einen denkbar zerstörten Eindruck macht: „Nicht denken, keine Scham, einfach nur ...“

          Die Expedition ins Lustgewerbe, auf welche der Regisseur Philip Koch, der mit Bartosz Grudziecki auch das Drehbuch geschrieben hat, die Münchner Kommissare schickt, ist exquisit in Szene gesetzt. Der Kameramann Jonas Schmager plaziert die Figuren in Einzeltableaus, die sie in Einsamkeit und Verzweiflung zeigen, gern auch inmitten des diesen Film prägenden Getümmels. Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl nehmen das dankbar an, sie brauchen für ihr Duett keine Handlungsanweisungen, Ferdinand Hofer als Kalli und Stefan Betz als zweiter Assistent Ritschy Semmler (der die ganze Zeit über Pornos sichten darf) haben ihren Part, die Gastrollen sind mit Luise Heyer als der ihrem Metier nachtrauernden Darstellerin, Götz Schulte als verzweifeltem Vater sowie Markus Hering und Frederic Linkemann als abgerissenen Pornoproduzenten bestens besetzt. Doch fehlt es dem Film an einem inneren Gefüge.

          Er stellt aus, er stellt dar, er hat traurige und pointierte Einzelszenen, doch bleibt er im Spannungsverhältnis zwischen Liebe und Trieben im Ungefähren. Es mangelt ihm an der Dramatik, von der das Schlusslied „Auf dem Hügel sitz ich spähend“ von Ludwig van Beethoven kündet: „Ach, den Blick kannst du nicht sehen, Der zu dir so glühend eilt. Und die Seufzer, sie verwehen, In dem Raume, der uns teilt. Will denn nichts mehr zu dir dringen, Nichts der Liebe Bote sein? Singen will ich, Lieder singen, Die dir klagen meine Pein!“

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