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Tatort aus Kiel : Frauen verwirren ihn, das Böse nicht

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Allgemeine Verunsicherung? Kommissar Borowski (Axel Milberg) stellt Sabrina Dobisch (Lavinia Wilson) zur Rede Bild: NDR

These: Grübler sind die besseren Kommissare und Psychopathen die besseren Täter. Gelingt dem jüngsten Borowski-Tatort aus Kiel der Beweis?

          Eine Obdachlose mit religiösen Wahnvorstellungen („Borowski und der brennende Mann“). Ein Postzusteller, der durch die Wand zu kommen scheint („Borowski und der stille Gast“). Eine angesehene Veterinärin, die Tiere quält und liebestoll ihren Nachbarn verfolgt („Borowski und die Frau am Fenster“). Ein Freund von Kunst und Kultur, der seine Opfer einbalsamiert und auf dem Flügel oder Schachbrett in Positur bringt („Stirb und werde“). Oder eine Hausfrau, die einer Schwangeren das Kind aus dem Leib raubt („Sternenkinder“). Gespielt von Johanna Gastdorf, Lars Eidinger, Sibylle Canonica, Matthias Brandt und Claudia Geissler.

          Zehn Jahre ermittelt Axel Milberg als Kommissar Borowski nun in Kiel. Jahre, in denen er die dunkelste, abgründigste, sozusagen nordischste Note auf der „Tatort“-Klaviatur gezeigt hat. Nichts Unmenschliches durfte ihm fremd bleiben. Der Wiedererkennungswert seiner Fälle, sein „Tatort“-Markenkern, war von Anfang an deutlich. Borowski ist, um das erste Alleinstellungsmerkmal zu nennen, ganz Milbergs Figur. Weniger schroff und eigenbrötlerisch als zu Beginn, im ersten Fall „Väter“, ist er Analytiker, grübelt über die Natur des Bösen, doziert an der Hochschule. Es interessiert ihn aber nicht das Böse an sich, sondern vielmehr das Moralische. Warum handelt nicht jeder gleich amoralisch, stellt den Eigennutz und die böse Tat für sich an erste Stelle? Warum verwerfen Menschen das asoziale Handeln überhaupt?

          Das Personal bleibt in Erinnerung

          Borowski ist ein Kopfmensch, auch im aktuellen, dem Fall zum zehnjährigen Jubiläum des Kieler „Tatorts“, in dem er es mit Lavinia Wilson zu tun bekommt. Frauen verwirren ihn und verkomplizieren sein Leben. An erster Stelle jene geheimnisvolle Polizeipsychologin Frieda Jung (voller Wunder: Maren Eggert), die ihm von 2003 bis 2010 analysierend zur Seite stand, mit der er schließlich eine Nacht in den finnischen Wäldern verbrachte und die daraufhin verschwand. Nun steht ihm Sarah Brandt (schön eigen: Sibel Kekilli) zur Seite, recherchiert und hackt Computer und durfte von Beginn an Profil zeigen. Kriminalrat Schladitz (Thomas Kügel) ist Borowski Vorgesetzter, Freund und Sidekick.

          So unverwechselbar das Personal im Kommissariat, so eindrücklich die Filme. Mehr Psychothriller als klassischer Krimi, mit offen geführten Täterfiguren, deren differenzierte Porträts in den bemerkenswertesten Folgen in den Vordergrund treten und die Elastizität der „Tatort“-Ermittlungsgrenzen immer wieder neu zu testen scheinen. Um Psychopathen geht es in dieser Stadt am Meer zuvorderst. Sozial gestörte, beschädigte Personen mit Wahnvorstellungen, fixen Ideen, schlimmsten Phantasien und der Gelegenheit zu wahrhaft monströsen Taten. Tief tauchen die jeweiligen Autoren in diese Gestörtheiten ab, erleichtern die Sache ab und an mit trockenem Humor, reisen mit ihrem Personal dann und wann nach Schweden und Finnland, gleichwohl auch dort auf der Spur von Serienkillern und der Mankellschen Note.

          Alles sehen, nichts verstehen

          Henning Mankell, der bisher zwei Vorlagen geschrieben und weitere in Arbeit hat, ist allerdings nicht der einzige Spiritus Rector des Borowski-„Tatorts“. Allein für fünf Folgen, darunter drei, die sich geradezu zu einer Trilogie des psychopathologisch Abgründigen gesellen, zeichnet Sascha Arango verantwortlich. „Borowski und die Frau am Fenster“, „Borowski und der stille Gast“ und, im neuen Film, „Borowski und der Engel“, sind drei Ausnahmethriller. Studien über menschliches Verhalten jenseits sozialer und moralischer Normen, mit drei zunächst unmerklich verrückten Hauptfiguren, die nicht nur abstoßende Züge besitzen.

          Ihre Haltungen und Taten sind auf irrwitzige Weise logisch nachvollziehbar, ebenso irritierend wie Empathie fordernd. In allen drei Fällen sieht der Betrachter von Beginn an alles, was geschieht, und kann sich keinen Reim darauf machen. Die Ermittlung funktioniert als Lüften des Schleiers über dem Geheimnis der Ausgangsfrage: Warum handeln einige böse und andere nicht?

          Sie hat noch andere Qualitäten: Altenpflegerin Sabrina Dobrisch (Lavinia Wilson) zeigt ihre mondäne Seite

          Stephan Wagner, Christian Alvart und, im Jubiläumsfall, Andreas Kleinert sind die Regisseure dieser Trilogie des Abgründigen, andere wie Claudia Garde haben die Reihe ebenfalls geprägt. Bildgestalter wie Thomas Benesch, The Chau Ngo und hier Benedict Neuenfels schaffen einen dichten visuellen Kosmos, der im „Tatort“ seinesgleichen sucht. Die interessanteste Qualität der Arango-„Tatorte“ für Borowski aber liegt in den Rollen, die er seinen psychopathischen Täterfiguren gibt.

          Sibylle Canonica als Tierärztin Charlotte Delius im Liebeswahn und Lars Eidinger als Stalker Kai Korthals, der sich im Leben seiner Opfer einnistet wie ein Schmarotzer im Wirtstier entfalten ihre Rollen mit vielen Nuancen. In „Borowski und der Engel“ trifft Milberg auf Lavinia Wilson als rollenverliebte, einsame Altenpflegerin Sabrina Dobisch.

          Sie geht, im Fernsehen gefeiert, als Heldin aus einem Autounfall hervor, bei dem ein junger Pianist trotz ihrer selbstlosen Rettungsversuche stirbt und die Unfallverursacherin Doris Ackermann (Leslie Malton) in den Fokus der Ermittler gerät. Dobisch lügt, erfindet Motive und falsche Zusammenhänge, sichert sich so Anteilnahme und Aufmerksamkeit.

          Ihre Scheinwelt und die Taten, die vorausgehen und folgen, entstehen dabei nicht mit Absicht und Planung, sondern aus Gelegenheit und der Gunst der Stunde. Phantasterei und Lüge sind Zwillingsgeschwister, die eine schön, die andere hässlich. Seinen Jubiläumsauftritt hat Milberg in einer achtminütigen Sequenz, in der Wilson und er mit den Mitteln der Lüge fechten und Wahrheit als unlogisches Konstrukt erscheint. Ein sehenswerter, ein sehr borowskihafter Kieler „Tatort“ zum Zehnjährigen.

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