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Tatort aus Kiel : Die Wut des Vergessenen

  • -Aktualisiert am

Die Kieler Woche ist in vollem Gange und dies weckt bei Borowski (Axel Milberg) einen immer ungeheuerlicher werdenden Verdacht. Hat der Täter einen Anschlag geplant? Bild: NDR/Christine Schroeder

Gewalt und Gegengewalt: Was wird aus Menschen, die keinen Halt mehr im Leben finden? In diesem wuchtigen Kieler „Tatort“ folgt Borowski den Spuren eines Gefallenen.

          2 Min.

          Im Herbst werden es vierzehn Jahre, seit Klaus Borowski (Axel Milberg) an der Förde zu ermitteln begann. Als wortkarger Eigenbrötler, den es aufs Meer hinauszieht. Dafür ist er bekannt. Aber so nah der Grenze zum Unausstehlichen, so patzig und ruppig wie im neuen Fall „Borowski und das Fest des Nordens“ war der Kommissar selten. Vielleicht ist es eine Folge der Ereignisse um den Frauenmörder Kai Korthals und die vorübergehend nach Kiel zurückgekehrte Polizeipsychologin Frieda Jung, die 2015 in der „Rückkehr des stillen Gastes“ beschrieben wurden.

          Für Sarah Brandt, Borowskis energische Kollegin (Sibel Kekilli), wird die Arbeit dadurch nicht leichter. Borowskis Launen steht sie allerdings ebenso durch wie die Schlaflosigkeit, die ihr lärmende Nachtschwärmer bescheren. Sie ist es, die bei der Suche nach dem Mörder einer Frau, die erschlagen in einer vermeintlich leeren Wohnung gefunden wurde, aufs Tempo drückt, Anhaltspunkte verknüpft und irgendwann eine Fahndung anregt. Während Borowski bereits beim Fund der Leiche bloß mit den Achseln zuckt, einen Mann als Täter vermutet und sagt: „Sie hat ihn genervt, und da hat er ihr das Licht ausgeknipst.“

          Beeinflusst vom Großmeister des skandinavischen Krimis

          Der Zuschauer weiß zu diesem Zeitpunkt bereits mehr. Er hat gesehen, wie ein Mann namens Roman Eggers (Mišel Matičević) in einem Kinderzimmer auftaucht, das er nicht mehr betreten sollte. Er hat gehört, wie ihn die Mutter der Kinder mit überschlagender Stimme der Wohnung weist, wie er zurückschreit. Er hat ihn auf den Weg in eine Kneipe verfolgt, in der das Radio vom Beginn der Kieler Woche erzählte, von dort in ein leerstehendes Appartement, in dem er offenbar haust. Man bemerkt rasch: In Eggers hat sich etwas angestaut. Das bricht sich nun Bahn.

          Es wird ein brutaler Auftakt für einen Film, der wuchtig sein will und das auch schafft. Das Grundgerüst von „Borowski und das Fest des Nordens“ wurde noch vom Großmeister des skandinavischen Krimis, dem 2015 verstorbenen Henning Mankell, entworfen. Axel Milberg hatte ihn einst vergeblich um Anregungen für den Kieler „Tatort“ gebeten – bis der damalige Verleger des Hanser-Verlages, Michael Krüger, die beiden zur gemeinsam Vorstellung des Mankell-Romanes „Der Chinese“ zusammenbrachte. Milberg las damals aus Mankells Buch. Bald darauf erhielt die „Tatort“-Redaktion einige Seiten Mankell, aus denen sich die Folgen „Borowski und der vierte Mann“ (2010) sowie „Borowski und der coole Hund“ (2011) speisten.

          Mišel Matičević vollbringt als Roman Eggers Großes

          Drehbuch-Autor Markus Busch erzählt die neue Episode geradlinig. Ein Handlungsstrang folgt dem Täter. Ein zweiter zeigt Borowski und Brandt bei ihren Recherchen. Regisseur Jan Bonny („Über Barbarossaplatz“) gibt dem Ganzen in langen Einstellungen die Zeit, die es braucht, und Kameramann Jakob Beurle zeigt die Kieler Realität mit der von Bonny geschätzten Handkamera anstatt tourismusfördernden Hochglanzes. In Ton und Musik gibt sich dieser „Tatort“ zurückhaltend. Das Geigenthema, mit dem Antonio de Luca die innere Unruhe des Täters unterstreicht, wird nur punktuell eingesetzt. Wo es fehlt und die Stille greift, die in „Borowski und das Fest des Nordens“ auch ihren Platz hat, ist es die Stille vor einem Sturm. Und jene danach.

          Die Geschichte um einen Mann, der aus dem Leben fiel und sich dafür auf gewalttätige Weise rächt, verdankt ihre starke Wirkung auf den Zuschauer allerdings vor allem starken Schauspielern, zu denen auch Kinder gehören. Umso bedauernswerter, dass Sibel Kekilli nach diesem Fall aufhört. Großes vollbringt aber vor allem Mišel Matičević als Roman Eggers. Wie es in ihm brodelt. Wie er sich zu beherrschen versucht. Wie es ihm wiederholt misslingt, weil es keine Brücken mehr gibt, die zurück in ein hinreichend normales Leben führen könnten. Seine Figur, selbstmitleidig und zerstörerisch, ist schon lange vor dem ersten Mord eine Belastung für jeden gewesen, der mit ihm auszukommen versucht. Anderthalb Stunden fürchtet man daher um jeden, den sein nächster Ausbruch treffen könnte, erst recht um die Kinder. Dies ist kein „Tatort“ für Zartbesaitete, sondern wirklichkeitsnaher Nervenkitzel.

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