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„Tatort“ aus Franken : Allein in der Fremde

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Hat Said Gashi (Yasin El Harrouk, rechts) Informationen über den Verbleib von Basem Hemidis (Mohammed Issa) Bruder? Bild: BR

Im Franken-„Tatort“ brennt ein Flüchtlingsheim. Der Krimi nimmt sich eines wichtigen Themas an, vernachlässigt darüber allerdings die Handlung

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          Die Vorstellung, in Flüchtlingsheimen würde abends unentwegt getanzt und gekocht, und das Heimleben sein eine einzige Multikulti-Sause, ist ziemlich banal. Der Brandsatz hingegen, der im „Tatort“ aus Franken durch das Fenster einer Gemeinschaftsunterkunft in Bamberg geworfen wird, ist traurige Realität: Im vergangenen Jahr gab es fast tausend Angriffe auf Flüchtlingsheime in Deutschland, darunter laut Bundeskriminalamt 74 versuchte oder vollendete Brandstiftungen.

          Das gehört ins Fernsehen, und zwar auch ins fiktionale Programm. Man müsste nur drüber reden, wie oft man im selben Format das Thema Ausländerfeindlichkeit anschneiden kann, ohne dass es nach hinten losgeht. Mit dem gesellschaftlichen Klima, das seit der Flüchtlingskrise herrscht, befassten sich in diesem Jahr etwa schon „Tatorte“ aus Frankfurt und Köln.

          Als Flüchtling zog Mohamed Issa auch in die „Lindenstraße“ ein

          Der neue Fall mit Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel), der von dem Regisseur Markus Imboden eingerichtet wurde, handelt von einer Frau aus Kamerun, die bei dem Anschlag auf die Bamberger Unterkunft in einer verriegelten Kammer erstickt. Ein zweites, von einem geistesgegenwärtigen Mitbewohner gerettetes Opfer liegt im Krankenhaus.

          Die Geschichte der Getöteten, die ihre Heimat verließ, nachdem ihr Vater, ein bekannter Reporter, bei einem Unfall ums Leben kam, bleibt eher vage. Umso intensiver beschäftigt sich das von Holger Karsten Schmidt geschriebene Drehbuch zu „Am Ende geht man nackt“ mit einem jungen Syrer, der kurz nach dem Anschlag in der Unterkunft ankommt. Er heißt Basem, gibt sich als volljährig aus und wird von Mohamed Issa gespielt, der in Filmen wie „Wir waren Könige“ und „Das Ende der Geduld“ zu sehen war und im Herbst als Flüchtling Jamal Bakkoush in die „Lindenstraße“ einzog.

          Kommissar Sebastian Fleischer (Andreas Leopold Schad, links), Hauptkommissarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Kommissarin Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid) beginnen noch nachts ihre Ermittlungen in der Gemeinschaftunterkunft.

          Basem ist ein sensibler, aber auch unbedarfter Jüngling. Er hat sich bis nach Deutschland durchgeschlagen. Er vermisst seinen Bruder, der sich schon vorher auf den Weg gemacht hat. Und weil es die Fügung so will, steht Basems Pritsche in Bamberg bald nur einen Meter von der Pritsche eines verdeckten Ermittlers entfernt: Hauptkommissar Felix Voss hatte frei, als die Kollegen zum Tatort ausrückten. Außerdem hat er tschetschenische Familienbande, was jeder weiß, der einmal in den Genuss der von der Oma im Kaukasus mitgebrachten Würstchen gekommen ist.

          Beides qualifiziert Voss, in die Rolle eines tschetschenischen Asylbewerbers zu schlüpfen. Er soll die Ohren spitzen, wo niemand mit der Polizei reden mag – schon gar nicht der Marokkaner Said Gashi (Yasin El Harrouk), der in der Unterkunft Geschäfte macht.

          Ein smarter dramaturgischer Einfall: Über Voss und Basem kann der Film ein anderes Lagerleben zeigen als das stilisierte Kochen und Singen vom Anfang. Er stellt uns nicht nur Menschen vor, die bei Behördenpost in Tränen ausbrechen, an Sprachkursen verzweifeln und für 6,50 Euro pro Stunde putzen gehen. Sondern auch solche, die Juden, Christen und Atheisten nicht in ihrer Nähe haben wollen, aggressiv Frauen anmachen und die Staatsmacht belächeln: „O, Polizei, ich liebe dich.“ Dazu immer wieder Basem, der von Albträumen geplagte Syrer. Voss und er werden Freunde, während das Team um Hauptkommissarin Paula Ringelhahn („Mensch, Fleischer, du bist ja pfiffig wie ein Huhn!“) das Umfeld des Flüchtlingsheimes abklappert.

          Trotzdem geht dieser um Empathie werbende „Tatort“ als Krimi nicht auf. Er hat seinen Wert, weil die Bamberger Skizzen um Ausgewogenheit bemüht sind, die Schluss-Einstellung ist sogar sehr stark. Aber spannend ist anders, das ging dem dritten Fall aus Franken vor lauter Stolz auf das relevante Thema irgendwie durch die Lappen.

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