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„Tatort“ aus Dortmund : Am Abendrand der Gesellschaft

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An der Schwelle zum Ungeheuerlichen: Faber (Jörg Hartmann, rechts) befragt den Neonazi Tremmel (Rolf Peter Kahl). Bild: WDR/Thomas Kost

Unter Neonazis: Der Wut-Kommissar Faber ermittelt in Dortmunds rechter Szene. Wie sie gezeigt wird, kommt der Realität nahe. Aber nicht nur deshalb spielt dieser „Tatort“ in der ersten Krimi-Liga.

          Das war ja eine schöne Kleinfamilie aus dem Türstehermilieu: Vater Typhon ein Choleriker mit hundert Köpfen, der Nachwuchs meist ebenfalls vielhäuptig, zwei Hunde, eine Schlange, eine Löwenfrau, eine Chimäre, ein leberfressender Adler und eine weitere Tochter, die sich bald in die Sümpfe zurückziehen würde, um von dort immer wieder im Blutrausch hervorzubrechen. Jene letzte erst, Hydra, war die Vollendung des Gaia-Tartaros-Geschlechts, denn ihre Köpfe waren nicht nur zahlreich, sondern wuchsen immer nach. Mit diesem Ungeheuer musste die Welt zu leben lernen. Es gibt wohl kaum ein besseres Bild für den Faschismus, jenes blutdurstige Kind der hunderthäuptigen Moderne, welches in den Sümpfen des Selbsthasses wohnt und immer wieder zuschlägt. Der gern hartgesottene Dortmunder „Tatort“, der diesmal aber nicht gänzlich von den Wutattacken des traumatisierten Parka-Kommissars Peter Faber (Jörg Hartmann) dominiert wird, hebt damit an, dass jenes Monster einen seiner Köpfe verliert. In einer mit Hakenkreuzen beschmierten Industrieruine liegt Kai Fischer in seinem Blut, der Anführer der Dortmunder Neonazi-Szene.

          Der Kopf der Dortmunder Neonazi-Szene ist tot: Kommissar Faber (Jörg Hartmann) am Tatort Bilderstrecke

          Schnell haben die Freunde des Opfers eine Person im Visier: „die Jüdin“. Gemeint ist die unerschrockene Jedida Steinmann (Valerie Koch), die ihren Mann und ihr ungeborenes Kind bei einem brutalen Überfall verlor. Fischer war der Täter, wie sie glaubt. Rache wäre durchaus ein Motiv, aber es gibt auch Hinweise darauf, dass Fischers Pläne einer Fusion mit den martialischen Glatzen-Fratzen von Dorstfeld innerhalb der Szene nicht gern gesehen wurden.

          Realistische Ästhetik ohne Manierismen

          Was den Hintergrund angeht, ist dieser „Tatort“ eng an die Realität angelehnt: Dortmund-Dorstfeld geht immer wieder als Neonazi-Hochburg durch die Presse, wobei ebenjene „Lügenpresse“ hier so sehr als Feind gilt wie Migranten, Linke, Obdachlose, Schwule oder Juden. Die optische Angleichung der neuen Rechten an linke Autonome ist ebenso authentisch wie die Verbindungen zur Ultra-Fußballszene oder das angedeutete tiefe Eindringen ins bürgerliche Milieu: Deutschen Omas werden die Taschen getragen; die schwangere Ehefrau des Opfers und bekennende Nationalistin (Emily Cox) arbeitet als Kindergärtnerin; als nachwachsender Hydra-Kopf reüssiert ein distinguiert auftretender, Pegida-Argumente jonglierender Germanistikstudent (Franz Pätzold). Wie sich Kotzbrocken Faber durch diesen Abendrand der Gesellschaft und durch einen nicht ganz koscheren Polizeiapparat hindurchrüpelt, das hat Klasse und Format. Und seine verhalten liebevolle Beziehung zu Kollegin Martina Bönisch (der hervorstechenden Anna Schudt) ist für „Tatort“-Verhältnisse geradezu apart.

          Dennoch wirkt das Drehbuch von Jürgen Werner etwas konstruiert und moralisch überfrachtet, denn alle denkbaren Konflikte mit Rechtsradikalen wurden eingebaut, personalisiert und emotionalisiert. Die junge türkische Kollegin Nora Dalay (Aylin Tezel), die dem Ende der Beziehung mit Kommissar Daniel Kossik (Stefan Konarske) nachtrauert, verliert gleich jede professionelle Distanz, als der erste Nationalist auftaucht. Naiv keift sie ihn an, er unterhalte sich mit seinen Freunden sicher darüber, „wie man Ausländer totprügelt“. Bald schon überlagert die Nebenhandlung „Neonazis gegen türkische Polizistin“ den Plot, was nicht schlimm wäre, wenn nicht auch noch zufällig herauskäme, dass ausgerechnet der Bruder Kossiks, schön dümmlich gespielt von Robert Stadlober, zu jenen rechten Schlägern gehört, die Nora Dalay nachstellen. Auch Kossik selbst soll trotz seines bisher gezeigten Charakters als netter Bubi mit BVB-Spleen nun als Windei mit inneren Abgründen kenntlich werden, denn Jedida Steinmann gegenüber wird er ausfällig, und im Präsidium poltert er reichlich zusammenhangslos gegen Michel Friedman: „Als Jude, Entschuldigung: Person jüdischen Glaubens, hat man hierzulande so etwas wie einen diplomatischen Status. Da kannst du koksen und Zwangsprostituierte vögeln und bist in den Talkshows der Nation immer noch die moralische Instanz.“ Die Betonung der Gefahr solcher Pauschalisierungen – hier besonders unglaubwürdig, weil Kossik dann doch wieder der nette Junge ist – gehört vielleicht eher in den Sozialkundeunterricht als in einen Krimi.

          Faber rettet mit seinen ruppigen Einwürfen und Alleingängen den Plot immer wieder vor dem Versanden, aber auch er sondert einige politisch korrekte Sprüche ab: „Deutscher, Grieche, Türke, Holländer: Nazi kann jeder.“ Und sein Good-Cop-Bad-Cop-Vorstoß – „mit der Türkin vor der Nazinase rumwedeln“ und sich dann scheinbar mit den Tätern verbünden – ist derart plump, dass wohl nicht einmal der turboaggressive Brutalo Typhon darauf hereingefallen wäre. Was die Form angeht, eine realistische Ästhetik ohne alle Manierismen, spielt dieser „Tatort“ (Regie Nicole Weegmann, Kamera Michael Wiesweg) allerdings in der ersten Liga der Fernsehkrimis.

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