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„Tatort“ aus Dortmund : Das ist kein Wiegenlied

Ermittlerin Martina Böhnisch (Anna Schudt) trifft einen alten Bekannten. Das Wiedersehen wirft Fragen auf Bild: WDR/Thomas Kost

Eigentlich ist Kommissarin Bönisch die Ruhige im Team. Im neuen Tatort aus Dortmund verliert sie die Fassung - weil ein Callboy auftaucht.

          Der Dortmunder Kommissar Peter Faber ist aufbrausend und unberechenbar, von vielen ist er dafür schon ausgiebig gelobt worden. Wie jeder Kommissar, der aus dem Rahmen fällt, braucht aber auch Faber Partner, von denen er sich abheben kann. In Dortmund übernimmt diese Rolle die Hauptkommissarin Martina Bönisch, und wie die Schauspielerin Anna Schudt diese Frau als Gegenspielerin in den eigenen Reihen gibt, ist nicht weniger bemerkenswert als die Unkonventionalität ihres Kollegen.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Denn Anna Schudt spielt Bönisch als Kommissarin, die Faber (Jörg Hartmann) formal zwar untergeordnet ist, ihm aber auf Augenhöhe begegnet. In vielem ist sie scheinbar das Gegenteil von ihm, sie arbeitet konzentriert, seriös und schnörkellos, doch verbirgt sich hinter ihrer schlagfertigen Präsenz eine Zerbrechlichkeit, die der seinen nicht unähnlich ist und von der wir im „Tatort. Auf ewig Dein“ (Regie: Dror Zahavi) eine erste Kostprobe bekommen.

          Eine unnötige Schwangerschaftskrise

          Im Präsidium begegnet sie nämlich einem jungen Callboy, der beschuldigt wird, seinen Kundinnen Kokain verkauft zu haben - und in der Art, wie ihr bei seinem Anblick für wenige Sekunden die Gesichtszüge entgleiten, wie ihre Fassade zusammenbricht, um sich sofort wieder aufzubauen, erkennen wir, dass auch sie zu seinen Kundinnen zählte. Faber, dem sie sich anvertraut, wird ihr aus dieser Patsche helfen, allerdings ohne sie deswegen in der Hand zu haben. Das Gleichgewicht bleibt bestehen: „Sie sind der Profi“, sagt er einmal, „und ich bin der Chef von dem Ganzen.“ So ist es, und so ist es gut.

          Ohnehin ist vieles recht gut in diesem „Tatort“. Auf die Episode mit der ungewollten Schwangerschaft der jungen Kommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) hätte man zwar verzichten können, weil vor allem die bedeutungsschweren Gespräche, die sie mit ihrem Partner und Kollegen Daniel Kossik (Stefan Konarske) führen muss, wie Versatzstücke aus dem Baukasten für Schwangerschafts-Krisengespräche wirken. Davon abgesehen, hält sich das Drehbuch von Jürgen Werner von Nebensächlichkeiten auf wohltuende Weise fern. Im Gegenteil wird hier in jeder einzelnen Szene alles gegeben, immer wird gespielt und geredet, als ginge es um Leben und Tod.

          Und das tut es ja auch: Drei junge Mädchen sind verschwunden, eine hat man tot im Wald gefunden, die beiden anderen hofft man noch lebend zu finden. Verdächtigt wird Markus Graf (Florian Bartholomäi), den Faber schon kennt. Vor Jahren hat Faber den Vater des damals fünfzehnjährigen Graf wegen der Vergewaltigung und des Mordes an minderjährigen Mädchen hinter Gitter gebracht.

          Am Fundort einer Mädchenleiche: die Tatort-Kriminalisten bei der Spurensuche

          Dort hat sich dieser Vater erhängt. Nun sinnt der Sohn auf Rache und verwickelt Faber in ein Psychospiel, in dessen Verlauf sich die beiden wie zwei Duellanten im Morgengrauen gegenüberstehen. Sie kämpfen zwar nicht mit Waffen, sondern mit Worten, aber es ist ein Kampf bis aufs Blut. Graf steht Faber in der Kunst des Grenzgangs in nichts nach. Beide sind lupenreine Psychopathen, die darauf lauern, dass der jeweils andere zusammenbricht. Für Faber wird es eng.

          Das ist spannend, in flottem Tempo erzählt und weit weg von den gemütlichen „Tatort“-Episoden, mit denen wir dann und wann in den Schlaf geschaukelt worden sind. Nur eine Winzigkeit wäre da noch: Faber ist eigen, das wissen wir nun. Schön wäre es, wenn er künftig aufbrausend und unberechenbar sein dürfte, ohne ständig selbst darauf hinweisen zu müssen, wie aufbrausend und unberechenbar er doch ist. Deshalb hätte man ihm den halbnackten Gang durchs Büro, den er am Ende, als der Fall längst gelöst ist, antreten muss, besser erspart. Derlei Scherze passen nicht zu ihm. Der Mann ist wirklich anders.

          Auf der Suche nach einer Entführten: die Kommissare Daniel Kossik (Stefan Konarske) und Nora Dalay (Aylin Tezel)

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