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TV-Kritik: Talkshow-Pause : Wo ist Anne Will?

  • -Aktualisiert am

Angela Merkel weiß, bei welchem Talkformat die meisten Menschen zuschauen: „Anne Will“ hat den besten Sendeplatz am Sonntagabend. Bild: EPA

Am Sonntag gab es im Ersten keine Talkshow. Dabei gibt es im Augenblick so viel zu besprechen. Die Union steht vor dem Abgrund, die Regierungskoalition ebenfalls. Wir stellen uns einmal vor, das wäre bei Anne Will Thema gewesen. Wer wäre da wohl aufgetaucht?

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          Das Auftaktspiel der Deutschen gegen Mexiko bei der WM am Sonntagabend passte gut zur politischen Stimmung im Land: So trostlos ist schon lange keine deutsche Nationalmannschaft mehr aufgetreten. Ideenlos im Angriff, ohne Dynamik im Mittelfeld und in der Abwehr machten lediglich die Frisuren der Spieler einen guten Eindruck. Fehlende Dynamik und Ideenlosigkeit ist der deutschen Politik nicht vorzuwerfen. Dort ist die Vorrunde auch schon vorbei. Doch auch hier fehlte etwas: Der sonntägliche Auftritt der Bundeskanzlerin bei Anne Will. Was für eine vergebene Chance.

          Denn heute schon findet das Endspiel zwischen der Bundeskanzlerin und ihrem Innenminister statt. Es wäre selbstverständlich die Frage gewesen, ob die Redaktion von Anne Frau Will für den Abend zuvor Gesprächspartner aus der Union gefunden hätte. Ob sich da jemand hätte in die Karten schauen lassen? Jede Festlegung vom Sonntagabend kann heute schon wieder überholt sein.

          Mit einem Ministerpräsidenten der CDU und der Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer wäre im Fernsehstudio nicht zu rechnen gewesen, sie trafen sich in der Berliner CDU-Parteizentrale mit der Kanzlerin. Auch wäre es wohl schwierig geworden, die Sozialdemokraten aus der Reserve zu locken. Sie wollen anscheinend nicht schon wieder für die Kanzlerin die Kastanien aus das Feuer holen. Eine Sendung unter dem Titel „Endspiel für die Kanzlerin?“ wäre nach unserem Dafürhalten aber doch möglich gewesen.

          „Näher bei der CSU als bei Frau Merkel“

          Schließlich gibt es noch die parlamentarische Opposition. Wir würden zum Beispiel auf eine kurzfristige Zusage zur Sendung der beiden Parteivorsitzenden der Grünen und der FDP tippen. Robert Habeck und Christian Lindner hätten dann bei Anne Will sogleich ihre Differenzen in der Sachfrage deutlich gemacht. Lindner hätte kurz und knapp formuliert: „Im aktuellen Asylstreit sind wir näher bei der CSU als bei Frau Merkel und den Grünen. Die FDP sollte an Mut zur Klarheit festhalten.“ Habeck hätte mit harten Vorwürfen an die Adresse der CSU gekontert: Es gehe der CSU „doch gar nicht um Fachpolitik, sondern darum, die Leitlinien in Richtung Orban, Kurz und Kaczyński zu verschieben. Es geht um eine Revision liberaler Politik und Europas.“ Die Position der FDP zu Einwanderungsfragen sei aber seit 2015 unverändert, hörten wir Lindner sagen. „An der halten wir einfach fest. Weltoffen, klar geregelt, europäisch. Wenn Sie Nähe zu Seehofer nicht mögen, dann sage ich: Macron. Auch übergangsweise Rückkehr zu Dublin fordern wir lange.“

          Aus der Debatte mit den beiden Parteivorsitzenden wäre einiges zu lernen gewesen. Was Habeck als einen Großangriff auf die liberale europäische Ordnung betrachtet, sieht Lindner als pragmatischen Versuch zur Wiederherstellung staatlicher Autorität. Darüber hätte man diskutieren können, auch ohne CDU und SPD. Und das wäre trotzdem keine Stellvertreterdebatte gewesen.

          Habeck und Lindner hätten bei der Gelegenheit auch klären können, wie es denn mit einer möglichen Regierungsbildung aussieht. Dabei wäre in der Talkshow, die nicht stattfand, offensichtlich geworden, dass es mit Jamaika an diesem Punkt zu Ende ist, bevor es losgehen könnte. Der FDP immer noch ihren Ausstieg aus den früheren Koalitionsverhandlungen vorzuwerfen, sollte vor diesem Hintergrund neu diskutiert werden. Oder wie konnten sich die Grünen so irren? Sie hätten nämlich auch damals schon wissen müssen, dass die CSU „die Leitlinien in Richtung Orban, Kurz und Kaczyński verschieben“ will.

          Wir müssen reden

          Darüber muss man reden. Auch im Fernsehen. Oder über die in den Medien und sozialen Netzwerken artikulierte Sorge über die innenpolitische Stabilität in Deutschland. Vielleicht hätte ja auch Tina Hassel, die Leiterin des Hauptstadtstudios der ARD, bei Anne Will zugesagt. Sie hätte dort dann sicherlich nach der „deutschen Verantwortung“ gefragt: „Weil zwei sich abgrundtief streiten, sind sie bereit alles aufs Spiel zu setzten? Dafür ist Deutschland zu wichtig und die Lage zu ernst.“

          Dazu hätte man dann feststellen müssen, dass die Regierung, selbst wenn die CSU an diesem Montag nach der Entlassung ihres Innenministers aus der Regierung ausscheiden sollte, im Amt bliebe. Sie ist nur mit einem konstruktiven Misstrauensvotum und der Neuwahl eines Bundeskanzlers zu stürzen. Mehr Stabilität als mit dem Artikel 67 des Grundgesetzes geht nicht. Doch gehört es leider zum schlechten Tonfall der Debatte, die gegenwärtige Regierungskrise fast schon als Angriff auf die Verfassungsordnung zu werten.

          Nichts davon wurde am Sonntag von 21.45 Uhr an bei Anne Will diskutiert. Die Moderatorin ist schon in der Sommerpause, bis Mitte August. Selbstverständlich konnte vor sieben Tagen kaum niemand die Dynamik der innenpolitischen Entwicklung in Deutschland erahnen. Aber wäre da nicht mal ausnahmsweise eine Sonderausgabe angebracht gewesen. Damit hätte man auch ein ganz lockeres Statement zu der von einigen Zeitgenossen erhobenen Forderung abgeben können, die Talkshows für ein Jahr auszusetzen oder gar abzuschaffen (weil dort über Themen gesprochen wird, die den jeweiligen Autoren nicht ins Weltbilde passen). Zu besprechen gibt es genug.

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