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„Tagesschau“ und Freiburg-Mord : Jetzt berichten sie doch

Nur „regionale Bedeutung“?

Doch wie schreibt die „Tagesschau“ auf Facebook? Der Mordfall aus Freiburg habe eher „regionale Bedeutung“, zudem gelte bei dem minderjährigen Tatverdächtigen „der besondere Schutz von Jugendlichen“. Wenn das die Kriterien der ARD-Nachrichtengebung sind, werden wir uns darauf hin wohl jeden einzelnen Beitrag anschauen müssen: Ist das nicht zu regional? Ist der Täter eventuell minderjährig? Vor den genannten Hintergründen, die in die Wahrnehmung dieses Verbrechen hinein spielen, erscheint es schon ziemlich unverständlich, dass die „Tagesschau“ ihre Leerstelle auch noch als Ausweis einer besonders sorgfältigen Nachrichtenauswahl ausgibt. Über den Kampfslogan „Lückenpresse“ braucht sich jedenfalls niemand mehr zu wundern. Hier geht es nämlich nicht um das „Sicherheitsgefühl“ der Bürger, nach dem allein der Freiburger OB im SWR gefragt wird, sondern um objektiv nachvollziehbare Gegebenheiten. Es geht nicht um warme Worte der Anteilnahme für das Opfer und dessen Familie, mit denen Kai Gniffke seine Argumentation verziert. Es geht auch nicht um den „Gesprächswert“. Es geht um die vom Nachrichtenchef der ARD bemühte Relevanz, um die Bedeutung eines Themas, die zu erkennen eine journalistische Grundaufgabe ist. Dass sich die „Tagesschau“ dieser nicht gewachsen zeigt, ist fatal und die beste Vorlage für „Hetze“ und „Verschwörungspropaganda“. Eine größere Blöße kann sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht geben.

In Erklärungsnot: ARD aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke.

Dass seine Erklärungen in eigener Sache vielleicht nicht ganz so konsistent und überzeugend wirkten, wie gewünscht, wurde dann schließlich am Montagnachmittag offenbar, als Kai Gniffke Zuschauer der „Tagesschau“ zum Chat bei Facebook lud. Mal um Mal wiederholte er sein Mantra, dass dieser „Einzelfall“ nicht die nötige „gesellschaftliche Relevanz“ besitze, auf dass die „Tagesschau“ über ihn berichte. Anders verhalte es sich bei Vorfällen in den Vereinigten Staaten, bei denen Polizisten Schwarze töteten; anders habe es sich auch im „Fall Tugce“ verhalten, weil dort eine junge Frau gegen den Angriff auf eine andere eingeschritten sei, also Zivilcourage gezeigt und dabei ihr Leben verloren habe, was ein „relevantes“ Thema. Nicht relevant wiederum sei es, wenn ein siebzehnjähriger Deutscher ein neunzehnjähriges Flüchtlingsmädchen töte – auch dann würde die „Tagesschau“ nicht berichten, sagte der Chefredakteur und ließ dann – die Katze aus dem Sack: „Wir werden über den Fall berichten. Wir werden nicht um zwanzig Uhr, aber in den ,Tagesthemen’ berichten.“ Warum? „Weil aus dem Thema, aus dem Einzelfall, eine so große Relevanz entstanden ist, eine so große Zahl von Menschen Stellung genommen hat – das hat jetzt eine Schwelle überschritten, so dass wir eine gesellschaftliche Diskussion haben.“

Welche Conclusio dürfen wir daraus ziehen? Vielleicht folgende: Die ARD-Nachrichten berichten über manche Dinge erst, wenn sich genügend Zuschauer darüber beschwert haben, dass sie nicht berichten. Die ARD-Nachrichten berichten erst, wenn sich genügend Politiker zu Wort gemeldet haben. Die ARD-Nachrichten berichten erst, wenn der Druck zu groß wird. Die ARD-Nachrichten berichten erst, wenn der Chefredakteur dreimal hintereinander das Wort „Relevanz“ ausgesprochen hat. Relevanz, Relevanz, Relevanz. Die ARD-Nachrichtenredaktion weiß nicht mehr, was relevant und was nicht. Das hat Relevanz.

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