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Arte-Doku „Ausgebremst“ : Szenen aus dem Altreifen-Lager

Erinnerung an goldene Zeiten: Im Technikmuseum Sinsheim stehen Automodelle, die Menschen seit Jahrzehnten faszinieren. Bild: Taglicht Media

Wo kommt die deutsche Autobranche her, und vor allem: Wo geht sie hin? Eine Arte-Dokumentation zum Zustand der Autobranche versucht sich an Antworten.

          Die Fragen, die die Arte-Dokumentation „Ausgebremst – der Überlebenskampf der Autobauer“ an diesem Dienstagabend in neunzig Minuten berührt, hätten locker gereicht, um drei Abende zu füllen. Die Sendung handelt die aktuellen Großthemen der Autobranche ab, ihre Vergangenheit und Zukunft. Das Zurückliegende, das ist der Skandal um manipulierte Dieselmotoren des Volkswagen-Konzerns und möglicherweise auch anderer Hersteller, der das Vertrauen in die Autobranche so grundlegend erschüttert hat und sich deshalb bis heute auswirkt. Der Blick nach vorn richtet sich auf technische Revolutionen: Den Wandel zur Elektromobilität und die Digitalisierung, die Autos bald schon von ganz allein fahren lassen soll.

          Doch wenn der Fahrer überflüssig wird, warum sollen Menschen dann überhaupt noch ein eigenes Auto kaufen? Und was geschieht mit den Hunderttausenden Auto-Arbeitsplätzen in Deutschland und Europa, wenn deshalb und wegen der geringeren Fertigungstiefe – also dem Anteil an Eigenfertigung innerhalb der Produktion – in der Elektromobilität weniger Fahrzeuge produziert werden? Schließlich wäre da noch der dritte Komplex, nämlich die Notwendigkeit, angesichts des drohenden Verkehrskollapses und angesichts von Luft- und Umweltverschmutzung die Mobilität insgesamt neu zu denken. Die Dokumentation hat sich also sehr viel vorgenommen, um den „Überlebenskampf“ der Autohersteller zu schildern. Das Bild, das sie zeichnet, kann deshalb nur lückenhaft bleiben.

          Ein Podest, das ziemlich wacklig werden könnte

          Dabei hat der Autor der Dokumentation, Dominic Egizzi, viel Aufwand betrieben. In rund einem Dutzend unterschiedlicher Szenen nimmt er den Zuschauer mit zu den thematischen Schwerpunkten rund um die Welt. Er spricht mit Fachleuten wie der Ökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung oder dem Physiker und Verkehrsforscher Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg-Essen. Egizzi besucht den französischen Autohersteller Renault und den deutschen Zulieferer ZF Friedrichshafen, um zu zeigen, wie die Elektromobilität diese Unternehmen herausfordert und ihr Geschäft verändert. Er zeigt einen Autotuner, der in seiner Leidenschaft für Geschwindigkeit, Motorsound und Abgasgeruch sympathisch wirkt und gar nicht ewiggestrig. Schließlich präsentiert der Film auch die Gegner der etablierten Autohersteller im titelgebenden „Überlebenskampf“, etwa den amerikanischen Elektroautohersteller Tesla. Ein Bindeglied des Films sind aber vor allem wiederkehrende Szenen mit dem deutschen Vorstandschef des chinesischen Elektroauto-Start-ups Byton, Carsten Breitfeld.

          Byton ist durchaus ein spannendes Unternehmen, das es im Blick zu behalten gilt. Doch Breitfeld und seine Mitarbeiter haben bisher noch kein einziges Auto verkauft. Dafür kommt der Chef jedoch äußerst ausgiebig zu Wort. Dokumentarfilmer Egizzi bereitet dem Start-up damit vorzeitig ein Podest, das ziemlich wacklig werden könnte. Schließlich muss sich erst zeigen, ob gerade dieses Unternehmen es schaffen wird, traditionsreiche Marken wie BMW, Audi oder Mercedes-Benz dauerhaft zu übertrumpfen.

          Die von den Byton-Szenen umrahmte Reise zu den unterschiedlichen Schauplätzen des existentiellen Kampfes wirkt insgesamt etwas gehetzt und mit ihren vielen Szenenwechseln auch etwas verwirrend. Hinzu kommt, dass Teile der Dokumentation schon im Frühjahr und Sommer des vergangenen Jahres entstanden sind. Doch das Jahr 2018 war für die Autobranche so reich an einschneidenden Ereignissen, dass Egizzis Film schon etwas veraltet wirkt. Deutlich wird das an dem Umfang der Szenen mit dem früheren Volkswagen-Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller. Den hatte schon im April vorigen Jahres Herbert Diess abgelöst. Trotzdem ist Müller immer wieder zu sehen und redet zum Beispiel über die Zukunft der Mobilität.

          Nun lassen sich nicht alle Storyboards nachträglich umschreiben oder sämtliche Filme umschneiden. Und auch Recherchen lassen sich nicht beliebig oft wiederholen. Erst recht nicht für das Fernsehen. Weil dann aber auch noch die ehemalige Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) zu Wort kommt, verfestigt sich der Eindruck, dass diese Dokumentation bei Arte schon länger im Regal lag. So geht es dort derzeit leider vielen Dokumentationen, die Reizthemen vermeintlich aktuell aufgreifen wollen: Das Profil ist abgefahren.

          Ausgebremst – Der Überlebenskampf der Autobauer läuft heute, um 20.15 Uhr auf Arte.

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