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Syrischer Oppositionssender : Auch die Antennen werden bombardiert

  • -Aktualisiert am

Um möglichst viele Menschen im Konfliktgebiet zu erreichen: Die Sendemasten stehen nah an der Front Bild: Armand Hurault/ASML

Auf Journalisten wird in Syrien Jagd gemacht. Von den Islamisten und vom Assad-Regime. Wer unabhängig berichtet, steht zwischen allen Fronten. Ein Besuch bei dem Oppositionssender Hawa Smart.

          4 Min.

          Kurz fährt sich der Nachrichtensprecher durch die gegelten Haare und rückt das Mikrofon zurecht, dann beginnt die Sendung. Es ist 15 Uhr in Gaziantep, der Hauptstadt der syrischen Exilopposition im Süden der Türkei. Mit einer Meldung vom Außenministertreffen in Brüssel beginnt der Radiosender Hawa Smart die Nachmittagsnachrichten, die EU hat das Regime in Damaskus zur Wiederaufnahme der Gespräche mit der Opposition aufgefordert. Als der Moderator fertig ist, hebt er den Zeigefinger - der Tontechniker vor der Glaswand schiebt auf seinem Mischpult einen Schalter nach unten, und der Jingle des Oppositionssenders fährt hoch. Mit Schaumstoff gedämpft ist die Sprecherkabine, das kleine verrauchte Studio von dicken Vorhängen verdunkelt.

          Es folgt eine Einspielung aus der umkämpften Provinz Hama. Als der Reporter den Beitrag beginnt, rückt der Moderator seinen knallgrünen Trainingsanzug zurecht und trinkt einen Schluck Wasser. Noch einmal läuft der Jingle, „Sie hören Hawa Smart“, dann geht es weiter mit Korrespondentenberichten aus den befreiten Gebieten Syriens, ehe Sicherheitshinweise und Schwarzmarktpreise folgen. Die Macher des jungen Senders sind ganz nah dran an ihren Hörern, und die haben im Krieg eben ihre ganz eigenen Bedürfnisse.

          Zweitausend Aktivisten liefern die Informationen

          Seit Januar berichtet die Radiostation aus der Drehscheibe der geflohenen Regimegegner über die Lage im Kriegsgebiet, das nur fünfzig Kilometer südlich von Gaziantep beginnt. Hinweise auf aktuelle Standorte von Scharfschützen in Aleppo, den Wechselkurs des Dollar in Idlib, die Checkpoints der Armee vor Deir al Zour und die Brotpreise in Homs gehören ebenso zum Programm wie Frontberichte. „Wir sind Teil der Revolution“, sagt Chamsy Sarkis, einer der Gründer von Smart (Syria Media Action Revolution Team), „und unsere erste Aufgabe ist es, die Menschen auf dem Laufenden zu halten.“ Zwei Wochen nach Beginn des Aufstands im Frühjahr 2011 hatte er erstes elektronisches Gerät ins Land geschmuggelt. Im Spätsommer konnten Aktivisten so von 300 Standorten zwei Stunden am Tag live aus den Brennpunkten der Proteste übertragen.

          Heute berichtet die Redaktion zweimal am Tag in halbstündigen Nachrichtenblöcken über die Lage vor Ort. Sondersendungen und Studiogäste füllen zwölf Stunden Übertragungszeit. Ein Netzwerk von mehr als 2000 Aktivisten - Menschenrechtler, Anwälte und Bürgerjournalisten - beliefert die Redaktion mit Beiträgen und Informationen. Manche bringen ihre O-Töne direkt über die Grenze ins Studio. Erschöpft liegt ein junger Mann auf einem der Sofas im Redaktionsraum neben dem Aufnahmestudio. Volle Aschenbecher, kleine Teetassen und Laptops stehen herum. Viele Mitarbeiter tragen Kapuzenpullis, Ché-Guevara-Bärte und lange Haare - so wie ihre bewaffneten Kampfgefährten im Kriegsgebiet.

          Aus Saraqib in der Provinz Idlib ist der Web-Administrator zum Nachrichtenteam gestoßen, auf seinem Laptop laufen Bilder von Gefechten mit der Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und (Groß-)Syrien. „Wir sind hier, um Isis zu bekämpfen“, ruft von einem Pritschenwagen herab ein Milizionär der Freien Syrischen Armee (FSA), die den Vormarsch der Dschihadisten an der irakischen Grenze vorerst gestoppt hat. Doch nahe der Türkei haben sich die Gotteskrieger festgesetzt. Ebenso wie das Assad-Regime haben sie vor allem jene im Visier, die für den Aufbau einer freien, pluralistischen Gesellschaft arbeiten. Viele Kommandeure der Islamisten machen dezidiert Jagd auf freie Berichterstatter.

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