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Syrien : Sturm auf die Hauptstadt des Kalifats

  • -Aktualisiert am

Aufmarsch der Islamisten: Al Qaida im Irak und die Al-Nussra-Front in Syrien machen längst gemeinsame Sache. Bild: AP

Was geschieht in Syrien? Die arabischen Medien sprechen längst von einem Dschihad. Die Propaganda der Gotteskrieger im Internet festigt das Bild. Die Lage aber bleibt unklar.

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          In den arabischen Medien wird zunehmend über das „Phänomen des Dschihad“ in Syrien spekuliert. Gerätselt wird nicht nur über seine tatsächlichen Ausmaße, sondern auch über die nationale Herkunft der an dem Aufstand gegen das Assad-Regime beteiligten islamistisch gesinnten Kämpfer sowie über deren jeweilige Zahl. Für die jüngste Aufregung sorgen Meldungen, denen zufolge mittlerweile rund vierzig Prozent der in dem Bürgerkriegsland agierenden Dschihadisten Tunesier sein sollen. Allein bei der radikalislamischen Rebellengruppe „Dschabhat al Nussra“ (Unterstützungsfront) seien dreißig von ihnen untergekommen.

          In Tunesien folgte auf diese Nachricht der Fernsehauftritt eines heimgekehrten tunesischen Dschihad-Kämpfers, der die nichtreligiösen syrischen Aufständischen pauschal beschuldigte, korrupt und nur auf der Jagd nach Beute zu sein. In der Sendung wurden die in Syrien zum Einsatz kommenden Tunesier auf geschätzte 3500 Mann beziffert; ein befragter syrischer Journalist hingegen korrigierte diese Zahl auf maximal tausend nach unten.

          „Tunesische Märtyrer“

          Den säkularen Medien in Tunesien bieten solche Nachrichten Anlass, der islamistischen Regierungspartei Ennahda vorzuwerfen, Gotteskrieger auszubilden und sie ins syrische Kampfgebiet zu entsenden. Diese Behauptung wies Rachid Ghannouchi, Chef der Ennahda, freilich vehement zurück. Man unterstütze zwar die syrischen Aufständischen, doch auf anderem Wege - nämlich politisch wie im medialen Bereich. Die Kritik von säkularer Seite hat in Tunesien immerhin bewirkt, dass sich die Generalstaatsanwaltschaft mit dem Fall beschäftigen will.

          Nachdem das syrische Staatsfernsehen schon im vergangenen Jahr angebliche Dschihadisten aus Tunesien vorführte, kommen nun auch aus dem Lager der Rebellen im Internet kursierende Videos, in denen etwa ein Dutzend „tunesische Märtyrer“ verehrt werden. Die mediale Beschäftigung mit den an den Kämpfen gegen die syrischen Regierungstruppen teilnehmenden Tunesiern wie auch die Empörung, die sie daheim auslösen, ist lediglich eine Neuauflage eines aus anderen arabischen Ländern bekannten Szenarios. Denn schon in der ersten Phase des syrischen Aufstands wurde über libysche und seit Sommer 2012 dann auch über ägyptische, marokkanische, algerische, jordanische, irakische, saudische, jemenitische, kuweitische und zuletzt palästinensische „Gotteskrieger“ berichtet, die Schulter an Schulter mit den syrischen Aufständischen kämpfen. Wie hoch ihre Zahl genau ist und wie viele von ihnen islamistisch motiviert sind, kann niemand sagen. Die arabischen Medien jedenfalls sind dieser Tage schnell dabei, sie als Mudschahedin zu bezeichnen, was wiederum der syrischen Regierungspropaganda, welche die Oppositionellen von Beginn an als radikale Islamisten und ausländische Agenten diffamierte, gelegen kommt.

          Global operierendes Netzwerk

          Allerdings wird die Bezeichnung „Terroristen“, von der Assads Propagandisten häufig Gebrauch machen, in den nichtsyrischen arabischen Blättern konsequent gemieden. Diese berichten hauptsächlich über eigene Landsleute, die im Kampf gegen das Assad-Regime ihr Leben lassen, und zwar meist erst dann, wenn gleich mehrere getötet werden. Wie im arabischen Mediendiskurs üblich, werden sie generell als Märtyrer bezeichnet, was - auch wenn von den Redaktionen nicht unbedingt gewollt - den Eindruck eines religiös motivierten Kriegseinsatzes verstärkt. Zu diesem Bild trägt eine Flut von im Netz abrufbaren Videos bei, die dem Dschihad und den Mudschahedin oder Dschihadiyin (Dschihadisten) in Syrien gewidmet sind. Ihre Zahl wächst ständig und dürfte viele hundert, wenn nicht gar mehrere Tausend umfassen. Darunter sind - etwa auf Youtube - zahlreiche, meist kurze Clips, die Ausschnitte aus einschlägigen Berichten arabischer Fernsehsender zeigen.

          So ist man bei der im Libanon ansässigen, dem Assad-Regime nahestehenden Station Al Mayadeen von der Existenz eines global operierenden arabischen Rekrutierungsnetzwerks überzeugt. Über dieses, suggeriert der Sender, werden beispielsweise „salafistische“ Tunesier in Trainingslagern in Libyen an den Waffen ausgebildet und von dort über die Türkei nach Syrien geschleust. Ein junger bärtiger Mann, der angeblich in Syrien im Einsatz ist, verkündet gegenüber Al Mayadeen, dort ein neues Kalifat errichten zu wollen - und liegt damit im Trend: Im arabischen Internet wird seit geraumer Zeit der Ruf nach der Befreiung der „Hauptstadt des Kalifats“, welche Damaskus zur Zeit der Kalifen-Dynastie der Omaijaden war, immer lauter.

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