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SWR-Sparprogramm : Zwei Orchester minus eines ist keines

  • -Aktualisiert am

Ein Spitzenensemble für die ältere wie für die neueste Musik: Das SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg spielt Hans Zenders „logos-fragmente“ Bild: Charlotte Oswald

Die geplante Fusion der beiden Klangkörper des SWR ist nicht durchdacht. Es gilt sie aufzuhalten. Der Rundfunkrat ist am Zug.

          3 Min.

          In Stuttgart wird Mitte dieses Monats der Hörfunkausschuss des Südwestrundfunks zusammentreten. Anlass der Zusammenkunft: die Zukunft der beiden im SWR existierenden Rundfunksinfonieorchester - des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart und des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg.

          Durch den Zusammenschluss der vormals eigenständigen Rundfunkanstalten Süddeutscher Rundfunk (SDR) in Stuttgart und Südwestfunk (SWF) in Baden-Baden, geregelt in einem Staatsvertrag von 1998 der beteiligten Länder, besaß der neue SWR gleich zwei Sinfonieorchester, zu denen dann in Kaiserslautern das SWR-Rundfunkorchester trat, das vornehmlich der gehobenen Unterhaltungsmusik diente und inzwischen mit dem Radio-Sinfonieorchester des benachbarten Saarlandes zur Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern vereinigt worden ist.

          Das ist die Ausgangslage. Sowohl bei der Fusion der beiden Sender als später auch vom derzeitigen Intendanten Peter Boudgoust bei dessen Amtsantritt gab es deutliche Bekundungen für die Fortexistenz der beiden Sinfonieorchester. Das scheint jetzt „Schnee von gestern“ zu sein. Der SWR will bis 2020 rund 25 Prozent seines Etats einsparen, die Kultur dabei nicht ausgenommen.

          Mit Hilfe einer Unternehmensberatung hat die SWR-Intendanz alles durchrechnen lassen und ist zu dem Ergebnis gekommen: Beide Sinfonieorchester müssen entweder verkleinert werden, oder sie müssen fusionieren zu einem größeren Orchester mit 110 bis 115 Mitgliedern. Derzeit gibt es bei den Stuttgartern 102, bei den Baden-Baden/Freiburgern 98 Planstellen. Die Reduktion beträfe etwa 80 bis 90 Musiker.

          Der Protest und seine guten Gründe

          Gegen diese Pläne erhob sich nach kurzem Erschrecken erheblicher Protest, sogar weltweit, von Musikern, Komponisten, Dirigenten, von Politikern und vor allem von Bürgern, für die die Teilnahme am Musikleben mehr bedeutet als nur Zerstreuung. Rund 25 000 Unterschriften (oder entsprechende „Klicks“) finden sich bis jetzt auf dem Verzeichnis orchesterretter.de. Die Mitglieder des Hörfunkausschusses hätten auf ihrer bevorstehenden Sitzung Entscheidendes zu bedenken.

          Wer zwei Orchester fusioniert, zerstört die Individualität beider, ihre künstlerische Identität. Ein daraus resultierendes „Großorchester“ wäre nur eine Ansammlung von hundert wurzellosen Musikern, die vielleicht in zwanzig Jahren zu einer eigenen Identität fänden. Will man das? Dann: Beide Orchester besitzen einen bemerkenswerten Rückhalt in ihrer jeweiligen Region, im Großraum Stuttgart und in der oberrheinischen Region von Freiburg bis Mannheim mit rund vier Millionen Bewohnern.

          Sie „versorgen“ nicht nur mit ihren Konzerten musikbegeisterte Menschen, sondern wirken mit ihren Musikern zugleich in vielerlei Hinsicht positiv auf ein lebendiges Musikleben ein - als Lehrer an Musikschulen, als musikalische Animatoren in Schulen (in denen der offizielle Musikunterricht verkümmert) und weiteren pädagogischen Initiativen, und das alles ehrenamtlich. Wäre das nicht einen staatlichen Zuschuss für die Orchester wert?

          Die Standortfrage

          Weiter: In Baden-Württemberg befinden sich sechs Musikhochschulen, davon vier allein im Bereich des Baden-Baden/Freiburg-Orchesters: Freiburg, Trossingen, Karlsruhe, Mannheim. Die Präsenz eines hochwertigen Orchesters ist für jeden Musikstudenten wichtig - zur allgemeinen Information, als klingende Analyse der Partituren, mit denen man sich im Hochschulunterricht beschäftigt, dann im Einzelfall bei Mitwirkung im Orchester in einer wichtigen Aufführung. Das funktioniert aber nur, wenn das Orchester halbwegs leicht zu erreichen ist. Wenn ein Großorchester in Stuttgart seinen Sitz hätte, fielen die Begegnungen von Orchester und Hochschülern für die vier oberrheinischen Hochschulen weg.

          Womit man bei der Standortfrage wäre: Wo soll das große Orchester seinen Stammsitz finden? Die geographische Logik spräche für die Landeshauptstadt, was man sogar akzeptieren könnte, wenn Freiburg, Baden-Baden oder Karlsruhe in dreißig Kilometern über die Autobahn zu erreichen wären.

          Für die Musiker des Baden-Baden/Freiburg-Orchesters, die nach der Fusionierung von ihrem einstigen Orchester übrig blieben (vielleicht fünfzig, höchstens sechzig) ist die zwangsläufige Reiserei unzumutbar. Diese kostete Zeit, vor allem aber Kraft, die der eigentlichen Arbeit verlorenginge. Und wer bezahlt den Umzug nach Stuttgart, falls es dort überhaupt adäquaten Wohnraum gäbe? Das alles ist nicht durchdacht, geschweige gelöst. Nur eine Fusion in Gang zu setzen, ohne das Weitere zu bedenken, ist unverantwortlich und rücksichtslos.

          Was auf dem Spiel steht

          Nächster Punkt: Im nächsten Jahr wird ein neuer SWR-Staatsvertrag verabschiedet, der die Unzulänglichkeiten des alten Vertrages beseitigen soll. Wäre es nicht geboten, erst einmal diese Neuregelungen abzuwarten und nicht jetzt schon Fakten zu schaffen, die später nicht mehr zu reparieren sind?

          Noch ein Punkt: Bei einer Diskussion gestanden Intendant und Hörfunkdirektor ein, dass man jetzt noch keinesfalls sagen könne, wie sich die künftige Gebührenordnung auf die Einnahmen auswirken wird. Darüber darf der Kopf geschüttelt werden: Man spart in vorauseilendem Gehorsam an den beiden Orchestern, ohne zu wissen, wie sich die finanzielle Situation darstellen wird. Das darf man ruhig als verantwortungslos bezeichnen.

          Darüber hinaus ist die künstlerische Bedeutung der Orchester für das deutsche Musikleben zu würdigen. Die Leistungen, die beide Orchester, besonders aber das Baden-Baden/Freiburger, seit sechzig Jahren für die Fortschreibung der Musikgeschichte mit zahllosen Uraufführungen erbracht haben, ist beispiellos und verlangt eine andere Bewertung als nur nach ökonomischen Tagessätzen.

          Die Orchester selbst sind dabei zum Kunstgegenstand avanciert. Wer sie beschädigt, schadet dem Musikleben in Deutschland, in Europa, wo sie großen Respekt genießen, auch in der weiten Welt der Musik, in Japan, in Amerika, wo die Marke SWR-Orchester hohes Ansehen genießt. Darauf sollte auch die Intendanz stolz sein. Größe zeigen kann auch darin bestehen, Vorstellungen zu revidieren.

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