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SWR-Sparprogramm : Zwei Orchester minus eines ist keines

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Die Standortfrage

Weiter: In Baden-Württemberg befinden sich sechs Musikhochschulen, davon vier allein im Bereich des Baden-Baden/Freiburg-Orchesters: Freiburg, Trossingen, Karlsruhe, Mannheim. Die Präsenz eines hochwertigen Orchesters ist für jeden Musikstudenten wichtig - zur allgemeinen Information, als klingende Analyse der Partituren, mit denen man sich im Hochschulunterricht beschäftigt, dann im Einzelfall bei Mitwirkung im Orchester in einer wichtigen Aufführung. Das funktioniert aber nur, wenn das Orchester halbwegs leicht zu erreichen ist. Wenn ein Großorchester in Stuttgart seinen Sitz hätte, fielen die Begegnungen von Orchester und Hochschülern für die vier oberrheinischen Hochschulen weg.

Womit man bei der Standortfrage wäre: Wo soll das große Orchester seinen Stammsitz finden? Die geographische Logik spräche für die Landeshauptstadt, was man sogar akzeptieren könnte, wenn Freiburg, Baden-Baden oder Karlsruhe in dreißig Kilometern über die Autobahn zu erreichen wären.

Für die Musiker des Baden-Baden/Freiburg-Orchesters, die nach der Fusionierung von ihrem einstigen Orchester übrig blieben (vielleicht fünfzig, höchstens sechzig) ist die zwangsläufige Reiserei unzumutbar. Diese kostete Zeit, vor allem aber Kraft, die der eigentlichen Arbeit verlorenginge. Und wer bezahlt den Umzug nach Stuttgart, falls es dort überhaupt adäquaten Wohnraum gäbe? Das alles ist nicht durchdacht, geschweige gelöst. Nur eine Fusion in Gang zu setzen, ohne das Weitere zu bedenken, ist unverantwortlich und rücksichtslos.

Was auf dem Spiel steht

Nächster Punkt: Im nächsten Jahr wird ein neuer SWR-Staatsvertrag verabschiedet, der die Unzulänglichkeiten des alten Vertrages beseitigen soll. Wäre es nicht geboten, erst einmal diese Neuregelungen abzuwarten und nicht jetzt schon Fakten zu schaffen, die später nicht mehr zu reparieren sind?

Noch ein Punkt: Bei einer Diskussion gestanden Intendant und Hörfunkdirektor ein, dass man jetzt noch keinesfalls sagen könne, wie sich die künftige Gebührenordnung auf die Einnahmen auswirken wird. Darüber darf der Kopf geschüttelt werden: Man spart in vorauseilendem Gehorsam an den beiden Orchestern, ohne zu wissen, wie sich die finanzielle Situation darstellen wird. Das darf man ruhig als verantwortungslos bezeichnen.

Darüber hinaus ist die künstlerische Bedeutung der Orchester für das deutsche Musikleben zu würdigen. Die Leistungen, die beide Orchester, besonders aber das Baden-Baden/Freiburger, seit sechzig Jahren für die Fortschreibung der Musikgeschichte mit zahllosen Uraufführungen erbracht haben, ist beispiellos und verlangt eine andere Bewertung als nur nach ökonomischen Tagessätzen.

Die Orchester selbst sind dabei zum Kunstgegenstand avanciert. Wer sie beschädigt, schadet dem Musikleben in Deutschland, in Europa, wo sie großen Respekt genießen, auch in der weiten Welt der Musik, in Japan, in Amerika, wo die Marke SWR-Orchester hohes Ansehen genießt. Darauf sollte auch die Intendanz stolz sein. Größe zeigen kann auch darin bestehen, Vorstellungen zu revidieren.

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