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„Superfly“-Remake bei AXN : Ein Film, der hält, was die Frisur verspricht

  • -Aktualisiert am

Ganz schön glatt: Trevor Jackson als Unterwelt-Überflieger Youngblood Priest. Bild: AXN

Schwarze Dealer, die mit weißen Wummen schießen: Die Neuverfilmung des Blaxploitation“-Films „Superfly“ hat seinem Thema vor lauter Schauwerten wenig Neues hinzuzufügen.

          Als der „Blaxploitation“-Film „Super Fly“ 1972 in die amerikanischen Kinos kam, gab es afroamerikanische Stimmen, die sich nachdrücklich gegen die Darstellung wandten. Die Kritik betraf zwar auch Filme wie „Shaft“ (F.A.Z. vom 28. Juni), richtete sich am Beispiel von „Super Fly“ aber generell gegen das Spiel mit schwarzen Stereotypen in Filmen, die andererseits große Resonanz bei der „Civil Rights“-Bewegung fanden. Obwohl in der Regel von Weißen produziert, stellten sie für einige Bürgerrechtler einen Schritt hin zu stärkerer Hollywoodpräsenz farbiger Künstler dar. Man feierte die emanzipatorische Darstellung bestimmter Subkulturen und verwies auf kritische Untertöne. Der Tenor: Unsere Klischees gehören uns. Junius Griffin von der „National Association for the Advancement of Coloured People“, der „Congress for Racial Equality“ und andere Organisationen versuchten gleichwohl, die Ausstrahlung des Kinofilms zu verhindern: „Wir müssen darauf bestehen, dass unsere Kinder nicht einer ständigen Fütterung durch sogenannte ,Black Movies‘ ausgesetzt werden, die schwarze Männer als Zuhälter, Drogenhändler, Gangster und Supermachos zeigen.“ Die Filme seien als „Instrument weißer Unterdrückung“ zu verdammen.

          „Super Fly“ handelt von dem Zuhälter und Kokaindealer Youngblood Priest, der in Harlem als mittelsmarter Macker eine Gruppe von Berufsverbrechern und Drogenhändlern anführt. Das kriminelle Leben will er mit einem einzigen Großgeschäft hinter sich lassen und ein ehrbares Leben ohne Geldsorgen anfangen. Die Gang, darunter Freund Eddie und der gewaltscheue Fat Freddy, legt sich aber mit den Falschen an. Drogensyndikatschef ist ein ranghoher Polizist, der sein sorgsam austariertes Pfründesystem bedroht sieht. Es wird ziemlich blutig, Leichen pflastern Priests Ausstieg. Regie führte Gordon Parks jr. , Sohn des „Shaft“-Regisseurs Gordon Parks sen. Bemerkenswert war der Film vor allem wegen der Musik von Curtis Mayfield. Zwei der Songs erhielten amerikanische Top-Ten-Plazierungen. Wer wollte, konnte in die Verbrechens- und Gewaltorgie mit Chauvi-Ausrichtung ex negativo klischeezertrümmernde Sozialkritik hineinlesen. Oder sich zumindest im zeithistorischen Kontext irgendwie über „Black Empowerment“ Gedanken machen.

          Wie ein überlanges Musik-Video

          Dem Remake „Superfly“ von 2018, das AXN nun zeigt, kann man Ähnliches nur dann attestieren, wenn man die Musikvideos von Nicki Minaj oder Usher gendersozialkritisch findet und Sex in verschiedenen Variationen für einen authentischen Ausdruck des aufgeklärten Feminismus hält. Sein kanadischer Regisseur, der unter dem Pseudonym Director X arbeitet (im wahren Leben: Julien Christian Lutz), ist in der Vergangenheit vor allem als Videoclipregisseur für R.Kelly, Kanye West, Jay Z, Drake, Iggy Azalea, Rihanna und die beiden schon genannten hervorgetreten, und sein Update des Films von 1972 sieht mit seiner zweistündigen Gangsterglorifizierungs-Glanzoberfläche ganz genau so aus wie eine überlange Musikvideoproduktion.

          In den Vereinigten Staaten spielte er gerade so seine Produktionskosten wieder ein. Wenn er in Erinnerung bleibt, dann wohl nur durch seine Rap- und Hiphop-Tracks (Songs von „The Future“). Insbesondere eine Party in Priests Luxusvilla, bei der die gefährlichen Supermachos mit den Blingbling-Ketten und Nerzmänteln Frauen mit Dollarscheinen beregnen, während diese mit ihren sportwagenbreiten Rückseiten Unendlichkeitszeichen in die Männergesichter malen – wenn sie nicht mit Catfight und Haareausreißen beschäftigt sind. Szenen, die Priests Umgang mit zwei Gespielinnen in der Dusche abbilden, sind zwar visuell denkwürdig, bleiben aber ebenso wenig hängen wie die Luxusautomanie à la „Fast and Furious“ oder das Faible für tausendundeine Waffe der Gattung fette Knarre. Es gilt: stylish und immer schön mindestens eins drüber bleiben. Schließlich schießt die Kokskonkurrenzgang „Snow Patrol“ nicht nur mit weißen Gewehren, sondern lässt sich auch nur in weißen Särgen beerdigen.

          Unter der Bildüberwältigung gehen auch die gelegentlich fast subtilen Aktualisierungen der Geschichte unter (Buch Alex Tse). „Fat Freddy“ wird dieses Mal, anders als beim Original, von einem korrupten weißen Polizisten kaltblütig ohne Vorwarnung am Steuer seines Wagens hingerichtet, ein immanenter Kommentar zur Rassismusdebatte in Amerika. Der Schauplatz ist nun Atlanta, Georgia. Harlem, New York City, ist vermutlich inzwischen so gentrifiziert, dass man keine dubiosen Abbruchhäuser mehr findet. Der Koks-Strippenzieher im Hintergrund ist nun Mexikaner mit Familiensinn (was manche wieder zu einer Stereotypendebatte veranlassen könnte), „Superfly“ Priests ehemaliger Mentor Scatter betreibt jetzt kein Restaurant mehr, sondern eine Kampfkunstschule – was Gelegenheit zu attraktiv choreographierten Kampfszenen liefert (Kamera Amir Mokri) – und im Abspann zu schier endlosen Stunt-Credits führt.

          Trevor Jackson (Youngblood Priest) und Jason Mitchell (als sein Bro Eddie) spielen sich so gewollt „over the top“ durch ihren Schlagabtauschdialog und diverse Prügeleien unter besten Freunden, dass man einige der übrigen Remake-Hinzuerfindungen fast schon wieder ernst nehmen könnte. Allerdings bleibt es bei der Absicht. Tiefe finden hier vermutlich nur Zuschauer, die Kanye West als Präsident und Kim Kardashian als First Lady im Catsuit in weltdiplomatischer Mission für den Hit des emanzipatorischen „Empowerments“ halten.

          Superfly beginnt am Freitag um 21.55 Uhr beim Abosender AXN.

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