https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/sueddeutsche-zeitung-ist-die-selenskyj-karikatur-antisemitisch-18064809.html

Zeichnung der „Süddeutschen“ : Ist die Selenskyj-Karikatur antisemitisch?

Die umstrittene Selenskyj-Karikatur in der „Süddeutschen“. Bild: Süddeutsche Zeitung/Twitter

Der „Süddeutschen“ wird vorgeworfen, sie bediene mit einer Karikatur des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj antisemitische Klischees. Die Zeitung hält dagegen, will die Kritik aber ernst nehmen.

          2 Min.

          Mir ihren Karikaturen hat die „Süddeutsche Zeitung“ wirklich kein Glück. Nicht zum ersten Mal gibt es Kritik an Zeichnungen in dieser Zeitung, nicht zum ersten Mal geht es um den Vorwurf, antisemitische Klischees zu bedienen. In diesem Fall geht es um eine Karikatur, die den ukrainischen Präsidenten Wolodomyr Selenskyj zeigt, der zum Weltwirtschaftsforum in Davos zugeschaltet ist.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Selenskyj erscheint auf dem Bild überlebensgroß, gedrungen, die Augen verschattet, missmutig dreinblickend, monströs. Unter ihm am ovalen Konferenztisch sind winzige Honoratioren des Weltwirtschaftsforums versammelt.

          Diese Karikatur werte er als „üble Verzeichnung des Präsidenten der Ukraine und das ist aus meiner Sicht nicht akzeptabel“, sagte der bayerische Antisemitismusbeauftragte Ludwig Spaenle. Die Darstellung lasse bei vielen Menschen weit weg von der Realität antisemitische Klischees wachwerden. Das sei für ihn persönlich auch deshalb verstörend, weil er die Zeitung in der Berichterstattung über antisemitische Strömungen, Vorfälle und Straftaten schätze. „Schade, dieses Mal ging die Karikatur daneben,“ sagte Spaenle.

          Kritisch äußerten sich auch die „Jüdische Allgemeine“ und die Jüdische Studierendenunion Deutschland. Kritiker der Zeichnung finden sich auch im Internet. Der SZ wird zum Beispiel angelastet, Selenskyj werde als „geifernd, übergroß und mächtig“ dargestellt.

          Die Karikatur war in der Feiertagsausgabe (25. Mai) der „Süddeutschen“ erschienen. Und war nach Ansicht der Zeitung, wie sie auf Twitter mitteilte, nicht misslungen: „Diese Karikatur ist die zeichnerische Umsetzung der Fernsehbilder vom Montag: Der ukrainische Präsident auf der Videowand, und damit im XXL-Format, vor dem Publikum in Davos. Sie illustriert, wie dominierend das Thema Ukraine dort ist.“

          Man bedauere die „entstandenen Irritationen“

          So lautete die Einlassung der SZ auf Twitter. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur nahm die Chefredaktion die Kritik dann jedoch ein wenig auf: Man bedauere die im Zusammenhang mit der Karikatur „entstandenen Irritationen“, hieß es. „Wie wir aus Leserreaktionen sehen, weckt die Karikatur bei einigen Menschen antisemitische Assoziationen. Dies war von uns keinesfalls beabsichtigt“. Die SZ sei „gegen jede Form des Antisemitismus“. Nähere man sich der Karikatur über die realen Fernsehbilder des Weltwirtschaftsforums an, so sei sie eine wirklichkeitsnahe Illustration und versinnbildliche, wie stark das Thema „Ukraine-Krieg“ dieses Forum präge, zitiert die Deutsche Presse-Agentur die Chefredaktion der Zeitung. Zugleich versicherte die Chefredaktion, man nehme die Kritik ernst.

          Mit Antisemitismusvorwürfen hatte die „Süddeutsche“ mit Blick auf ihre Karikaturen zuletzt 2018 zu kämpfen. Damals ging es um eine Zeichnung des Karikaturisten Dieter Hanitzsch, der den damaligen israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu mit einer Davidstern-Rakete gezeichnet hatte. Die Zeitung hatte sich von dem Karikaturisten getrennt.

          Bei der jetzigen Erläuterung der kritisierten Zeichnung und Entgegnung der SZ fällt auf, wie stark sie auf die Vorlage der Fernsehbilder aus Davos Bezug nimmt. Die Karikatur dieser Situation wirkt grob nachgestellt und simpel überzeichnet. Ihr fehlt jeder Witz.

          Weitere Themen

          Bonhams kauft Cornette de Saint Cyr

          Auktionsmarkt : Bonhams kauft Cornette de Saint Cyr

          Das britische Auktionshaus Bonhams war wieder auf Einkaufstour. Nun gliedert es das französische Familienunternehmen Cornette de Saint Cyr seinem wachsenden Imperium ein.

          Topmeldungen

          Einst Ausdruck des Neuen Bauens: Die Magdeburger Stadthalle aus dem Jahr 1927 wird saniert.

          Chipfabrik in Magdeburg : Auferstanden aus Ruinen

          Magdeburg hat harte Zeiten hinter sich: Bomben, Arbeitslosigkeit, Abwanderung. Der Pioniergeist ist aber nie erloschen. Eine Megainvestition von Intel könnte die Stadt nun nach vorne katapultieren.
          Bundesumweltministerin Steffi Lemke

          Krach in Berlin : Lindner gegen Lemke: Stimmt Deutschland für das Verbrenner-Aus?

          Kurz vor dem entscheidenden Treffen zum EU-Klimapaket kündigt Umweltministerin Lemke an, für das Ende des Verbrennungsmotors 2035 zu stimmen – und setzt sich damit über das „Nein“ der FDP hinweg. Nur Minuten später rudert die Grüne zurück. Was geschieht nun?
          Claus Ruhe Madsen auf dem Landesparteitag der CDU in Neumünster

          Claus Ruhe Madsen : Ein Däne als Wirtschaftsminister in Kiel

          Daniel Günther ist mit der Ernennung des populären Rostocker Oberbürgermeisters zum Wirtschaftsminister Schleswig-Holsteins ein Coup gelungen. Ohne Risiko ist das aber nicht.
          In der Laib und Seele-Ausgabestelle in Berlin berät ein ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Auswahl der Blumen.

          Ungleichheit in Deutschland : Wen die Inflation wirklich trifft

          Weil fast alles teurer wird, müssen viele Menschen sparen. Manchen fällt das leicht – andere stürzt es in die Verzweiflung. Vier ganz unterschiedlich Betroffene berichten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.