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Flucht und Migration : Wie berichten europäische Medien?

Einen generellen Kritikpunkt sieht die Studie in dem Umstand, dass viel über Flüchtlinge berichtet, aber selten die Perspektive der Geflüchteten berücksichtigt werde. Bild: dpa

Zwölf Journalismus-Institute haben Pressebeiträge über Flüchtlinge untersucht. Sie stellen fest: Die „eine“ Flüchtlingsberichterstattung gibt es nicht. Es herrschen große nationale Unterschiede vor. Welche sind das?

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          Eine Studie zur Berichterstattung über Flüchtlinge stellt große Fragen: Sie will wissen, ob die Medien „die gesellschaftliche Wirklichkeit adäquat wiedergegeben“ haben und „ihren Informationspflichten nachgekommen“ sind und ob die Leser in Deutschland über das Thema anders informiert worden sind als diejenigen in Ungarn, Spanien oder Italien. Untersucht wurde die Berichterstattung in sechzehn europäischen Ländern und in den Vereinigten Staaten, jeweils am Beispiel von zwei ausgewählten Medien.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das wichtigste Ergebnis der Studie, die sechs exemplarische Untersuchungswochen im Zeitraum zwischen August 2015 und März 2018 umfasst, lautet: Die „eine“ Flüchtlingsberichterstattung gebe es nicht, stattdessen prägten „markante inhaltliche Unterschiede die Medienlandschaft Europas“. Die Medien berichteten nicht „uniform“, sie bildeten ein breiteres Meinungsspektrum ab, dies gelte sogar für Russland.

          Man könne von einer „doppelten Differenzierung“ sprechen, sagt Susanne Fengler. Sie hat mit ihrem Kollegen Marcus Kreutler vom Erich- Brost-Institut für internationalen Journalismus an der TU Dortmund die Studie mit erarbeitet. Sie entstand im Verbund des European Journalism Observatory (Ejo), einem Netzwerk von zwölf Journalismus-Instituten an europäischen Universitäten. In Auftrag gegeben wurde die Studie mit dem Titel „Stumme Migranten, laute Politik, gespaltene Medien“ von der von der IG Metall getragenen Otto Brenner Stiftung. Ausgewertet wurden 2417 Artikel, für Deutschland wurde die Berichterstattung am Beispiel der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der „Süddeutschen Zeitung“ beobachtet.

          Die „doppelte Differenzierung“, von der die Autorin Susanne Fengler spricht, zeigt sich der Studie zufolge in deutlichen Unterschieden zwischen Ost- und Westeuropa, wobei im Osten kritischer über Einwanderung berichtet werde. Zum Zweiten sorge die „politische“ Ausrichtung der Medien für Unterschiede: „Linke“ und liberale Medien thematisierten die Situation von Migranten häufiger als „rechte“ und konservative Zeitungen und Online-Portale.

          Ein Ergebnis der Studie lautet darauf, dass sich die Perspektive der deutschen Medien „fundamental“ von derjenigen anderer Medien in Europa unterscheide. In keinem anderen EU-Land werde so intensiv über Migration und Flucht berichtet wie in Deutschland. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und die „Süddeutsche Zeitung“ hätten im beobachteten Zeitraum mehr als tausend Beiträge gebracht, in den meisten anderen Ländern seien es wenig mehr als hundert gewesen. Eine Ausnahme bilde Ungarn. Dort erschienen 1500 Artikel.

          Migration und Flucht als Themen der „Anderen“

          Ein Merkmal der Berichterstattung in Deutschland sei, dass Flucht und Migration – ähnlich wie in Italien und Spanien – als Themen begriffen würden, welche das eigene Land beträfen. In den anderen EU-Staaten sei es ein Auslandsthema, das sich „fernab von zu Hause, jenseits der eigenen Grenzen“ abspiele. Dies möge, meinen die Autoren der Studie, auch erklären, „warum Deutschland mit seinem Bestreben nach einer ,europäischen Lösung’ der Asylfragen weitgehend isoliert“ dastehe. In Osteuropa stünden Probleme mit Migranten und Flüchtlingen sowie Proteste im Vordergrund. In Westeuropa gehe es vornehmlich um die Situation von Migranten und Flüchtlingen und um Hilfsbemühungen. „Dass Migration und Flucht meist als Themen der ,Anderen‘ und nicht als Sache des eigenen Landes dargestellt werden, kann ein Grund sein, weshalb eine Lösung der Asyl- und Einwanderungsfragen auf europäischer Ebene nicht vorankommt“, sagte der Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung, Jupp Legrand.

          Einen generellen Kritikpunkt sieht die Studie in dem Umstand, dass viel über Flüchtlinge berichtet, aber selten die Perspektive der Geflüchteten berücksichtigt werde. Die Betroffenen selbst erschienen „weitgehend als Statisten der Migrationsberichterstattung“. Nur vier Prozent der untersuchten Artikel befassten sich mit Hintergründen der Flucht, 45 Prozent spiegelten politische Debatten wider. Begriffe wie „Flüchtling“ und „Migrant“ würden vermischt, deren Herkunft selten benannt. Nur in einem Viertel der Berichte fänden sie überhaupt Erwähnung, noch seltener kämen sie zu Wort. Dies verhalte sich in den Vereinigten Staaten anders. Dort würden in Artikeln in 65 Prozent der untersuchten Fälle Migranten und Flüchtlinge zitiert.

          Das Fazit der Studie lautet, die Medien in Europa müssten „noch viele Unterschiede abbauen, um zu europäischen Medien zu werden“. Ohne eine „gemeinsame Öffentlichkeit“ könne ein demokratisches Gemeinwesen auf Dauer nicht bestehen.

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