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Studie über Youtube : Eisberg des Schreckens?

Beliebt bei Kindern: Bianca Heinicke ist mit ihrem Kanal „Bibis Beauty Palace“ auf Platz 3 von Deutschlands meistabonnierten Youtubern. Bild: dpa

Was läuft da eigentlich? Eine Studie nimmt deutsche Youtube-Angebote in den Blick. Sie warnt vor der stärker werdenden Verbindung von knallhartem Kommerz und oberflächlichem Klamauk.

          Eine sechsundzwanzigjährige Frau tritt in den Flur und kichert. Ihr Freund sitzt auf dem Sofa und kommentiert: „Du siehst aus wie ein hässlicher Frosch.“ Sie trägt etwas Enganliegendes in Giftgrün, von dem sie dachte, es „wäre ein Minikleid“. Bianca „Bibi“ Heinicke (inzwischen verheiratete Claßen) hat das Outfit in Dubai gekauft. Nun lässt sie es auf ihrem Kanal „BibisBeautyPalace“ (5,6 Millionen Abonnenten) von ihrem Mann, dem Lifestyle-Youtuber Julienco (3,8 Millionen Abonnenten) bewerten.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Bianca Heinickes Kanal belegt, geordnet nach Abonnentenzahlen deutscher Youtube-Kanäle, aktuell Platz drei. Auf Platz zwei befindet sich „Freekickerz“ (7,6 Millionen Abonnenten). Hier stehen Videos über Fußball im Vordergrund, in denen die „Freekickerz“ in „Challenges“, also videotauglichen Mini-Wettbewerben gegen Profis antreten. Auf Platz eins ist seit jüngstem jedoch der Kanal „Kurzgesagt – In a Nutshell“ (8,5 Millionen Abonnenten), der versucht, Dinge aus dem Bereich Naturwissenschaft, Philosophie und Technik, aber auch Debattenthemen wie Einwanderung oder Atomwaffen in bunten, mehrminütigen Animationsfilmen und in englischer Sprache zu erklären.

          Dass nun ausgerechnet ein vergleichsweise anspruchsvoller Kanal für Wissensvermittlung auf Platz eins steht, irritiert auf den ersten Blick, wenn man einer Studie folgt, die der Kommunikationswissenschaftler Lutz Frühbrodt (Hochschule Würzburg-Schweinfurt) zusammen mit der Kommunikationsberaterin Annette Floren für die gewerkschaftsnahe Otto-Brenner-Stiftung erstellt hat. Dafür haben sich Floren, Frühbrodt und ihr Team nicht nur stundenlang Youtube-Videos angesehen, sondern auch betrachtet, wer mit welchen Mitteln am Markt Erfolg hat und welche Agentur dahinter steckt. Die zentrale Frage aber fußt auf der richtigen Annahme, dass kaum jemand über 35 weiß, was sich die Jahrgänge ab 1990 da eigentlich ansehen, wenn sie im Schnitt anderthalb Stunden pro Tag Youtube schauen.

          Die Frage lautet: Was läuft da eigentlich? Die Antwort – trotz Wissenskanal „Kurzgesagt“, der in der Studie (Stand April 2018) noch auf Platz zwei war: Youtube ist geprägt durch banal-emotionale Unterhaltung und von unregulierter Produktwerbung durchseucht. Kreativ jenseits des „kulturellen Mainstreams“ sei das Angebot allenfalls in kaum frequentierten Nischen. Dabei wird eingestanden, dass Youtube ein „digitaler Eisberg“ sei. „Das Gros des Bergs liegt unter Wasser.“ Entscheidend sei jedoch die Spitze, „die für die meisten Zuschauer sichtbar ist“.

          Letzteres meint, „was die Mediennutzer auf den Top-100-Kanälen zu sehen bekommen“. Die Stoßrichtung der Studie ist klar: Hier soll entzaubert werden. Und zwar „der Mythos des basisdemokratischen Alternativmediums“. Fraglich ist, ob diese Stoßrichtung den Anreiz zur oder schlicht das Ergebnis der Studie darstellen soll. Dabei kommt die Fächerung des Top-100-Angebots in Prozenten harmlos daher: Im April 2018 gliedert es sich laut Studie in folgende Kategorien: 36 Prozent Unterhaltung, 24 Prozent Musik, 15 Prozent Gaming, neun Prozent Beauty/Lifestyle, sieben Prozent Sonstiges und zu je drei Prozent Wissen, Kinder sowie Ratgeber.

          Dahinter verbergen sich laut der Studie, die im Ton oft ruppig formuliert, überwiegend „Mittzwanziger, die ihre Pubertät nicht überwunden zu haben scheinen“ und die „Kinder und Jugendliche zwischen acht und 16 Jahren mit banalen Aktionen, Gags und Spielen“ bespaßen, die sich oft durch „brachiale Geschmacklosigkeit“ auszeichnen. Abschwächend hinzugefügt werden kann, dass das nur auf jenes zutrifft, was aktuell am meisten Aufmerksamkeit innerhalb der genannten Zielgruppe bekommt. Wer allerdings finde, es habe sich in vierzehn Jahren Youtube nichts geändert, irre: „Die neue Dimension besteht in der intensiven Verbindung, die der Klamauk mit den kommerziellen Interessen der Werbungtreibenden eingegangen ist.“ Die transportierten Rollenbilder (siehe: Mann bewertet Frau anhand gekaufter Kleider) scheinen zudem auch nicht die frischesten zu sein. Ganz zu schweigen vom Brachialkonsumismus samt Schleichwerbung, die in Form von leuchtendem Gaming-Equipment ebenso zelebriert werden wie mit Luxusuhren, -taschen und -sportwagen. Kaschiert werde dies mit einer vermeintlichen „Alltagsauthentizität“, in der jedoch nichts dem Zufall überlassen werde. Als Gegenmaßnahmen werden deshalb vorgeschlagen: klarere Kennzeichnung von Werbung, härteres Vorgehen gegen Schleichwerbung sowie die Werbekompetenz von Jugendlichen zu stärken.

          Dabei gehört jedoch zur Misere auch eine Medienbranche, die zwar gut darin ist, große Plattformen wie Youtube zu kritisieren, sich aber immer noch schwertut, deren Konsumenten ernst zu nehmen und innerhalb dieses Raums geschickt für ihre eigenen Angebote zu werben, um damit etwas von der abgewanderten Aufmerksamkeit zurückzuerobern.

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