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Studi-VZ : Studenten treibt es ins Netz

Studenten im Web 2.0: Gruscheln, Chatten und Seminararbeiten googeln Bild: studivz.de

Früher gab es das schwarze Brett und das Telefon, heute „StudiVZ“. Was ist an dieser Website so wertvoll, dass ein Konzern 85 Millionen Euro für sie bezahlt? Es können nur die über eine Million Nutzerdaten sein.

          Der Holtzbrinck-Konzern hat gerade, dem Vernehmen nach für 85 Millionen Euro, die Internetseite „Studi-VZ“ gekauft. Angeblich wird diese Seite von mehr als einer Million deutscher Studenten zur Pflege von Kontakten untereinander genutzt. Sollte die Teilnehmerzahl zutreffen, entspräche sie gut der Hälfte aller überhaupt Immatrikulierten.

          Wer sich bei Studi-VZ anmelden will, muss aber kein Student sein, die Mitgliedschaft wird völlig formlos erworben. Man gibt Namen und Internetadresse ein, ordnet sich einer Hochschule zu und individualisiert sich durch weitere Angaben.

          „Solo“, „vergeben“ oder „in einer offenen Beziehung“

          In der Rubrik „Beziehung“ etwa kann man ankreuzen, ob man sich „solo“, „vergeben“, „in einer offenen Beziehung“ oder in einer „Romanze“ fühlt. Auch politische Selbsteinordnung ist möglich, bis hin zu „kronloyal“. Auf diesen Scherz ist vielleicht der iranischstämmige Mitgründer der Seite gekommen, der selber allerdings auffiel, als er Geburtstagseinladungen im historischen Format des „Völkischen Beobachters“ verschickt hatte.

          Schriftwechsel statt Mensaplausch: Die enttäuschungsärmere Kontaktaufnahme

          Ein Medienhaus wie Holtzbrinck würde sich vermutlich jedoch mehr für Angaben zu Lieblingsbüchern, Filmen und Musikgruppen interessieren. Weitere Mitteilungsmöglichkeiten betreffen die eigene Erreichbarkeit sowie Erfahrungen im Studium; man kann sich über Lehrveranstaltungen und Dozenten austauschen und auch jede andere Art von Diskussionskreis eröffnen.

          Sechzig Millionen Seitenaufrufe am Tag

          Sechzig Millionen Seiten sollen am Tag bei Studi-VZ aufgerufen werden. Und die Betreiber betonen, dass fast alle „Immatrikulierten“ ständige Nutzer sind. Für den Marktwert des Ganzen wäre es auch fatal, sollte sich herausstellen, dass es riesige Zahlen von toten Briefkästen gibt, die nur mal so zum Spaß angemeldet worden waren.

          Angenommen aber, die Zahlen stimmen, dann möchte man in ihnen - sofern nicht alles dem Bilden von Studiergruppen an anonymen Massenuniversitäten dient, was wiederum Medienkonzerne nicht interessieren müsste - fast eine zusätzliche Ursache der beklagten langen Studienzeiten an deutschen Hochschulen vermuten.

          Die Seminararbeit zusammengoogeln

          Die Studenten, klagen Verlage und Professoren, kaufen und lesen keine Bücher mehr. Dafür scheinen sie mit dem fortwährenden Versenden kleiner Botschaften beschäftigt. Schließlich ist zu vermuten, dass die Zeit, die heute über die Nutzung von SMS hinaus mit „Msn“, Myspace und Studi-VZ verbracht wird, zumeist nicht von der Freizeit der Nutzer abgeht.

          Typisch ist vielmehr bei solchen Mailsystemen die vermeintliche Simultannutzung im Internet: Man liest etwas fürs Studium oder googelt seine Seminararbeit zusammen und lässt dabei „online“ den Kontaktbörsenticker mitlaufen. Das kombiniert das Gefühl, nichts zu verpassen und ständig ansprechbar zu sein, mit dem, dafür nichts an Konzentration opfern zu müssen. Gewinne in der Sozialdimension ohne Verluste in der Zeit- und in der Sachdimension, darauf läuft das technische Versprechen hinaus.

          Suche nach Personen mit gleichen Interessen

          Doch natürlich läuft nur das Programm simultan, nicht die Kommunikation. Auch in Studi-VZ kann man nicht mit vierzig Kommilitonen zugleich, sondern nur abwechselnd nacheinander flirten. Abgesehen davon, dass virtuelle Flirts gegenüber tatsächlichen außer dem angestrebten Vorteil der Separierbarkeit auch Nachteile haben. Die Tastatur erschöpft den Tastsinn nicht. Und je weiter ein Austausch unterhalb des altmodischen Briefformats liegt, desto mehr muss er sich auf den Informationsaspekt der Kommunikation und auf ein eher begrenztes Spektrum an Ausdruck beschränken.

          Mit Freunden oder „Leuten“ in Kontakt zu kommen und denselben zu halten wird von vielen Nutzern als Sinn solcher elektronischen Netzwerke angegeben. Dabei spielen zwei Vorstellungen eine zentrale Rolle: dass schriftliche Kontaktaufnahme enttäuschungsärmer ist und dass in Freundschaften der Akzent auf Gleichheit liegt. Statt zu riskieren, dass die Person, die man im Hörsaal angesprochen hat, ein Langweiler mit völlig anderen Interessen ist, sucht man nach Personen mit gleichen Interessen, ohne dabei wohl ganz den Fall ausschließen zu können, dass es sich dann ebenfalls um Leute mit unerwünschten Nebeneigenschaften handelt.

          Marktforschung muss Sinn des Millionenkaufs sein

          Freundschaft mit Leuten, die andere Hobbys, politische Einstellungen oder Urlaubspräferenzen haben, scheint etwas ganz und gar Unwahrscheinliches. Die überraschungsfreie Nutzbekanntschaft färbt den Begriff der Freundschaft stark ein. Das Internet behauptet, den Zufall löschen zu können. Wie es im Übergang vom Reden online zum Verhalten offline aussieht, dazu fehlt allerdings soziologische Forschung.

          Wie aber mag sich ein Medienkonzern vorstellen, dieser Art von Netzwerk anzapfen zu können? Bislang war es den Betreibern von Studi-VZ nicht gelungen, trotz der imposanten Teilnehmerzahlen eine nennenswerte Werbenachfrage anzuziehen. Holtzbrinck, teilt der selbst zum Konzern gehörende „Tagesspiegel“ mit, habe seinerseits zugesichert, die Nutzerdateien nicht bei anderen Unternehmen des Konzerns zu verwenden.

          Solche Beteuerungen sind am Platz: Im November 2006 hatte ein Hacker im Internet vorgerechnet, dass sich private Freundschaftslisten in Studi-VZ durch jeden dechiffrieren lassen, der bis 283 zählen kann. Also ist auch Marktforschung nicht der Sinn des Millionenkaufs? Es klingt ein bisschen wie Erzählungen vom Neuen Markt um das Jahr 2000 herum: Wir wissen nicht, was das Produkt ist, aber die Preise steigen.

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