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„Stromberg“ ist zurück : Der schlimmste Chef aller Zeiten

Chef hört mit: Christoph Maria Herbst als „Stromberg” Bild: Pro Sieben

Beliebt sein ist auch überschätzt: Die Fernseh-Comedy „Stromberg“ ist wieder da. Als Büro-Scheusal darf Christoph Maria Herbst einige Überraschungserfolge feiern - doch allzu versöhnlich wird es auch diesmal nicht werden.

          So sieht wohl aus, was man heute einen „Hype“ nennt. „Stromberg“, die Fernsehserie um einen leitenden Versicherungsangestellten, scheint das Thema der Stunde zu sein. Interviews mit Christoph Maria Herbst, der die Titelrolle spielt, finden sich in jedem zweiten Society-Magazin, T-Shirts mit Stromberg-Sprüchen („Zu viel Kompetenz macht unsympathisch“, „Beliebt sein ist auch überschätzt“) sind ebenso erhältlich wie ein PC-Spiel namens „Büro ist Krieg!“ und ein in Strombergs Namen herausgegebenes Wörterbuch („Chef-Deutsch“). Der „Spiegel“ druckte seine Eloge auf die heute Abend beginnende dritte Staffel der Sitcom eine Woche im Voraus. Und in der Pro-Sieben-Eigenwerbung spielt Herbst als Stromberg neben Stefan Raab und „Bully“ Herbig schon seit längerem die Hauptrolle.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine Erfolgsgeschichte - und zugleich die Geschichte eines Misserfolgs, denn „Strombergs“ Quoten blieben mäßig. Weiter geht es trotzdem, weil Pro Sieben erkannt hat, dass die Serie wichtig fürs Image ist - wegen guter Werbebuchungen, Fernsehpreise und einer engagierten Fangemeinde. Der Strombergianer ist laut Herbst ein „überdurchschnittlich intelligenter, eher männlicher Zuschauer, der Oberstufenschüler, der Harald-Schmidt-Gucker“. Atze-Schröder-Gucker hingegen wären vermutlich aufgeschmissen. Wer zufällig für ein paar Minuten hineinzappt, bemerkt nicht unbedingt, dass „Stromberg“ eine Comedy ist. Die Komik wird nicht mit krachledernen Pointen erzeugt, sondern durch einen nur leicht ins Absurde überdrehten Realismus, durch Blicke, beiläufige Gesten und durch wohlgesetzte Pausen.

          Papa“ ist der Schlimmste

          Abgründigere Charaktere als den von Herbst gemeinsam mit dem Produzenten und Chefautor Ralf Husmann geformten Bürotyrannen Stromberg gibt es im deutschen Fernsehen wenige, in der deutschen Comedy gewiss gar keinen. Er ist vulgär, verschlagen und verletzend und will doch auf ganz eigene Weise ein guter und geschätzter Vorgesetzter sein; er nennt sich selbst „Herbergsvater“ und „der Papa“ und ist doch allzeit bereit, jedem seiner Schützlinge ein Messer in den Rücken zu rammen. Als Rollenmodell habe ihm unter anderen Gerhard Schröder gedient, hat Herbst wissen lassen - wegen der Marotte, einen Witz zu erzählen und anschließend beifallsheischend in die Runde zu schauen. Anders als beim ehemaligen Bundeskanzler stimmt in Strombergs hechelndes Lachen nach den üblicherweise verkorksten Scherzen aber niemand ein.

          Bürohumor à la Stromberg

          Wer mag, kann sich an Stromberg als „schlimmstem Chef aller Zeiten“ und an seinen chauvinistischen Sottisen ergötzen; er würde jedoch die Tragik der Figur verkennen, die der begnadete Komödiant Herbst durch seine Augen- und Körpersprache als tief verunsichertes, gehetztes Wesen zeigt. So selbstgerecht Stromberg ist, so spürt er doch, dass andere mehr auf dem Kasten haben als er, weshalb er die gut funktionierenden, glatten Langweiler neben und über ihm mit den einzigen Mitteln bekämpft, die er einigermaßen beherrscht, mit schmutzigen Tricks nämlich. Am Ende aber ist der Unehrliche stets der Dumme - und der Zuschauer darf sich für Stromberg, nach einer von Herbst gern genutzten Wendung, „fremdschämen“.

          Bis Baldrian

          Bernd Stromberg ist der Prototyp des überforderten Angestellten, ein Antipathieträger, mit dem man sich dennoch - manchmal - identifizieren kann. Auch der Rest der Belegschaft ist von hohem Wiedererkennungswert: etwa das ungleiche Paar Tanja und Ulf, das nur deshalb zusammen ist, weil es sich im Büro so oft über den Weg läuft; die Wuchtbrumme Erika, die immer ein offenes Ohr hat für die Sorgen und Nöte der anderen - und einen offenen Mund, um das Gehörte rasch weiterzutragen; oder der von Bjarne I. Mädel beängstigend lebensecht gespielte Sonderling und notorische Anschwärzer Ernie, der in Körperpflege und Sozialverhalten auf dem Stand eines Zehnjährigen ist, seine Kollegen nervt mit Sprüchen wie „Null problemo“ oder „Bis Baldrian“ und verdientermaßen gemobbt wird. Doch auch Ernie hat, wie alle anderen Charaktere der Serie, seine guten Seiten.

          Die in der dritten Staffel neu eingeführten Figuren haben es schwer, inmitten des bewährten Ensembles nicht abzufallen. Auch spürt man in den beiden Auftaktfolgen, dass an der von Herbst in einem Interview geäußerten Ahnung, „Stromberg“ könne allmählich „auserzählt“ sein, etwas dran sein könnte (das britische Vorbild „The Office“ lief nach zwei Staffeln schon aus): Ulfs und Tanjas Beziehung wird nicht prickelnder, und der nach kurzzeitiger Degradierung hierarchisch schwer zu verortende Stromberg muss erst wieder die angemessene Fallhöhe erreichen. Immerhin hält das Drehbuch ein paar Überraschungserfolge für ihn bereit, beruflich wie privat. Zu versöhnlich aber wird es, keine Sorge, auch diesmal nicht - dafür sorgt schon der Chef höchstpersönlich.

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