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Streit unter Hackern : Einmal auf die Löschtaste drücken

  • -Aktualisiert am

Daniel Domscheit-Berg: Der Wikileaks-Aussteiger wurde vom Chaos Computer Club ausgeschlossen Bild: KEYSTONE

Der Streit zwischen Wikileaks-Gründer Assange, Aussteiger Domscheit-Berg und dem Chaos Computer Club eskaliert. Es geht um die Vernichtung von 3.000 Einsendungen.

          Die Internet-Gemeinde ist schwer erbost: Mehr als 3.000 Einsendungen von Whistleblowern sollen angeblich unwiederbringlich zerstört werden. Das Material ist eine Sicherheitskopie von Server-Daten, die Daniel Domscheit-Berg bei seinem Rausschmiss aus Wikileaks angefertigt hat. Obwohl niemand genau zu wissen scheint, was in den Einsendungen steckt, ist von Verrat die Rede. Wie bei Hackern üblich, trüben gegenseitige Geheimdienstvorwürfe die Debatte. Eine Spurensuche.

          Am 25. August 2010 schrieb Wikileaks-Gründer Julian Assange im Chat der Wikileaks-Aktivisten erbost: „Du bist suspendiert wegen Illoyalität, mangelnder Unterordnung und Destabilisierung in einer Krisensituation.“ Du – das war sein enger Vertrauter Daniel Domscheit-Berg. Assange verdächtigte ihn, Medien mit Wikileaks-Interna versorgt zu haben. Den übrigen Mitgliedern des inneren Kreises von Wikileaks erklärte Assange, dass Domscheit-Berg eigentlich unter Kontrolle gehalten werden könnte, aber: „Wenn man ihn in seiner germanischen Blase allein lässt, fängt er an zu schweben.“

          Verlust zunächst nicht aufgefallen

          Die germanische Blase, das war vor allem der Chaos Computer Club in Berlin, in dessen Reihen sich das Mitglied Domscheit-Berg wohl fühlte. Es waren aber auch Freunde, die als Netzwerktechniker arbeiteten. Sie halfen ihm, Wikileaks-Server in den Regalen deutscher Internet-Provider zu verstecken. Die germanische Blase half auch, Wikileaks zu finanzieren: Domscheit-Berg hatte bei verschiedenen deutschen Vereinen wie dem Chaos Computer Club gefragt, ob sie ein Spendenkonto für Wikileaks einrichten könnten. Schließlich erklärte sich die Wau-Holland-Stiftung bereit, ein Konto einzurichten. Dort treffen noch heute Spenden aus aller Welt für Wikileaks ein, nachdem sämtliche Banken und Zahlungsdienstleister den Aktivisten um Assange ein Konto verweigern.

          Der Wikileaks Gründer Julian Assange

          Nach seinem Rausschmiss machte sich Domscheit-Berg daran, die von ihm finanzierten Server abzuschalten. Nach seiner Darstellung informierte er die Techniker von Wikileaks. Als drei Wochen lang keine Reaktion erfolgte, sicherte er die Einsendungen mutmaßlicher Whistleblower – die Dokumente harren ihrer Bearbeitung. Diese Sicherungsdatei soll 3.500 Objekte umfassen und wurde von Domscheit-Berg verschlüsselt gespeichert. Bei Wikileaks bemerkte man den Verlust zunächst nicht, die Web-Präsenz war abgeschaltet zu „Wartungsarbeiten“, Julian Assange war in Schweden mit anderen Dingen beschäftigt.

          Abenteuerlicher Versuch

          Ende Oktober erhielt der von Assange eingesetzte Vermittler Andy Müller-Maguhn, Vorstandsmitglied des Chaos Computer Clubs, von Domscheit-Berg alle Daten zurück, die zur Web-Präsenz von Wikileaks gehörten. Über die Einsendungen der Whistleblower wurde jedoch erbittert gestritten. Es geht um rund 250.000 „Cables“, die Depeschen amerikanischer Botschaftsmitarbeiter. Sie werden immer noch Stück für Stück von Wikileaks veröffentlicht, wurden aber in einem Fall komplett und unredigiert von Wikileaks ins Internet gestellt, ein Vorgang, den Domscheit-Berg zum Anlass nahm, die Einsendungen an Wikileaks für Wikileaks zu sperren.

          Besucher des Chaos Communications Camp 2011 basteln auf dem Campgelände des Museumsflugplatzes Finowfurt

          Die Öffentlichkeit erfuhr von dieser Sperre, als Domscheit-Berg sein Buch „Inside Wikileaks“ vorstellte (siehe auch: Daniel Domscheit-Bergs Enthüllungsbuch: Showdown bei Wikileaks). Da erklärte er, die Daten nur zu übergeben, wenn Wikileaks für die Sicherheit der Whistleblower, für die Anonymisierung von Namen und für eine sichere Software für künftige Einreichungen garantiere. Ein Anwalt wurde eingeschaltet, der unter Verweis auf das Eigentumsrecht von Wikileaks die Daten einklagen wollte. Angesichts der Tatsache, dass Whistleblower illegal belastendes Material verbreiten, war das ein abenteuerlicher Versuch.

          Vernichtung von NPD Mails

          Beim Sommercamp des Chaos Computer Clubs (siehe auch: „Chaos Communication Camp“: Entweder denken oder löten) eskalierte das Geschehen. Vermittler Müller-Maguhn verlangte Auskunft über die Dateien. Als die Antwort für ihn unbefriedigend ausfiel, sorgte er mit einer kurzfristig einberufenen Vorstandssitzung dafür, dass Domscheit-Bergs Mitgliedschaft im Chaos Computer Club gekündigt wurde. Es war der zweite Rausschmiss eines Mitglieds in dreißig Jahren Clubgeschichte und der zweite Rausschmiss von Domscheit-Berg. Dieser erklärte im Gegenzug, unter notarieller Aufsicht das Schlüsselmaterial zu zerstören, mit dem die Sicherungsdatei geöffnet werden kann. Mit diesem Schritt würden die Einsendungen der Whistleblower in einem großen, für alle nutzlosen Bytehaufen eingesargt werden.

          Entsprechend groß ist der Zorn, der sich im Internet auf vielen Kanälen über Domscheit-Berg entlädt. Verunglimpfungen machen die Runde, die Familie wird geschmäht. In dieser Situation sorgte ausgerechnet Julian Assange für Entspannung. Via Twitter erklärte er, welches Datenmaterial da ins Nirwana geschickt werden soll. Überprüft man seine Angaben, so sieht die Lage nicht so dramatisch aus wie angenommen: Verloren beziehungsweise gelöscht würden nach Angaben von Assange etwa 60.000 E-Mails der NPD. Diese Mails wurden jedoch vom unbekannten Whistleblower zum Jahresanfang an „Spiegel“, „taz“, „Tagesschau“ und „Freitag“ geschickt, die das Material veröffentlichten. Ähnlich sieht es mit den anderen Beispielen aus. So scheint nicht aller Tage Abend – und Whistleblower scheinen gewitzt genug zu sein, den Streit der „Leaker“ ums richtige „Leaken“ zu ignorieren.

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