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Streit um und bei Wikipedia : Antisemitismus online

  • -Aktualisiert am

Blick auf die deutschsprachige Wikipedia Bild: Michael Gottschalk/dapd

In der deutschsprachigen Wikipedia wird über Artikel zum Themenbereich „Antisemitismus“ gestritten. Das Autorenkollektiv kommt dabei einem intellektuellen Bankrott sehr nahe.

          Ein wissenschaftliches Gutachten zum Antisemitismus in der deutschsprachigen Wikipedia (WP) wird es vorerst nicht geben. Das entsprechende Vorhaben ist in der vergangenen Woche gescheitert. Die aufgeheizte Debatte auf den öffentlich einsehbaren Diskussionsseiten des Online-Lexikons zu diesem Projekt wird jedoch fortgesetzt. Sie offenbart eine intellektuelle Bankrotterklärung des Autorenkollektivs.

          In der deutschsprachigen Wikipedia finden sich mehr als dreihundert Artikel zum Themenbereich „Antisemitismus“, Hunderttausende informieren sich durch die Lektüre. In der hiesigen Wikipedia selbst steigern sie das Urteilsvermögen nicht. Besonders auf den Diskussionsseiten, auf denen sich die ganz überwiegende Zahl der Autoren hinter einem Pseudonym, dem sogenannten Nickname, versteckt, finden sich immer wieder Aussagen klar antisemitischen Inhalts.

          Sie werden von Administratoren meist rasch gelöscht. Doch es gibt eine breite Grauzone von Formulierungen, deren Charakter nicht gleich offenkundig ist. Darüber wird dann ausführlich und rabiat diskutiert, regelmäßig ohne Ergebnis.

          Die nächste Langstreckendebatte

          Einer der streitbarsten Aktiven der deutschsprachigen Wikipedia, Nickname „Atomiccocktail“, wünscht sich eine Entscheidungsgrundlage. Er stellte bei der deutschen Niederlassung der Betreibergesellschaft „Wikimedia Foundation“ einen Antrag zur Finanzierung eines Gutachtens. Mit der vorgesehenen Gutachterin hatte er schon ein günstiges Honorar ausgehandelt. In der Antragsbegründung heißt es, in der deutschen Wikipedia verfügten Textbearbeitungen, „die im Verdacht stehen, antisemitische Züge zu tragen, über ein großes destruktives Potential: Die Autorenschaft zerstreitet sich, Außenstehende und Medien können darauf aufmerksam werden,

          Folgen für die Reputation des Projekts ergeben sich, auch Auswirkungen auf das zukünftige Spendenaufkommen sind denkbar.“ In einem einschlägigen Fall, heißt es weiter, sei es nicht gelungen, gemeinsam zu ermitteln, ob die fraglichen Textpassagen tatsächlich antisemitische Vorurteile reproduzierten oder nicht.

          Der Antrag wurde abgelehnt, aus Protest trat „Atomiccocktail“ von einer Funktion in einem Projektausschuss zurück, und die nächste Langstreckendebatte begann. Viele Diskutanten halten ein Gutachten für nützlich, manche befürchten, mit ihm würde in der deutschen Wikipedia ebenso umgegangen wie mit den schon vorliegenden Texten. Schließlich wurde eine Privatsammlung initiiert, das Honorar kam schnell zusammen.

          Inzwischen hatte aber die vorgesehene Gutachterin die Debattenbeiträge gelesen und viel über die Diskussionskultur in der deutschen Wikipedia gelernt. Sie steht nicht mehr zur Verfügung. „Atomiccocktail“ kommentierte abschließend: „Was lernen wir aus der Sache? Antisemitische Edits sind in der deutschsprachigen Wikipedia jederzeit und wiederholt möglich.“

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