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Taylor Swift und die Folgen : Die Musikindustrie kommt ins Grübeln

Eine der bekannstesten Vertreterinnen der Streaming-Generation steigt bei Spotify aus Taylor Swift Bild: Reuters

Streaming-Dienste wie Spotify seien die Zukunft, hieß es lange. Aber Taylor Swift macht da nicht mit, Sven Regener, Farin Urlaub und Herbert Grönemeyer auch nicht mehr. Kippt die Stimmung?

          5 Min.

          Sven Regener möchte nicht die deutsche Taylor Swift sein und auch nicht ständig nur Wutreden auf die immer digitaler werdende Musikindustrie halten. Aber die Entscheidung der Singer-Songwriterin Taylor Swift, der erfolgreichsten Plattenverkäuferin der letzten beiden Jahrzehnte, ihre Songs nicht mehr beim weltgrößten Musikstreaming-Dienst anzubieten, macht es ihm schwer, sich zurückzuhalten.

          Uwe Ebbinghaus
          Redakteur im Feuilleton.

          Trotz ihres Ausstiegs bei Spotify hat die junge Frau mit ihrem neuen Album „1989“ in wenigen Tagen mehr als eine Million Platten verkauft und anschließend eine überfällige Debatte zum Thema Online-Musikhören befeuert. Im Interview mit Yahoo Music sagte sie: „Ich möchte mit meinem Lebenswerk nicht zu einem Experiment beitragen, das nach meinem Gefühl Autoren, Produzenten und Künstler nicht fair entschädigt.“ Und Sven Regener setzt mit der tiefen Stimme eines Hafenmeisters, der auf die Pirate Bays dieser Welt mit väterlicher Strenge blickt, noch einen drauf: „Der Sound bei Spotify ist schlecht, und niemand verdient daran: Das Unternehmen macht Verlust, und für die Künstler gibt es quasi nichts.“

          Vorteile für den Kunden

          Regener, Buchautor und Sänger der Kultband Element of Crime, die gerade mit „Lieblingsfarben und Tiere“ ein neues Album herausgebracht hat, erklärt im Gespräch mit dieser Zeitung die eigene Nichtbeteiligung an Spotify so: „Wir kamen zu dem Schluss, dass wir Streaming nicht gut finden. Wir möchten nicht eine neue Platte produzieren, die einfach so aus Zufall abgenudelt wird.“

          Der schlechteste Deal für junge Musiker: Sven Regener über Spotify
          Der schlechteste Deal für junge Musiker: Sven Regener über Spotify : Bild: dpa

          Auf den ersten Blick verspricht Musikstreaming, also das Abrufen von Musikdateien von großen Datenbanken im Internet, viele Vorteile, vor allem für den Kunden. Der Weltmarktführer Spotify zum Beispiel bietet, so Gründer Daniel Ek in einem Blogbeitrag, seinen fünfzig Millionen Kunden zwei Zugänge, um mehr als zwanzig Millionen Musiktitel anzuhören: ein mit Werbung finanziertes Gratiskonto, das von fast vierzig Millionen Hörern genutzt wird, und einen Premium-Zugang, für den man je Monat zehn Euro bezahlt und dafür von Einschränkungen und Werbeeinblendungen verschont bleibt.

          Spätberufene, die das Angebot zum ersten Mal ausprobieren, können ihr Glück kaum fassen: Plötzlich können sie, obwohl der Plattenspieler längst den Geist aufgegeben hat und die alten LPs und CDs verkratzt sind, nach Lust und Laune Lieder ihrer Jugend hören. Und zwar nicht einige, sondern fast alle, oft digital aufpoliert. Sie können Hörlücken schließen und sich bei neu entwickelten Musikvorlieben Playlists, also Titelzusammenstellungen von kundigen Enthusiasten, anhören. Wer exzessiv hört, den macht das Überangebot des Streaming-Diensts allerdings irgendwann ratlos. Und das Gefühl, von einer fragwürdigen Schnäppchenkultur zu profitieren, verlässt zumindest Hörer, die noch mit der Schallplatte sozialisiert wurden, die ganze Zeit über nicht.

          Finanzielle Probleme mit Spotify

          Es ist ja immer wieder eine feine Sache, für wenig Geld über das geistige Eigentum und die Kreativität anderer verfügen zu können, auch wenn man darüber streiten kann, ob das Streamen tatsächlich ein Verfügen ist. Andererseits scheint jungen Hörern, die ihre Musik vorwiegend über Smartphones, Laptops, Tablets oder PC mit sehr guten Kopfhörern konsumieren, subjektiv nichts zu fehlen. Die beste einstellbare Soundqualität für Premium-Nutzer kann zwar nicht mit Vinyl oder der CD mithalten, die Unterschiede sind aber nicht leicht zu hören. Und wer sie dennoch wahrnimmt, kann inzwischen auf Streaming-Dienste wie Wimp zurückgreifen, die sich auf verlustfrei gespeicherte Musikdaten spezialisiert haben.

          Spotify-Gründer Daniel Ek: Ohne Spotify würde die Piraterie regieren
          Spotify-Gründer Daniel Ek: Ohne Spotify würde die Piraterie regieren : Bild: AP

          Im Grunde scheint es nur eines zu geben, das den Ansprüchen von Spotify und vielen seiner Nutzer widerspricht: dass eben nicht alle bedeutenden Musiker mit von der Streaming-Partie sind, auch wenn es immer mehr werden und in letzter Zeit auch so bekannte Querköpfe und Klangpuristen wie Bob Dylan, Led Zeppelin oder Pink Floyd hinzugestoßen sind. Die Beatles aber sind nach wie vor nur in minimaler Auswahl abrufbar, AC/DC überhaupt nicht. Andere Künstler wie Van Morrison stellen zwar ihre alten, nicht aber ihre neuen Alben zur Verfügung. Bedrohlich aber wird es für Spotify erst, wenn aktuelle Stars wie Taylor Swift aussteigen. Dann nämlich fragen vor allem junge Hörer: Was bringt ein Streaming-Abo, wenn die aktuellen Hits nicht zu hören sind?

          Die Künstler hingegen haben vor allem finanzielle Probleme mit Spotify, das sich gern als eine Art skandinavisch-softes Umerziehungsprogramm für jugendliche Illegal-Downloader verkauft. Doch selbst wenn man dem Unternehmen zugesteht, dass es keine Musik verschenkt, weil zwanzig Prozent der Einnahmen nach eigener Aussage aus der Werbung kommen, liegt es nahe, eine einfache Rechnung mit den veröffentlichten Zahlen aufzumachen. Sven Regener sagt: „Um das einzunehmen, was man mit einer CD verdient, müssten bei Spotify sämtliche Songs 150 Mal gehört werden, das entspräche bei zehn Titeln ungefähr 1500 Streams.“ Dass die entsprechende Summe beim Streaming irgendwann reinkommt, könne zwar sein, gibt Regener zu. „Bei den meisten aber passiert das erst nach Jahren. Für neue Künstler, die ihre Platte möglichst schnell refinanzieren müssen, ist das der schlechteste Deal.“

          Auch Grönemeyer steigt aus

          Obwohl Spotify vorrechnet, dass die eigenen Kunden mehr für Musik ausgeben als der durchschnittliche Musikkäufer in Amerika, bleibt der Zustand unbefriedigend. Für Musiker mit deutschen Texten ist die Situation sogar noch kritischer, weil sie keinen internationalen Markt bedienen können. „Spotify ist einfach nicht für jede Musik passend“, sagt Sven Regener. Und „Ärzte“-Sänger Farin Urlaub, der mit seiner neuen CD „Faszination Weltraum“ kürzlich auf Platz eins der deutschen Albumcharts einstieg, und zwar ebenfalls ohne Spotify, stieß im „Stern“-Interview in das gleiche Horn: Das Abgespeistwerden mit Kleinbeträgen zur angeblichen Verhinderung von Piraterie sei schlicht „Verarschung“.

          Wer nicht zahlen will muss stehlen – mit seinem Album „Faszination Weltraum“ stieg Farin Urlaub ohne Spotify auf Platz Eins in die deutschen Albumcharts ein
          Wer nicht zahlen will muss stehlen – mit seinem Album „Faszination Weltraum“ stieg Farin Urlaub ohne Spotify auf Platz Eins in die deutschen Albumcharts ein : Bild: dpa

          Spotify hebt hervor, in den vergangenen Jahren schon zwei Milliarden Dollar und damit 70 Prozent der eigenen Einnahmen an die Rechteinhaber ausgeschüttet zu haben. Das Unternehmen verweist darauf, dass bei den Steigerungszahlen der letzten Monate bald selbst Independent-Künstler von ihrer Musik leben könnten. Doch bislang macht Spotify Verlust. Und die Konkurrenz wird härter. Auch Apple, Amazon und Google vergrößern ihre Aktivitäten im Musikstreaming. Youtube etwa gab in der vergangenen Woche bekannt, nach langen Verhandlungen ebenfalls ein Abonnementmodell zu starten. Spotify konterte mit einem Studentenrabatt von fünfzig Prozent.

          Es gibt natürlich auch Streaming-Befürworter unter den Künstlern. Doch während Bono und der Manager der Sängerin Adele auf der Web Summit Conference vor wenigen Tagen in Dublin Streaming-Dienste als die Zukunft der Musik priesen, sagte Taylor Swift in einer weiteren Erklärung ungerührt, dass sie fürchte, Spotify nehme das Wort „Musik“ aus der Musikindustrie. Und Sven Regener gibt zu bedenken: „Mit Spotify haben wir zum ersten Mal in der Musikindustrie einen Akteur, der ein finanzielles Interesse daran hat, dass möglichst wenig Musik gehört wird.“ In diesem Fall nämlich müsse das Unternehmen, das zwischen 0,006 und 0,0084 Dollar für Abrufe von dreißig Sekunden und mehr entgelte, weniger an die Künstler auszahlen.

          Am kommenden Freitag wird Herbert Grönemeyer sein neues Album veröffentlichen. Der Titel „Dauernd jetzt“ klingt wie ein Kommentar zur Streaming-Hörkultur. Gegenüber dieser Zeitung hat sein Management bestätigt, dass die neue CD nicht auf Spotify zu hören sein wird und die früheren Alben in Zukunft wahrscheinlich auch nicht mehr.

          Macht ernst mit seiner auf dem Reeperbahn Festival geübten Kritik: Herbert Grönemeyers neues Album „Dauernd jetzt“ wird auf Spotify nicht zu hören sein
          Macht ernst mit seiner auf dem Reeperbahn Festival geübten Kritik: Herbert Grönemeyers neues Album „Dauernd jetzt“ wird auf Spotify nicht zu hören sein : Bild: dpa

          Kippt die Stimmung in Sachen Musik-Streaming? Sven Regener hält das für möglich. Im Moment fragten sich alle, ob Taylor Swift diesen großen Erfolg hatte, obwohl sie nicht mehr bei Spotify ist, oder ob sie so erfolgreich ist, weil sie nicht mehr mitmacht. Und Regener setzt hinzu: „Da die Kunst im kulturindustriellen Bereich so was von nach Brot geht, wachen momentan alle auf“ - auch die Plattenlabel, die sich zu fünfzehn Prozent an Spotify beteiligt haben.

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