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Taylor Swift und die Folgen : Die Musikindustrie kommt ins Grübeln

Die Künstler hingegen haben vor allem finanzielle Probleme mit Spotify, das sich gern als eine Art skandinavisch-softes Umerziehungsprogramm für jugendliche Illegal-Downloader verkauft. Doch selbst wenn man dem Unternehmen zugesteht, dass es keine Musik verschenkt, weil zwanzig Prozent der Einnahmen nach eigener Aussage aus der Werbung kommen, liegt es nahe, eine einfache Rechnung mit den veröffentlichten Zahlen aufzumachen. Sven Regener sagt: „Um das einzunehmen, was man mit einer CD verdient, müssten bei Spotify sämtliche Songs 150 Mal gehört werden, das entspräche bei zehn Titeln ungefähr 1500 Streams.“ Dass die entsprechende Summe beim Streaming irgendwann reinkommt, könne zwar sein, gibt Regener zu. „Bei den meisten aber passiert das erst nach Jahren. Für neue Künstler, die ihre Platte möglichst schnell refinanzieren müssen, ist das der schlechteste Deal.“

Auch Grönemeyer steigt aus

Obwohl Spotify vorrechnet, dass die eigenen Kunden mehr für Musik ausgeben als der durchschnittliche Musikkäufer in Amerika, bleibt der Zustand unbefriedigend. Für Musiker mit deutschen Texten ist die Situation sogar noch kritischer, weil sie keinen internationalen Markt bedienen können. „Spotify ist einfach nicht für jede Musik passend“, sagt Sven Regener. Und „Ärzte“-Sänger Farin Urlaub, der mit seiner neuen CD „Faszination Weltraum“ kürzlich auf Platz eins der deutschen Albumcharts einstieg, und zwar ebenfalls ohne Spotify, stieß im „Stern“-Interview in das gleiche Horn: Das Abgespeistwerden mit Kleinbeträgen zur angeblichen Verhinderung von Piraterie sei schlicht „Verarschung“.

Wer nicht zahlen will muss stehlen – mit seinem Album „Faszination Weltraum“ stieg Farin Urlaub ohne Spotify auf Platz Eins in die deutschen Albumcharts ein
Wer nicht zahlen will muss stehlen – mit seinem Album „Faszination Weltraum“ stieg Farin Urlaub ohne Spotify auf Platz Eins in die deutschen Albumcharts ein : Bild: dpa

Spotify hebt hervor, in den vergangenen Jahren schon zwei Milliarden Dollar und damit 70 Prozent der eigenen Einnahmen an die Rechteinhaber ausgeschüttet zu haben. Das Unternehmen verweist darauf, dass bei den Steigerungszahlen der letzten Monate bald selbst Independent-Künstler von ihrer Musik leben könnten. Doch bislang macht Spotify Verlust. Und die Konkurrenz wird härter. Auch Apple, Amazon und Google vergrößern ihre Aktivitäten im Musikstreaming. Youtube etwa gab in der vergangenen Woche bekannt, nach langen Verhandlungen ebenfalls ein Abonnementmodell zu starten. Spotify konterte mit einem Studentenrabatt von fünfzig Prozent.

Es gibt natürlich auch Streaming-Befürworter unter den Künstlern. Doch während Bono und der Manager der Sängerin Adele auf der Web Summit Conference vor wenigen Tagen in Dublin Streaming-Dienste als die Zukunft der Musik priesen, sagte Taylor Swift in einer weiteren Erklärung ungerührt, dass sie fürchte, Spotify nehme das Wort „Musik“ aus der Musikindustrie. Und Sven Regener gibt zu bedenken: „Mit Spotify haben wir zum ersten Mal in der Musikindustrie einen Akteur, der ein finanzielles Interesse daran hat, dass möglichst wenig Musik gehört wird.“ In diesem Fall nämlich müsse das Unternehmen, das zwischen 0,006 und 0,0084 Dollar für Abrufe von dreißig Sekunden und mehr entgelte, weniger an die Künstler auszahlen.

Am kommenden Freitag wird Herbert Grönemeyer sein neues Album veröffentlichen. Der Titel „Dauernd jetzt“ klingt wie ein Kommentar zur Streaming-Hörkultur. Gegenüber dieser Zeitung hat sein Management bestätigt, dass die neue CD nicht auf Spotify zu hören sein wird und die früheren Alben in Zukunft wahrscheinlich auch nicht mehr.

Macht ernst mit seiner auf dem Reeperbahn Festival geübten Kritik: Herbert Grönemeyers neues Album „Dauernd jetzt“ wird auf Spotify nicht zu hören sein
Macht ernst mit seiner auf dem Reeperbahn Festival geübten Kritik: Herbert Grönemeyers neues Album „Dauernd jetzt“ wird auf Spotify nicht zu hören sein : Bild: dpa

Kippt die Stimmung in Sachen Musik-Streaming? Sven Regener hält das für möglich. Im Moment fragten sich alle, ob Taylor Swift diesen großen Erfolg hatte, obwohl sie nicht mehr bei Spotify ist, oder ob sie so erfolgreich ist, weil sie nicht mehr mitmacht. Und Regener setzt hinzu: „Da die Kunst im kulturindustriellen Bereich so was von nach Brot geht, wachen momentan alle auf“ - auch die Plattenlabel, die sich zu fünfzehn Prozent an Spotify beteiligt haben.

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