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Debatte um „allesdichtmachen“ : Schmeißt den Liefers endlich raus!

Die Rolle steht ihm gut: Jan Josef Liefers als Rechtsmediziner Karl-Friedrich Boerne. Bild: WDR/Thomas Kost

Im Streit um die Social-Media-Satire #allesdichtmachen gerät ein Rundfunkrat des WDR völlig aus der demokratischen Bahn. Doch nicht nur seine Reaktion gibt zu denken.

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          Schaut man sich an, wie die Debatte über die Social-Media-Aktion „allesdichtmachen“ verläuft, könnte man denken, dass die rund fünfzig Schauspielerinnen und Schauspieler mit ihrer Satire über die vermeintlich ahnungslose, wenn nicht absichtsvoll böse Corona-Politik der Bundesregierung und die angeblich unkritischen Medien zwar inhaltlich danebenliegen. In einem Punkt aber bemühen sich einige Kritiker der Aktion deren Mitinitiator, den „Tatort“-Regisseur Dietrich Brüggemann, zu bestätigen: Sie brüllen so laut „AfD“ oder „Querdenker“, dass nicht eine Sekunde lang Zeit bleiben darf, über Sinn und Zweck der Initiative zu debattieren.

          „Kolossaler Shitstorm“

          Michael Hanfeld
          (miha.), Feuilleton

          „Faschistoid“ nennt der Drehbuchautor und Regisseur Brüggemann die Beschimpfungen, mit denen er und andere Beteiligte eingedeckt worden sind, denen es um nichts anderes gehe, als „den verengten Diskursraum in diesem Land aufzurütteln“. Dass dies notwendig sei, sagte Brüggemann im Deutschlandfunk, belege der „kolossale Shitstorm“. In diesem setzte ein Rundfunkrat des Westdeutschen Rundfunks schließlich zum Blattschuss an mit der Forderung: Jan Josef Liefers raus!

          „Jan Josef Liefers und Tukur u.a.“, schrieb der WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin auf Twitter, „verdienen sehr viel Geld bei der ARD, sind deren Aushängeschilder. Auch in der Pandemie durften sie ihrer Arbeit z.B. für den Tatort unter bestem Schutz nachgehen. Durch ihre undifferenzierte Kritik an ,den Medien‘ und demokratisch legitimierten Entscheidungen von Parlament und Regierung, leisten sie denen Vorschub, die gerade auch den öffentlich-rechtlichen Sendern gerne den Garaus machen wollen.“ Und weil das so sei, setzte Duin hinzu, müssten „die zuständigen Gremien“ die Zusammenarbeit – „auch aus Solidarität mit denen, die wirklich unter Corona und den Folgen leiden – schnellstens beenden. Viele Grüße, ein Rundfunkrat“.

          An dieser Stelle sollten wir erwähnen, wofür der Rundfunkrat des Westdeutschen Rundfunks dem Sendergesetz und der Selbstbeschreibung nach zuständig ist: „Der Rundfunkrat“, heißt es da, „vertritt als Aufsicht im WDR die Interessen der Allgemeinheit. Ziel ist es, die Vielfalt der Meinungen und Bedürfnisse der Bürger*innen in die Arbeit des Senders einzubringen“. Er sei, so die Information des Landtags von NRW, der die gesetzliche Grundlage, das WDR-Gesetz, beschließt, „die Instanz zur Wahrung der Informationsfreiheit und Meinungsvielfalt und trägt dafür Sorge, dass der Westdeutsche Rundfunk (WDR) seinen gesetzlichen Auftrag erfüllt.“

          Der Rundfunkrat Duin hat offenbar seine eigene Lesart, wie „Informationsfreiheit und Meinungsvielfalt“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu wahren sind – indem man sie abwürgt. Das zumindest meinte der SPD-Politiker, der von 2012 bis 2017 in der damaligen rot-grünen Landesregierung NRW-Wirtschaftsminister war und heute als Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Köln im Rundfunkrat des WDR sitzt, auf Twitter postulieren zu müssen, bis – auch ihn ein Shitstorm ereilte, er den Tweet löschte und feststellte, das sei „Mist“ gewesen: „Inhaltlich überzogen und meiner Rolle als Mitglied im Rundfunkrat nicht angemessen. Meine Kritik, dass angesehene Leute sich leichtfertig in die Nähe von Querdenkern und anderen Trollen begeben haben, bleibt.“

          In die rechte Ecke rückt Duin die „Allesdichtmacher“, deren Aktion ein Echo sondergleichen ausgelöst hat, also weiterhin und hält damit im Grunde auch die Einschätzung aufrecht, mit Leuten wie Liefers und Tukur könne man nicht zusammenarbeiten. Damit verrät Duin ein Denken, das nicht nur nicht zum Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen passt, für Meinungsvielfalt Sorge zu tragen. Es ist von genau jenem totalitären Zuschnitt, den Brüggemann beklagt. Da wird nicht argumentiert, sondern unterstellt und gekontaktschuldet („leisten Vorschub“).

          Genau das hob, wie nicht anders zu erwarten, binnen Stunden in der hierzulande den Ton angebenden Twitterblase an. Im zweiten Schwung kamen mahnende Stimmen – von Armin Laschet bei „3nach9“, von Robert Habeck, von Günther Jauch oder der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot im Deutschlandfunk, und verwiesen auf das Selbstverständliche, das augenscheinlich leider nicht mehr selbstverständlich ist: Dass man der Meinung sein darf, die Corona-Maßnahmen der Regierung seien verfehlt und die Medien ferngesteuert. Dass man dies äußern darf, auch als peinliche Satire – um die es sich nach unserem Dafürhalten (F.A.Z. vom 24. April) handelt. Sich dann aber nicht wundern sollte, dass man „falsch“ verstanden und hart kritisiert wird. Dass man deswegen aber nicht außerhalb des demokratischen Diskurses steht.

          Aber so läuft es heutzutage ja nur im zivilisierten Teil der Medienlandschaft. Im anderen wird schneller „Nazi“ gebrüllt, als man einen Hashtag tippen kann. Etliche der Schauspielerinnen und Schauspieler hat das gleich in die Flucht geschlagen. Heike Makatsch, Meret Becker, Ulrike Folkerts, Ken Duken und Richy Müller (die Liste könnte inzwischen länger geworden sein) haben sich entschuldigt und ihre Videos zurückgezogen. Jan Josef Liefers aber bleibt bei seinem Standpunkt, bestimmte Positionen kämen nicht vor, den wir inhaltlich angesichts der ununterbrochen geführten Debatte über Corona-Maßnahmen zwar für dezidiert lächerlich halten.

          Aber soll Liefers deshalb nicht mehr für den WDR den wunderbar überdrehten Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne im „Tatort“ aus Münster spielen? Und soll der Hessische Rundfunk Ulrich Tukur als LKA-Ermittler Felix Murot entlassen? Gehen die Sender nun die Liste von „allesdichtmachen“ durch und schauen, wer bereut und wer nicht? Soll das etwa das Ergebnis der Debatte sein? Im Ernst? Ein Rücktritt erscheint uns in diesem Zusammenhang freilich unumgänglich – der des Rundfunkrats Garrelt Duin.

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