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Streamingplattform Means TV : Netflix für die Arbeiterklasse

  • -Aktualisiert am

„Means Morning News“ – Stimmen aus der „revolutionären Linken“ Bild: Means TV / Screenshot F.A.S.

Die amerikanische Streamingplattform Means TV zeigt politische Dokumentationen, bewirtschaftet das Spektrum linker Themen und setzt auf Graswurzelstrategien. Wie viel Zukunft hat das?

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          In der Bergarbeiterstadt Matewan in West Virginia fand 1920 eine „Schlacht“ zwischen Arbeitern und Handlangern des Rohstoffkonzerns Stone Mountain Coal Company statt. Noch heute kann man davon das eine oder andere Einschussloch in einer Hauswand sehen. Für die amerikanische Linke ist Matewan ein bedeutender Topos, vergleichbar dem Kampf der britischen Bergarbeiter zu Beginn des Thatcherismus. Der Filmemacher John Sayles hat die Ereignisse von Matewan 1987 in einem historischen Drama nacherzählt und damit wesentlich zu der Tradierung beigetragen. Heute finden an den historischen Schauplätzen Reenactments der Kämpfe statt, und Schulklassen staunen darüber, dass es in den Vereinigten Staaten auch einmal ein Proletariat gab.

          Dass diese Schulklassen auch ethnisch deutlich stärker divers sind, als das noch 1920 der Fall war, ist ein Detail in dem zwanzigminütigen Dokumentarfilm „Matewan, History From Below“, den man auf einer neuen Streamingplattform sehen kann: Means TV deklariert sich als weltweit ersten „worker owned, post-capitalist streaming service“. Wenn man das Design der Startseite vor sich hat, wird sehr deutlich, dass es um keinen geringeren Konkurrenten als Netflix geht. Denn Means TV hat da einfach abgekupfert, wobei natürlich Netflix das Prinzip mit den Kacheln auch nicht gerade vollkommen neu erfunden hat.

          Der Name ist auf jeden Fall klug gewählt. Zum Zweck führen meistens vor allem Mittel, und „means“ hat dann passenderweise auch noch Bedeutungsebenen, bei denen das Verstehen ins Spiel kommt. Wer will, kann sogar eine Assoziation herstellen zu der legendären Band No Means No, die vor allem in den neunziger Jahren linke Politik mit „straight edge“, also einer individuellen Lebensführung aus dem Geist von Hardcore und aktivistischer Selbstdisziplin, verband. Means TV kommt aus der amerikanischen Ostküsten-Linken, die beiden Gründer Naomi Burton und Nick Hayes haben Promotion für Alexandria Ocasio-Cortez gemacht, eine der Hoffnungsträgerinnen des linken Flügels der Demokratischen Partei. Mitte letzten Jahres tauchte zum ersten Mal dieser Teaser-Begriff von einem „Netflix für die Arbeiterklasse“ auf.

          Szene aus der Kurzfilm-Serie „Una historia necesaria“, die bei  Means TV läuft
          Szene aus der Kurzfilm-Serie „Una historia necesaria“, die bei Means TV läuft : Bild: Means TV / Screenshot F.A.S

          Wenn man dieser Tage mit zehn Euro für einen Monat einsteigt, wird man allerdings feststellen, dass dieser Betrag zum Teil eher noch als Gründungsdonation zu werten sein wird. Denn Means TV steht deutlich noch ziemlich am Anfang. Zudem ist die Definition der exklusiven Inhalte noch eine Aufgabe, denn man kommt auch mit der Youtube-Präsenz des Streamingdiensts ganz gut hin. Einer der Stars ist zum Beispiel Mexie, eine Tuberin, die sich auf den ersten Blick wie ein prototypisches WASP-Blondie ausnimmt, die aber mit ihren Beiträgen das ganze Spektrum heutiger linker Themen und Theoreme weitreichend abdeckt. Da geht es dann zum Beispiel um einen Veganismus, der inzwischen eher wie eine Trademark funktioniert, längst auch den Konzernen als Milliardenmarkt aufgefallen ist und nebenbei keinerlei Verringerung der industriellen Fleischproduktion hervorgebracht hat; und einen Veganismus, der sich auch diesen Zusammenhängen noch zu entziehen versucht. Oder aber Mexie versucht mit nicht ganz unkomplizierter Ironie den Trump-Falken John Bolton auf die Seite einer nuancierten Analyse der Situation in Venezuela zu ziehen, die dann allerdings doch in erster Linie darauf hinausläuft, dass der linksetatistische Präsident Maduro der Richtige für das südamerikanische Land ist.

          Mexie läuft unter der Rubrik „Left Tube“, ein andere Sendung nennt sich „Means Morning News“ (MMN) und verspricht eine wöchentliche News Show, mit Reportagen, Interviews, Gästen und Analysen von Stimmen aus der „revolutionären Linken“. Wie es weitergeht, wird wohl sehr stark davon abhängen, wie die Arbeiter hinter dem Portal ihre weitere Strategie wählen. Denn an potentiellem Content für ein solches Angebot ist ja kein Mangel. Der Markt für politische Dokumentarfilme boomt weltweit, die Filmfestivals sind voll mit einschlägigen Titeln. Selbst Netflix hat eine kleine Nische für progressive Themen. Means TV bietet aus diesem Feld auch das eine oder andere an, zum Beispiel „Nosotros“ aus Spanien, ein Porträt von ein paar jungen Leuten im Zusammenhang mit den Wahlen im Jahr 2015, als die Bewegungspartei Podemos für Optimismus bei der Linken sorgte. Oder „Last Days of Chinatown“, das Porträt eines Stadtteils in Detroit, das exemplarisch die Strategien einer kapitalstarken Immobilienwirtschaft und die Auswirkungen auf das Leben kleiner Leute und verwurzelter Kulturen zeigt.

          Die einstündige Dokumentation „Struggle“ beschäftigt sich mit der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2004, bei der George W. Bush wiedergewählt wurde, unter anderem mit manipulierten Ergebnissen in Ohio, wie die Macher von „Struggle“ nachzuweisen versuchen. Neben Dokumentarformaten legt Means TV auch noch Wert auf unterhaltsame Agitation und bietet dabei mehrere animierte Inhalte. Die anarchistische Zeichentrick-Comedy „Street Fight“ musste vorerst wegen Covid-19 ausgesetzt werden, sieht in der Ankündigung aber schon einmal nach einem guten Mix aus Robert Crumb und „Mad“ aus.

          Im Grunde wäre die plausibelste Strategie für Means TV ein überlegter Zukauf von Content, denn für Eigenproduktionen in größerem Stil (die Doku über Matewan dauert zwanzig Minuten) werden die Mittel nicht reichen. Die „Cooperative Structure“ sieht einstweilen vor, dass zehn Prozent des Jahresgewinns als Tantiemen an die „Royalty Members“ gehen sollen, also an die Gestalter der Inhalte. Man kann wohl davon ausgehen, dass unter diesen Umständen das Programmangebot weiterhin eher klein bleiben wird. Es ist sicher noch zu früh für Prognosen, aber für einen Streamingdienst auf Grundlage von Graswurzelstrategien, der zugleich die kommerzielle Anmutung und Nutzersteuerung von Netflix eher kopiert als subversiv adaptiert, könnte es schwer werden. Zumal Kapitalzufuhr ja nur unter den Bedingungen der „kooperativen Struktur“ erfolgen kann, also nicht nach den Bedingungen des „neoliberalen Kapitalismus“. Die Schlacht von Matewan bildet in dieser Situation eher weniger Orientierung, setzt aber immerhin eine Norm für Widerstandsgeist.

          Abrufbar unter Means.tv. Abo: 10 Euro pro Monat.

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