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Streamingdienste im Vormarsch : Wer soll das alles bezahlen?

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An Beispielrechnung zwei ist abzulesen, wie schnell sich die Kosten eines KabelHaushalts pro Monat verdoppeln, wenn dieser Streamingdienste abonniert: Zu den 46,99 Euro aus Rechnung eins kommen die Abos von Netflix Standard ( 11,99 Euro), Sky Filme und Serien (19,99 Euro), Sky Bundesliga (24,99 Euro – wie auch Filme und Serien zurzeit im Sonderangebot, ab dem 13. Monat jeweils 39,99 Euro), Amazon Prime ( 7,99 Euro) mit 64,96 Euro hinzu, in Summe 111,95 Euro. Schnell ist man bei mehr als hundert Euro im Monat angelangt. Und das bei Abschluss weniger Streaming-Angebote. Bei Abschluss weiterer Streaming-Abos, etwa Joyn Plus+ der Pro-Sieben- Sat.1-Gruppe, die ersten drei Monate kostenlos, danach 6,99 Euro, und Discovery (6,99 Euro), TV Now Premium der RTL-Gruppe (4,99 Euro), Disney+ (6,99 Euro) und Apple TV+ (4,99 Euro) würde sich das monatliche Medienbudget schnell auf einen Betrag von rund 140 Euro und mehr erhöhen. Dabei wurde noch nicht einmal ein Musikstreaming-Abo von Spotify, Amazon Music oder Apple Music berücksichtigt.

Wie wäre es mit „All you can stream“?

An diesen Beispielen zeigt sich, dass der Markt nach einer für breite Nutzerschichten finanziell tragfähigen Lösung ruft. Die Lösung könnte eine Plattform, ein „All you can stream“-Angebot à la Spotify sein, das für durchschnittlich 9,99 Euro unbegrenzten Musikkonsum verspricht. Ein Geschäftsmodell, das durchaus auch für das Streaming mit Bewegtbild-Inhalten tragfähig sein könnte. Eine monatliche „flat fee“, die unbegrenzten Zugang zu Streaming-Angeboten garantiert, würde von einem breiten Publikum akzeptiert, und sie würde für die Werbung so wichtige Reichweite generieren.

Der moderne Klassiker des Abofernsehens: Szene aus der Serie „Game of Thrones“, die auf den Romanen des „Das Lied von Eis und Feuer“-Zyklus von George R.R. Martin basiert

Die Idee für ein solches Konzept ist fast achtzig Jahre alt, nachdem in den vierziger Jahren der Amerikaner Herb McDonald das „All you can eat“-Prinzip zur erfolgreichen Geschäftsidee im legendären Hotel El Rancho in Las Vegas machte. Auch im Printbereich gibt es mit der schwedischen Plattform Readly ein Angebot, das für monatlich 9,99 Euro den Zugang zu Hunderten aktuellen Zeitschriften und Zeitungen freischaltet. Warum sollte die Idee, Vorbild für „All you can listen“ und „All you can read“, nicht auch als Modell für ein „All you can stream“-Angebot funktionieren? Kreativität und Flexibilität auf Anbieterseite sind hier gefragt, um möglichst vielen Nutzern in Deutschland den Zugang zu Bewegtbild-Inhalten gegen eine pauschale Abogebühr (flat fee) zu ermöglichen. Kreativität und Flexibilität sind auch bei den Nutzern gefragt – man verliert leicht den Überblick über das Angebot und sein persönliches Medienbudget.

Das wachsende Angebot an Streamingdiensten national wie international – darunter Anbieter wie Pluto TV und Roku aus den Vereinigten Staaten, Rakuten aus Japan, C More aus Schweden, britbox (BBC & ITV) aus Großbritannien, Dokubay aus Indien, mediaprima von den Philippinen; sie alle entdecken den deutschen Bewegtbild-Markt für sich – sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Fernsehen seinen Preis hat.

Wer kein blaues Wunder erleben möchte, der sollte sich im Vorhinein die Zeit nehmen und sich mit den einzelnen Angeboten und den Preisen auseinandersetzen. Schnupper-Abos können eine tolle Sache sein, solange man die Kündigungsfrist nicht aus den Augen verliert. Fernsehen à la carte wird leicht zum finanziellen Abenteuer. Vielleicht entdecken wir auf der Suche nach der geeigneten Plattform ja auch die Vorzüge eines linearen Fernsehangebots der öffentlich-rechtlichen und der privaten Programmanbieter mit seiner Vielfalt attraktiver und unterhaltsamer Programme wieder.

Conrad Heberling war Marketing- und Kommunikationschef bei RTL zwei. Er lehrt Marketing und Marktforschung an der Filmuniversität Babelsberg, Medienökonomie und Betriebswirtschaft an der Hochschule der populären Künste hdpk Berlin sowie am Erich Pommer Institut in Potsdam.

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