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„Stralsund“-Krimi im Zweiten : Dieser Kommissar verliert jetzt jeden Halt

  • -Aktualisiert am

Wotan Wilke Möhring als Kommissar Lietz im wohl letzten „Stralsund“-Einsatz. Bild: Stephan Persch

Da sagt man: wow! Zum Ende der Dienstzeit Wotan Wilke Möhrings beglückt uns das ZDF mit einem mutigen Krimi der „Stralsund“-Reihe. Dargeboten wird ein grandioser freier Fall.

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          Das Blaulicht wird gar nicht mehr abgeschaltet. Es gilt ja generell: Wenn das deutsche Fernsehen gerade nicht „talkt“, jagt es Mörder. Doch in der besinnlichen Zeit am Ende des Jahres nimmt die Ordnungshüter-Obsession geradezu groteske Züge an. Vorabend, Hauptabend, Spätabend, wohin man auch schaut: zwei Buddys und ein Kapitalverbrechen. Mal zum Wiehern lustig, mal depressiv, die Hauptsache ist, dass der Täter erst in den letzten Minuten kenntlich und geschnappt wird. Alles zum Mitraten für die Sofapolizei. Selbst die tausendste hässliche Kripo-Dienststelle mit Glaswandabtrennungen und billigen Alu-jalousien kann uns nicht abschrecken. Dabei wirken diese austauschbaren Serienproduktionen in ihrer Gut-Böse-Aufteilung stets, als würden sie von der PR-Abteilung des Innenministeriums gefördert. Allenfalls kleine Überschreitungen der Vorschriften sind drin, um böse Buben zur Strecke zu bringen.

          Wenn aus dieser Masse windelweicher Polizeischmeichelei plötzlich eine mutige, höchsten Einsatz wagende Produktion herausragt, dann ist zweitrangig, welche auch wieder sehr fernsehdeutschen Umstände dazu geführt haben. Die absolut sehenswerte fünfte „Stralsund“-Folge „Freier Fall“ zeigt uns einen Kommissar, der jeden Halt verliert, der im Glauben, wenigstens moralisch im Recht zu sein, ein Fiasko anrichtet, der vollkommen untragbar ist, dies auch selbst bemerkt, und sich um den Preis des eigenen Untergangs von allen Fernsehkrimifesseln befreit.

          Man nimmt ihm alles ab

          Der Fall selbst hätte etwas ausgefeilter sein dürfen, ein schon bekanntes Problem der 2009 gestarteten „Stralsund“-Reihe. Viel Lob aber heimste sie zu Recht dank ihrer hervorragenden Schauspieler ein. Diesmal ist es vor allem Wotan Wilke Möhring, der mit einer Ausnahmeleistung glänzt: Von Anfang bis Ende kommt sein Spiel einem Drahtseilakt gleich, immer nur auf den nächsten Schritt konzentriert, der tatsächlich der letzte sein könnte. Wann hat man so etwas zuletzt einem Fernsehdetektiv abgenommen?

          Der von Möhring gespielte Benjamin Lietz also sitzt, während noch der Vorspann läuft, angespannt an einem Rechner im Präsidium, während der Rest der Truppe in einer Karaokebar den Geburtstag des Chefs Gregor Meyer (Michael Rotschopf) feiert. Lietz, der seinem verschuldeten Bruder den Hals retten möchte, gibt Informationen an einen Dunkelmann weiter. Am Tag darauf wird ein Kronzeuge, der vor dem Staatsanwalt gegen ein Drogenkartell aussagen wollte, von einem Maskierten erschossen, und zwar an einem Ort, von dem der Täter nur dank Lietz wissen konnte. Diese Hinrichtung kann indes nur stattfinden, weil auch die begleitende Beamtin völlig versagt und auf den Täter nicht einmal schießt, als der ihr den Rücken zukehrt.

          Eine gewaltige Tragödie

          Es wird aber nicht nur der Drogenhändler, sondern auch noch ein Polizeibeamter erschossen, den Lietz nun also im Wortsinne auf dem Gewissen hat. Der im Präsidium plötzlich aufgetauchte LKA-Kommissar Max Morolf (Wanja Mues) ahnt gleich, dass hier etwas nicht stimmt. Man weiß: Lietz wird sich nur mit weiterer Korruption retten können. Und danach sieht es bald aus, denn sowohl sein Vorgesetzter Karl Hidde (Alexander Held) als auch Nina Petersen (Katharina Wackernagel), seine Kollegin, Geliebte und - das war in der letzten Folge angedeutet - zukünftige Mutter seines Kindes, halten Lietz den Rücken frei, der sich freilich immer tiefer in die Mafia-Scharmützel verstrickt, auch vor Selbstjustiz nicht mehr zurückschreckt. All dies kann nur in einer gewaltigen Tragödie enden - und tut es auch. Das ist man hierzulande nicht gewohnt.

          Was sind die erwähnten fernsehamtlichen Hintergründe für diesen Untergang einer Figur? Weil Wilke Wotan Möhring seit April als „Tatort“-Kommissar Thorsten Falke in der ARD ermittelt - zuletzt bei einem etwas langatmigen Langeoog-Einsatz -, musste er, das schreiben die ARD-Regeln für „Tatort“-Protagonisten vor, andere Ermittlerrollen abgeben.

          Hoffentlich gibt's keinen doppelten Boden

          Die „Stralsund“-Reihe wird aber (natürlich!) nicht eingestellt, sondern mit einem neuen Ermittler bestückt: wohl eben jenem Max Morolf, der Lietz auf der Spur ist, wie abschließend angedeutet wird. Kurios wäre, dass Wanja Mues dann ebenfalls doppelt ermittelte, schließlich übernimmt er zugleich und ebenfalls im ZDF die Rolle als Matula-Nachfolger in der auch nicht eingestellten Serie „Ein Fall für zwei“.

          Vom ZDF war jedoch zu hören, dass möglicherweise auch Wotan Wilke Möhring „Stralsund“ erhalten bleibe, wenngleich nicht als Ermittler. Wenn man dem grandiosen freien Fall in dieser Weise noch ein Kissen unterjubeln sollte, ziehen wir auf der Stelle alles Lob zurück und geben die Information auf dunklen Kanälen an „Tatort“-Kommissar Falke weiter, damit er hier einmal gründlich aufräumt: Selbstjustiz erwünscht.

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