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Wer drehte das Ibiza-Video? : Ein Wiener Anwalt und seine Mandanten

Das Video, auf dem sich Johann Gudenus und Heinz-Christian Strache um Kopf und Kragen redeten. Bild: AFP

Das heimlich aufgenommene Video, das die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus die Karriere kostete und Österreichs Regierung zu Fall brachte, läuft inzwischen unter dem Rubrum „Ibiza-Gate“. Die Hinweise auf Mittelsmänner verdichten sich.

          Die Hintermänner der Falle, in welche die FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus getappt sind, bleiben weiter im Dunkeln. Ein Mittelsmann ist nach den Recherchen österreichischer Medien inzwischen bekannt. Es handele sich um den Wiener Anwalt M., der schon 2015 gegen Geld angeblich belastendes Material über FPÖ-Politiker angeboten habe.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das wiederum dürfte Johann Gudenus unbekannt gewesen sein. Denn ihm wurde besagter Anwalt von einer befreundeten Immobilienmaklerin als Vermittler für einen anstehenden Grundstücksverkauf empfohlen. Nach dem Tod seines Vaters wollte Gudenus eine größere Liegenschaft verkaufen. Von Anwalt M. nun sei Gudenus die vermeintliche lettisch-russische Oligarchennichte Aljona Makarowa vorgestellt worden, nebst ihrem Begleiter mit dem Decknamen „Julian Thaler“, der in München eine Detektei betreiben soll. Frau Makarowa habe sich als Nichte eines Oligarchen ausgegeben.

          Den Magnaten gibt es tatsächlich: Igor Makarow, dessen Vermögen auf 2,1 Milliarden Dollar geschätzt wird, leitet die internationale Holding „Areti“, die im Gas- und Kohlegeschäft tätig ist. Eine Nichte aber hat er nicht. „Es ist allgemein bekannt, dass ich das einzige Kind in der Familie war und dementsprechend keine Nichten habe“, sagte er der russischen Ausgabe des Magazins „Forbes“. Er kenne keine Frau mit dem Namen Aljona Makarowa und wolle nun mit allen juristischen Mitteln herausfinden lassen, wer sich hinter dem Alias verberge.

          Mit der falschen Aljona Makarowa und ihrem Begleiter traf sich Gudenus mehrmals. Es gab ein pompöses Abendessen, wie beiläufig fiel der Hinweis auf die schöne Insel Ibiza, von der sich herausstellte, dass dort sowohl die vermeintliche Oligarchen-Nichte als auch Gudenus und sein Parteifreund Strache gerne Urlaub machten. Im Juli 2017 dann gab es den langen Abend in der verwanzten Finca, von dem heimlich Aufnahmen gemacht wurden, die in Auszügen mittlerweile alle Welt kennt. Heinz-Christian Strache phantasiert hier von der Übernahme der „Kronen Zeitung“, von Spendengeldumleitungen und staatlichen Aufträgen für die Oligarchen-Nichte. Das hat Gudenus und Strache die politische Karriere und Österreich die Regierung gekostet.

          Der Anwalt M., der nach Darstellung der „Presse“ und des „Kurier“ der Kontaktmann bei der Fallenstellerei war, wollte sich auf Anfrage der österreichischen Medien zu dem Fall nicht äußern. Ob er aus eigenem Antrieb handelte, ob Geheimdienste im Spiel sind oder doch die Aktivistengruppe „Zentrum für politische Schönheit“ oder der für die SPÖ mit schmutzigen Wahlkampftricks aufgefallene Tal Silberstein, all das ist bisher nicht bekannt. Silberstein hatte im Wahlkampf 2017 zwei Fake-Facebookseiten über Sebastian Kurz aufgelegt. Die eine sah so aus, als werde Kurz wegen seiner vermeintlich migrationsfreundlichen Politik von Rechtsaußen angegriffen, die andere sollte den Eindruck erwecken, er habe Sympathien für Positionen, wie sie die FPÖ vertritt. Damit sollten Wähler der Mitte verunsichert werden. Dass es sich um eine ausgeklügelte Fälschung handelte, deckten Journalisten der Zeitung „Die Presse“ und des Magazins „Profil“ auf.

          Das Ibiza-Video wiederum sei schon seit langem herumgereicht worden und wohl ursprünglich, so schlussfolgern österreichische Medien, für eine Intervention im Wahlkampf 2017 zur Nationalratswahl gedacht gewesen. Nur habe sich dafür – gegebenenfalls auch wegen zu hoher Geldforderungen – offenbar kein Abnehmer gefunden. Die „Zeit“ berichtet, das Ibiza-Video sei schon vor einem Jahr angeboten worden, angeblich für eine siebenstellige Summe, man habe zu den Videohändlern Kontakt gehabt. Diese hätten die Aufnahme kurz vor Ostern auch dem ZDF-Moderator Jan Böhmermann angeboten. Das erklärt, warum dieser auf das Video im April bei der Verleihung des Fernsehpreises Romy und in seiner jüngsten Sendung anspielen konnte. Selbst verraten, woher er das Material kannte, wollte er beziehungsweise wollte seine Produktionsfirma auf Anfrage nicht. Das ZDF verwies darauf, dass Böhmermann nach Kenntnis des Senders an der Produktion des Videos nicht beteiligt gewesen sei.

          Durch Böhmermanns Anspielungen aber, so die „Zeit“, sei plötzlich wieder Tempo in die Verhandlungen über das Ibiza-Video gekommen. Die Videohändler hätten „Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“ abermals konsultiert, welche die Aufnahmen dann jetzt, kurz vor der Europawahl, brachten. Die Drahtzieher des Videos behaupteten, so die „Zeit“, dass für die Aufnahmen „keinerlei Geld geflossen“ sei. „Spiegel“ und „Süddeutsche“ nehmen für sich in Anspruch, grundsätzlich nicht für Informationen zu zahlen.

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