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„Storytelling und KI“ : Erträumen Androiden bald unsere Geschichten?

  • -Aktualisiert am

Menschengemacht: der „Blade Runner“, auf der Suche nach Replikanten, also Künstlicher Intelligenz auf zwei Beinen. Bild: dpa/Sony

Eine Fachtagung zum Medieneinsatz Künstlicher Intelligenz gibt Entwarnung: Allzu smart sind die Geschichtenerzähler aus dem Computer noch nicht, eher auf dem Niveau elektrischer Schafe.

          Soeben hat Künstliche Intelligenz (KI) aus dem Hause Microsoft für die schwedische Destillerie Mackmyra einen eigenen Whisky kreiert und dabei offenbar eine Vorliebe für Anis und Ingwer bewiesen. Längst verfassen Algorithmen schlichte Nachrichten. Zuverlässig erkennen sie Gesichter: Jeder kann heute Amazon Rekognition preiswert nutzen. Das Stimmenklonen und das Generieren nicht realer Personen in fotorealistischer Qualität nähern sich der Perfektion. Google hat unlängst das Programm Duplex vorgestellt, das in beeindruckender Qualität einfache Termin-Anrufe übernimmt. Weil das Maschinenlernen im vergangenen Jahrzehnt so gewaltige Fortschritte gemacht hat, steht die bange Frage im Raum, ob der Film „Blade Runner“, Ridley Scotts im Jahr 2019 spielende Replikantenphantasie (nach Philip K. Dicks Romanvorlage), vielleicht gar nicht so danebenlag.

          Doch, das lag er. Entwarnung wurde nun an der Kölner Fritz Thyssen Stiftung gegeben. Dorthin hatte der auf Medienkommunikation spezialisierte Verband Eyes & Ears of Europe Experten aus der KI- und Medien-Branche zur Fachtagung „Storytelling und KI“ geladen. Maschinen, so das Ergebnis in Kurzform, hätten sich beispielsweise die KI-Dystopie um Blade Runner Deckard kaum ausdenken können, weil sie selbst in Zeiten von Deep Learning und Big Data nichts anderes herzustellen vermögen als Variationen des Vorhandenen: Statistik statt Kreativität. Allenfalls für die Standard-Krimis oder Schema-F-Romanzen unseres formatierten Fernsehprogramms mag das ausreichen.

          Geschichtsfortschreibung per Autotext-Vorschlag?

          Wie unbesorgt etwa Drehbuchautoren vorerst noch sein können, bewies der Vortrag von Jeroen Burms und Michiel Ruelens, zwei aufstrebenden Programmierern, die ihre Software DeepStory vorstellten. Auf der Basis von Tausenden Drehbüchern gibt das Programm, das ausdrücklich als „Kopilot“ und nicht Ersetzung klassischer Drehbuchautoren vorgesehen ist, mögliche Fortführungen einer Geschichte aus, allerdings auf einer Wort-für-Wort-Basis, die ähnlich funktioniert wie die Autotext-Vorschläge im Smartphone. Auch wenn es den Datenwissenschaftlern gelungen sein mag, eklatante Unsinnsergebnisse zu minimieren und wenigstens Szenenzusammenhänge zu simulieren, wirkte das Anwendungsbeispiel kläglich unbeholfen, und das schon aus dem schlichten Grund, dass der Software jede Vorstellung für einen übergreifenden Erzählbogen abgeht.

          Der Fortgang des Symposions machte deutlich, dass in Sachen Storytelling und KI vor allem eines vordringlich ist: von den schillernden Storys über intelligente Roboter wegzukommen. KI-Systeme seien vielmehr als begrenzt einsetzbare, potente Werkzeuge anzusehen, mit deren Hilfe man sich vor allem von stumpf repetitiven Aufgaben befreien könne. So werden sie längst auch genutzt, etwa beim Schweizer Fernsehen, wie der Leiter der Abteilung Design & Promotion im SRF, Patrick Arnecke, betonte. Es gehe etwa darum, das eigene Programm mittels Datenauswertung besser zu verstehen und auf Publikumsvorlieben abzustimmen. Vom Transformieren oder gar Generieren eigener Inhalte durch KI sei man hier noch weit entfernt. In Zukunft werde Erfolg im Medienbusiness aber stark davon abhängen, wie gut und zielsicher Kreative mit KI-Assistenzsystemen umzugehen wüssten.

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          Daran schloss nahtlos der IBM-Managementberater Thomas Ross an. Man solle nicht gebannt auf Algorithmen starren, sondern vielmehr die Datenbasen als entscheidend ansehen. Je besser unstrukturierte Daten erfasst würden, desto genauer seien die Ergebnisse der KI-Programme, die nun einmal nichts Schöpferisches besäßen, sondern lediglich angelernte Erschließungsqualitäten. Die Entwicklung von Content Management-Lösungen, also etwa das automatisierte Kuratieren digitaler Archivalien, ist auch die Hauptaufgabe des vom Bundesbildungsministerium geförderten Projekts QURATOR. Dessen Sprecher Armin Berger zugleich Geschäftsführer der Internetagentur 3pc, betonte, dass es hinsichtlich der angebotenen KI-Dienste dabei in erster Linie um Arbeitserleichterungen etwa für Redakteure gehe: „immer mit der Idee, dass sich das am Ende jemand anschaut und beurteilt“. Im Falle der so erschlossenen „Stasi Mediathek“ etwa würde beim Aufruf eines Dokuments auf Basis der Metadaten „ganz grob eine Story“ vorgeschlagen, also schlicht weitere Dokumente, die in einem Zusammenhang mit dem ersten stehen.

          Bei Pro Sieben Sat.1 dient KI dem Erkennen von Trendthemen, der Hyperpersonalisierung des Angebots respektive der Werbung (qua Microtargeting) und dem Beschleunigen von Abläufen, weil etwa die Materialsichtung in Jugendschutzhinsicht automatisiert werde, erklärte der Geschäftsführer der sendereigenen AdFactory, Maximilian Klopsch. Was dabei erzählerisch herauskommt, zeigte Klopsch ebenfalls: in diesem Fall das Beauty- und Fashion-Format „Perfect Shot“, in dem Influencer und Fotografen in Urlaubsatmosphäre um das beste Modefoto konkurrieren. Der Algorithmus hatte eben ausgespuckt, dass Beauty, Eskapismus und Influencer angesagt sind. Man würde gern das verdutzte Gesicht des Blade Runners sehen, wenn er wüsste, was sich statt der stolzen Replikanten Roy und Rachel im Jahr 2019 tatsächlich künstlich intelligent nennt.

          Das Schlusswort der Tagung war dem Psychologen Stephan Grünewald vorbehalten, der allen allzu menschlichen Ängsten, der Mensch als (Freudscher) Prothesengott werde sich aufspalten und die Prothese allein zum Gott avancieren, mit der schönen Formulierung entgegentrat, die Künstliche Intelligenz könne – vorerst? – nicht „das Schicksalsberührte des Menschen imitieren“, bleibe also ein formalistisches Mängelwesen, dem die auf Angstbewältigung gerichtete Kreativität des Homo sapiens abgehe. Erst wenn die KI nicht mehr nur Whisky erschafft, sondern selbst zum Alkoholiker wird, heißt das wohl, müssen wir uns Sorgen machen. Aber dann löst sich das Problem ja auch wieder von selbst: Besoffene Computer sind schwache Herrscher. Eine smarte Serien-Story, die sich fast von selbst schreibt, scheint da allerdings zu schlummern.

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