https://www.faz.net/-gqz-87mvp

Stephen Colberts neue Show : Ist er noch irrer als Donald Trump?

  • -Aktualisiert am

Ganz der Alte? Stephen Colbert hat seine Kunstfigur abgelegt. Bild: AP

Darauf hat ganz Amerika gewartet: Stephen Colbert tritt die Nachfolge des legendären Talkmasters David Letterman an. In seiner ersten Show fährt Colbert mit Jeb Bush und George Clooney groß auf.

          3 Min.

          Wer ist eigentlich Stephen Colbert? Das war die Frage, die sich die amerikanischen Fernsehzuschauer zu dem Nachfolger des schon zu Lebzeiten zur Legende gewordenen Talkmasters David Letterman stellten. Seine „Late Show“ bei CBS war ein Grundpfeiler des Programms. Colbert indes hat man bislang allein als Satiriker in seinem „Colbert Report“ auf Comedy Central erlebt. Dort trat er in der Maske des ebenso aufgeblasenen wie ahnungslosen Polit-Experten auf. Diese Rolle legte er nie ab. Doch wie ist er wirklich? Wer ist er wirklich?

          Bei seinem Debüt im New Yorker Ed Sullivan Theatre am Dienstagabend griff Colbert das Rätselraten gleich auf.  „Hello, Nation!“, begrüßte er mit einer Floskel aus dem „Report“ das Publikum, das ihn wie ehedem mit „Stephen, Stephen, Stephen“-Rufen feierte. „Zuletzt habe ich einen narzisstischen konservativen Polit-Kommentator gespielt“, sagte er zu seinem Gast, dem Präsidentschaftskandidaten Jeb Bush, „jetzt bin ich nur noch Narzisst.“ Und er stellte in Aussicht, dass der „wahre Colbert“ Thema der Show werden könnte: „Mit dieser Sendung mache ich mich auf die Suche nach dem echten Colbert. Und ich hoffe, ich finde ihn nicht auf Ashley Madison.“

          Singen, tanzen, Gags

          Der „echte“ Colbert ist seiner Kunstfigur gar nicht so unähnlich: Energisch, gut gelaunt und äußert schlagfertig tritt er vor die Nation und stellt seinen klugen Witz und seinen Hang zu anarchischen Albernheiten aus. Colbert sang und tanzte, er blödelte herum, er nahm sich selbst und die Sachzwänge des Unterhaltungsfernsehens aufs Korn, und er talkte mal mehr inspiriert (mit Jeb Bush), mal weniger (mit George Clooney). Ein abschließendes Urteil lässt sich nach der bunten Premiere selbstverständlich noch nicht fällen, doch eines zeichnet sich deutlich ab: Dieser Mann hat keine Scheu, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen – und dabei vielleicht hin und wieder auch eine Bauchlandung hinzulegen.  

          Als Eröffnungsstück sah man Colbert in verschiedenen Landesteilen mit unterschiedlichen Menschen die amerikanische Nationalhymne singen, darunter in den Viehhöfen von Fort Worth in Texas, in einer Bowlingbahn, in einer Fabrik, in der Werkzeuglärm die Hymne übertönte und auf einem Baseball-Feld, auf dem auch Colberts Mentor Jon Stewart einen Kurzauftritt hatte. Als Reporter in Stewarts „Daily Show“ hatte Colbert seine Figur konzipiert, mit der er später in seiner eigenen Show die bei Fox News salonfähig gewordenen großsprecherischen Polit-Experten des amerikanischen Nachrichtenfernsehens persiflierte. 

          Erster Talkgast Jeb Bush: „Fast hätten Sie für den ersten Teil Applaus bekommen!“
          Erster Talkgast Jeb Bush: „Fast hätten Sie für den ersten Teil Applaus bekommen!“ : Bild: Reuters

          Nun ist es Colberts Aufgabe, der CBS-Latenight ein jüngeres Publikum zu bescheren – der Altersschnitt der Letterman-Zuschauer lag bei sechzig Jahren, Colberts bei 42. Altbacken jedenfalls war sein Debüt kein bisschen. Zur Eingangsmusik seines Bandleaders Jon Batiste legte er ein Tänzchen hin, bevor er sich einer ganzen Serie von Donald-Trump-Witzen und seinen Gästen widmete. Wobei Colbert mit Politikern ganz eindeutig mehr anzufangen weiß als mit Hollywoodstars. Von den Trump-Scherzen konnte er nicht lassen. Einen Einspieler über rassistische Gruppen unter Trumps Anhängern, die eine weiße Vorherrschaft propagieren, kommentierte er: „Dabei ist Trump nicht mal weiß. Er ist eher ein Oompa-Loompa-Amerikaner“ – ein Verweis auf die Figuren aus Roald Dahls „Charlie und die Schokoladenfabrik“, deren Erscheinung der Autor einst nach Rassismus-Vorwürfen verändern musste.

          Auch das Gespräch mit dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten Jeb Bush, von dem der Gastgeber unter anderem wissen wollte, wie er sich politisch von seinem Bruder unterscheide und was er zur Bemerkung seiner Mutter Barbara gesagt hätte, es seien genügend Bushs im Weißen Haus gewesen, geriet zu einem heiteren Stück. Als Bush in einem Plädoyer für die Zusammenarbeit der politischen Fraktionen sagte: „Ich halte Barack Obamas Absichten nicht für schlecht – aber viele seiner Entscheidungen sind miserabel“, riet ihm Colbert, an seinen dramatischen Pausen zu arbeiten. „Fast hätten Sie für den ersten Teil Applaus bekommen!“

          George Clooney musste sich die Frage gefallen lassen, ob er „nur der Hingucker am Arm einer Anwältin“ sei.
          George Clooney musste sich die Frage gefallen lassen, ob er „nur der Hingucker am Arm einer Anwältin“ sei. : Bild: Polaris/laif

          Ist George Clooney ein „Hingucker“?

          Sein Gespräch mit George Clooney („wie ist es eigentlich, als Hingucker am Arm einer Anwältin spazieren geführt zu werden?“) wirkte dagegen bisweilen bemüht, wenn Colbert auch spitz thematisierte, dass Stars Talkshows nur dann beehren, wenn sie ein Projekt zu promoten haben: Da Clooney aus reiner Freundschaft erschienen war, dachten sich die beiden schnell einen Film aus. Überhaupt schien es Colbert am Herzen zu liegen, die Usancen des Unterhaltungsfernsehen zu entblößen: Seinen Chef Leslie Moonves zeigte Colbert mit der Hand an einem Hebel, der bei Nichtgefallen auf die kürzlich eingestellte CBS-Serie „The Mentalist“ umschaltet. Und in einem schrägen Sketch verlangte ein antikes, mit einem Fluch behaftetes Amulett – angeblich der Preis für die Letterman-Nachfolge – von Colbert, er möge für eine Hummus-Marke Werbung machen.

          Und so löste Colbert zwei Versprechen ein, die er dem Publikum gemacht hatte: dass er in einer Network-Talkshow als er selbst ein gewinnender Gastgeber sein kann, und dass er trotzdem noch politische Satire macht. Colbert, bemerkte „Time“, sei schließlich ein politischer Volksheld, und gerade seine biedere Erscheinung rahme seine subversiven Züge bestens: „Colbert wirkt, als sei er in einem Fernseher zur Welt gekommen“, schrieb die Zeitschrift, „ein Typ, dem man sorglos die Kontrolle über ein Network-Schlachtschiff überlässt und der es dann fröhlich über die Klippe steuert.“

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Keine Angst vor Müll, Chaos und der Mafia!

          Buch über Palermo : Keine Angst vor Müll, Chaos und der Mafia!

          Die Perfektion ist hier nicht zu Hause: Roberto Alajmos Antireiseführer über Palermo erscheint in einer überarbeiteten Ausgabe. Sie illustriert, dass sich vieles in Siziliens Hauptstadt zum Besseren verändert hat.

          Topmeldungen

          Impfung in der Moschee des marokkanischen Freundeskreises in Raunheim

          1008 Neuinfektionen : Sieben-Tage-Inzidenz sinkt auf 6,6

          Die Lage in Deutschland entspannt sich weiter. Die Zahl der neuen Corona-Fälle und der Inzidenzwert lagen abermals unter denen der Vorwoche. Die Ärzteschaft drängt angesichts der Ausbreitung der Delta-Variante auf Tempo beim Impfen.

          2:2 gegen Ungarn : Ein denkwürdiges deutsches Drama

          Es ist ein Abend des puren Nervenkitzels: Lange droht dem DFB-Team ein Debakel wie bei der WM. Der eingewechselte Leon Goretzka verhindert das EM-Vorrundenaus mit dem späten Ausgleich gegen Ungarn.
          Hoffnung auf Herdenimmunität: Menschen in der Fußgängerzone der Münchener Innenstadt

          Neue RKI-Zahlen : Immer mehr Delta-Infektionen

          Die Inzidenzen sinken weiter. Doch laut RKI hat sich der Anteil der Delta-Variante bei den Neuinfektionen seit vergangener Woche fast verdoppelt. Dennoch: Die Bundesländer bleiben gelassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.