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Film über die Jazz-Brüder Kühn : Sie sind so frei

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Brüder, im Geiste des Free Jazz: Joachim und Rolf (vorne) Kühn. Bild: ZDF und Steffen Bohnert

Vom Leid zum Leitmotiv: Stephan Lamby hat einen Film über die Brüder Kühn gedreht. Er zeigt, was die beiden Jazzmusiker können. Sie machen die Idee der Freiheit hörbar.

          3 Min.

          Der jüngere ist noch keine Stunde alt, als der fünfzehn Jahre ältere Bruder schon für ihn Klarinette spielt. Sie kommen aus einer Artistenfamilie. Der Vater war Akrobat, hatte mit seinem Bruder einen Trick erfunden, der sie weltberühmt machte: der eine konnte mit dem Kopf auf dem Kopf des anderen stehen, ohne dass ein die Last ausgleichender Ring dazwischen lag. Das spricht für Körperbeherrschung, für Geduld, für Gleichgewichtssinn, keine schlechten Voraussetzungen für die beiden Kinder des Akrobaten und seiner jüdischen Ehefrau, für Rolf, 1929 in Köln und Joachim, 1944 in Leipzig geboren.

          Die ersten Bilder des Films sind umwerfend. Der fast neunzigjährige Rolf Kühn spielt in sich versunken Klarinette. Die Kamera zeigt ihn von hinten in einem Sessel, dann lautmalt Joachim die Noten des nächsten Auftritts vom Blatt di-de-di-de-lu. Schnitt, sie betreten zusammen die Bühne, Joachim tobt wie ein Berserker auf dem Flügel, von der Seite kommt Rolf ins Bild. Die nächste Szene zeigt Rolf irgendwo draußen, vielleicht in New York, es ist so kurz, das strahlend melancholische Gesicht Rolfs aber bleibt im Gedächtnis des Zuschauers wie eine visuelle Fermate hängen. Es grundiert die Bilder aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts, das Gesicht eines überlebenden Zeugen, der mit Pneuma und Spielfreude die Welt berührt und für sich gewonnen hat.

          Zur Voraufführung des Films von Stephan Lamby im Berliner Kino Babylon kamen der Bundespräsident und Frau Büdenbender. Wie wird Frank-Walter Steinmeier von diesen Bildern und Tönen profitieren, davon, wie zwei Jazzmusiker ihre Leitthemen entwickeln und darüber improvisieren? Der manchmal etwas dröhnende Stil des Präsidenten scheint sich bis zur Halbzeit noch nicht von der Schwerkraft des Amtes für zupackende Töne befreit zu haben.

          Joachim hat das Schwimmbecken seines Hauses auf Ibiza geleert. Surreale Bilder zeigen, wie er im leeren Becken Saxophon spielt. Es ist ein Kerkerbild. Es bezeugt, dass er sich von allem befreit hat, was ihn im Leben stört. Die Dreharbeiten zeigen ihn in einer Lebenskrise, weil er auf den Befund einer Biopsie wartet und sich wie ein Todgeweihter fühlt. Seine Mimik ist von Hader und Grimm zerfurcht. Erst als die Nachricht eintrifft, dass er keinen Krebs hat, findet auch sein Gesicht zum melancholischen Lächeln des älteren Bruders.

          Als Fünfzehnjähriger hat Rolf für Mary Wigman gespielt, findet unter ihrer Anleitung Töne für eine Hexenphantasie, als die Welt dabei war, unterzugehen. Sechs Jahre vorher wurde das Tabakgeschäft der Mutter am 9. November verwüstet. Rolf wurde evangelisch getauft. Seine Mutter und ihre Söhne entgingen dem Holocaust, anders als eine Schwester der Mutter, die mit dem letzten Transport von Theresienstadt in Auschwitz ermordet wurde.

          Immer wieder findet der Film auf die Bühne des Stage-Clubs in Hamburg, wo die Brüder Anfang 2019 mit ihrem Ensemble spielen. Joachims Pianistenhände verwandeln sich in Pranken, als überwinde er die auf ihm lastende Schwerkraft. Gleich nach dem Konzert wird er als Notfall in Eppendorf eingeliefert und das bange Warten beginnt. Krank zu sein findet er so grässlich, dass er dem alles, was er kann, entgegensetzt. Im Krankenhaus notiert er ein Stück für den nächsten Auftritt: „Alles S“. Ist es vielleicht ein Es, in dem das Stück beginnt und mit dem er sich frei spielt von Angst und Mühsal? Was ihn stört, gehört ausgesperrt.

          Rolfs Karriere als Musiker beginnt im Krieg in Leipzig, als er bei Beerdigungen das Harmonium spielt. Wenn er mithilft, den Sarg zu tragen, gibt es fünfzig Pfennig mehr. Nach Anfängen im Rundfunkorchester des MDR, später des Rias, zieht Rolf 1956 nach Amerika. Benny Goodman holt ihn in sein Orchester. Vor dem Mauerbau sehen die Brüder ein Konzert von Chet Baker in West-Berlin. Joachim ist fasziniert, wie die Musiker auf der Bühne herumhingen. Dass sie Junkies waren, ist ihm nicht bewusst. Später inhaliert er durch das Mundstück eines Saxophons zum ersten Mal Marihuana und empfindet das Erlebnis als so befreiend, dass die letzte Bürde abgeschüttelt scheint. Er sagt, das Improvisieren ermögliche es, aus nichts etwas zu machen. Das ist nicht ganz richtig; es gibt immer einen Anfang, ein Motiv, einen ersten Ton. Was er daraus macht, liegt dann in seiner Hand.

          Improvisation und Brillanz: Joachim und Rolf Kühn.

          Während der junge Joachim mit seinem Trio in der DDR zu Ruhm gelangt, erobert Rolf Amerika. Am Vorabend des Mauerbaus sind sie in West-Berlin. Wenige Jahre später lädt Friedrich Gulda auf Rolfs Bitte Joachim zu einem Jazz-Wettbewerb nach Wien ein. Die Eltern dürfen ihn nicht zum Nachtzug begleiten. Tränen wären zu verräterisch gewesen. So waren die Zeiten. So entkommt er der DDR, die ihn, wie die von Lamby ausgegrabenen Stasi-Akten zeigen, überwacht hat. In den Akten befindet sich sogar das Original eines Haftbefehls gegen Joachim. Die Brüder lachen befreit. Haftbefehl – das wäre ein guter Titel für ein Album! Bald kommt auch Joachim nach Amerika, wird von dem Plattenlabel „impulse!“ unter Vertrag genommen, spielt in Newport. 1968 zieht er nach Paris, findet auf dem Flügel brachiale Free-Jazz-Töne zur Revolte im Quartier Latin, riskiert aber keine Gefahr für seine Goldfinger.

          Stephan Lambys Film ist ein Dokument der eigenen Faszinationsgeschichte. Einst spielte er selbst Jazz, in New York und in Brasilien. Heute gehört er zu den spannendsten politischen Dokumentaristen. Mit dem Porträt über die Brüder Kühn hat er sein filmisches Repertoire um eine Facette erweitert, die auch den politischen Dokumentationen nützlich sein wird und das absolute Gehör des Musikers anders öffnet für politische Leitmotive. Wie werden die Protagonisten darüber politisch improvisieren und die Idee der Freiheit hörbar machen?

          Brüder Kühn – Zwei Musiker spielen sich frei läuft heute, Samstag 21. September, um 20.15 Uhr bei 3sat.

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