https://www.faz.net/-gqz-8fi9q

Steinzeitsprache im Videospiel : Auf Wenja schreit es sich am besten

So kommt es, dass 120 der 620 am häufigsten vorkommenden Izila-Wörter auch Nichtlinguisten auf Anhieb bekannt vorkommen - nicht immer so eindeutig wie „tígri“ (Säbelzahntiger), aber oft so wie „pód“ (Fuß) oder „hréks“ („König“). Letzteres ist eine waschechte Pie-Vokabel. Dabei sind die Izila als Kultur keineswegs den Protoindoeuropäern nachempfunden, einem schon mit Pferden vertrauten Volk, das wahrscheinlich nördlich des Schwarzen Meers zu Hause war. „Aber ihre Sprache ist es sehr wohl“, sagt Brenna Reinhart Byrd, Sprachwissenschaftlerin an der University of Kentucky, die gemeinsam mit ihrem Ehemann Andrew Byrd den Hauptanteil der Sprachschöpfungen für „Far Cry Primal“ verantwortet. „Zwar haben wir dabei einige Lautverschiebungen angenommen. Aber meistens haben wir uns bei Izila ans Pie gehalten.“

Seit dem Ende der Römerzeit nur bergab?

Die Sprache der Wenja dagegen wurde als eine einfachere Stufe des Izila konzipiert. Es handelt sich allerdings nicht allein um eine die Sprachentwicklung zurückdrehende Extrapolation des Protoindoeuropäischen, die damit die Wenja als linguistische Vorfahren der Izila erscheinen ließe. „Für Wenja haben wir auch kulturelle Elemente herangezogen“, sagt Byrd. „Alles Lebendige besitzt Verstand und verwendet daher das gleiche Geschlecht, im Gegensatz zu nicht lebendigen Dingen, die ein anderes Geschlecht haben.“

Ein anderer „primitiv“ anmutender Zug des Wenja ist das Fehlen expliziter Verbalformen zur Unterscheidung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Die Abschaffung der Tempora war schon mit den Testaufnahmen in vereinfachtem Englisch versucht worden, aber ganz so funktioniert eine gebrauchsfähige Sprache eben nicht, auch wenn es nur Steinzeitleute sind, die sie sprechen. „Wenja hat einen sogenannten Perfektiv, wie in hu-gwanam (ich habe getötet), um auszudrücken, dass eine Handlung abgeschlossen ist“, sagt Brenna Byrd. „Aber wenn der Kontext bekannt und klar ist, dass die Sache schon passiert ist, kann man das hu- auch weglassen.“

Es sind ja auch meist andere als sprachhistorische Vorstellungen, die bei der Idee mitschwingen, kulturelle Komplexität oder Primitivität müsse sich in bestimmten linguistischen Strukturen spiegeln. Wo Izila verschiedene Modi wie Imperativ oder Konditional durch unterschiedliche Endungen ausdrückt, verwendet Wenja kleine Wörter am Satzbeginn, etwa „u“ für den Imperativ. Ein wenig verhält sich Wenja damit zum Izila wie das Englische zum Latein. Manifestiert sich da sogar in der neuesten Branche der Unterhaltungsindustrie das Gefühl, mit der europäischen Kultur sei es seit dem Ende der Römerzeit nur bergab gegangen?

In Wahrheit recht moderne Idiome

Dabei sahen sich die Ubisoft-Manager in anderer Hinsicht sogar genötigt, die Linguisten um Abrüstung ihrer ursprünglichen Resultate zu bitten. „Primitive Sprachen neigen dazu, viele Silben zu brauchen, um recht simple Dinge auszudrücken, sagt Jean-Sébastien Decant. „Die Wörter mussten also gekürzt werden, vor allem im Interesse der Sprecher. Wir wollten keine gigantischen Sätze, die dann die Verbindung von Emotion und Information zerstören. Und dann mussten die Kehllaute beseitigt werden, mit denen protoindoeuropäische Sätze geradezu gepflastert sind. Das ist sehr schwer für die Zunge wie für die Ohren. Ich wollte nicht, dass die Sprecher damit zu sehr zu kämpfen haben, und wollte auch keine Sprache, die sich für unsere Spieler zu aggressiv anhört.“

Auch damit sind die vermeintlichen Steinzeitsprachen in „Far Cry Primal“ in Wahrheit recht moderne Idiome, trotz oder gerade wegen ihrer unbestreitbaren Wirkung, den Spieler tiefer ins Geschehen zu ziehen, als wenn die Figuren Englisch oder Deutsch redeten. Und wer neben Feinde hinmetzeln, Rohstoffe suchen und Bestien zähmen noch zum bewussten Zuhören kommt, kann die Sprachen bis zu dem Grad, in dem sie ausgearbeitet wurden, auch lernen. „Die Spieler müssen das aber nicht, um in dieser Welt zu überleben. Klang und Körpersprache sollten reichen, um herauszufinden, ob man es mit einem Freund oder einem Feind zu tun hat“, versichert Jean-Sébastien Decant. „Allerdings haben wir durchaus eine ganze Menge Spieler beobachtet, welche die Sprache aufschnappten und beim Durchspielen anfingen, in Wenja zu schreien.“

Weitere Themen

Der andere Bibliothekar

Hans Magnus Enzensberger : Der andere Bibliothekar

„Wir drucken nur Bücher, die wir selber lesen möchten“ – so kündigten Hans Magnus Enzensberger und der Verleger Franz Greno 1985 die „Andere Bibliothek“ an. Eine Würdigung des Feuilletons zum 90. Geburtstag ihres einstmaligen Herausgebers.

Topmeldungen

Der britische Premierminister Boris Johnson während eines Wahlkampf-Termins in einer Chips-Fabrik im nordirischen County Armagh

Wahl in Nordirland : Selbst die Grenze hat eine Stimme

In Nordirland hilft nur noch Galgenhumor: Die britische Provinz fühlt sich von allen Seiten verkauft. Die bitterste Ironie ist die Zwickmühle, in die Boris Johnson die nordirischen Konservativen gebracht hat.
Für Normalverdiener entfällt der Posten Solidaritätszuschlag künftig auf dem Steuerbescheid.

Für 90 Prozent der Zahler : Der Soli wird zum Teil abgeschafft

Ab 2021 entfällt der Solidaritätszuschlag – zumindest für diejenigen, die nicht mehr als 73.874 Euro brutto im Jahr verdienen. Doch auch wer mehr verdient, kann von der so genannten Milderungszone profitieren.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.