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Stefan Raab moderiert das Fernsehduell : Mann und Format

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„Absolute Mehrheit“

Es ist die Leistungsschau des politischen Journalismus, der in diesem einen Moment die große Auseinandersetzung zu erzwingen glaubt, die während des gesamten Wahlkampfes nicht aufgekommen ist, sich fragt, warum nur alles wieder so langweilig geworden ist, und es dann auf die Kandidaten schiebt. Dabei wird selten mit mehr Journalismus weniger ausgerichtet als bei einem Fernsehduell. Nun soll es Stefan Raab also mit Unterhaltung schaffen.

Wie das aussehen könnte, lässt sich seit einigen Monaten auf seinem Sender Pro Sieben beobachten, für den Stefan Raab gleich noch die politische Talkshow neu erfinden wollte. Seine Sendung heißt „Absolute Mehrheit“ und funktioniert wie die Reise nach Jerusalem. Vier Politiker und ein Nichtpolitiker diskutieren in drei Runden zu jeweils einem aktuellen Thema, nach jeder Runde können die Zuschauer abstimmen und einen hinauswählen. Hat einer der Gäste am Ende mehr als die Hälfte der Anrufer überzeugt, gewinnt er hunderttausend Euro, was in den fünf Shows, die es bislang gab, allerdings nur dem Berliner Rapper und ausgesprochenen Nichtpolitiker Paul Hartmut Würdig alias Sido gelungen ist.

Politische Castingshow

Für das Konzept, aus einer politischen Gesprächssendung eine Castingshow zu machen, gab es natürlich schon vor der ersten Ausstrahlung Kritik. Bundestagspräsident Norbert Lammert bezeichnete das Format als „absoluten Unfug“ und warnte: „Wer Geld für Meinungen aussetzt, bestellt Meinungen für Geld.“ Umweltminister Peter Altmaier sagte ab, weil er nicht wie versprochen auf Hannelore Kraft oder Andrea Nahles von der SPD treffen würde, die nur nicht kommen wollten, während Volker Beck von den Grünen gern gekommen wäre, aber wieder ausgeladen wurde, weil, wie er behauptete, Peter Altmaier sonst nicht gekommen wäre.

So waren am Ende beide nicht da, was, sieht man von Wolfgang Kubicki von der FDP einmal ab, die vermutlich am schlechtesten besetzte politische Talkshow des Jahres ergab. Trotzdem hatte sie 1,8 Millionen Zuschauer. Die Hälfte davon waren junge Leute. Das sind mehr, als Maybrit Illner, Reinhold Beckmann, Günther Jauch, Sandra Maischberger, Anne Will und Frank Plasberg in der Woche zusammen hatten. Kurz danach gab Edmund Stoiber dieses Interview im „Spiegel“.

Konzept gleicht sich den Gesprächsrunden an

Das mag so klingen, als bekämen es Angela Merkel und Peer Steinbrück Ende kommender Woche nicht nur mit einem Neuen, sondern gleich mit einem Anderen zu tun, aber wer alle Folgen der „Absoluten Mehrheit“ gesehen hat, erwartet das eher nicht. Zu schnell nutzt sich ab, dass die Gäste hier auch mal als „Drill Sergeant der SPD“ oder „Luke Skywalker der CDU“ vorgestellt werden, zu leicht gewöhnt man sich daran, dass die Männer meist keine Krawatten tragen und die Frauen Kleid statt Kostüm. Und zu wenig sagen einem am Ende die mühsam zusammengehaltenen Gesichter der Politiker, wenn sie erfahren, dass sie aus der Runde herausgewählt wurden, außer dass sie offenbar dachten, dass ihnen das nicht passiert.

Je länger die Sendung läuft, umso mehr fallen die Gemeinsamkeiten zu all den anderen Talkshows auf. Wie überall lädt auch Stefan Raab immer von jeder großen Partei jemanden ein und wechselt die kleinen Parteien miteinander ab. Wie überall lässt er seine Gäste über Energiewende, Frauenquote, Euro, Bildung oder Politikverdrossenheit reden. Wie überall führen auch hier Einspielfilmchen ins Thema. Wie überall setzt sich auch hier nicht das Argument, sondern derjenige durch, der am längsten und am lautesten redet.

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