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Stefan Raab moderiert das Fernsehduell : Mann und Format

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Chancen der Blamage sind fair verteilt

Das wirkt oft so, als würde ein professionell aufgezogener Kindergeburtstag im Fernsehen übertragen werden, aber die Chancen, sich zu blamieren, sind immerhin fair verteilt und werden nicht wie bei Dieter Bohlen vom Jurytisch aus organisiert. Die wohl größte Leistung vollbrachte Stefan Raab, als er sich vor zehn Jahren den Eurovision Song Contest vornahm, der damals lange zu einer Veranstaltung für alternde Schlagerfreunde geworden war. Zuerst suchte er in einer Show eigene Kandidaten aus, die er in den deutschen Vorentscheid schickte, später veranstaltete er den Vorentscheid selbst, und als Lena Meyer-Landrut vor drei Jahren in Oslo gewann, hatte er den ganzen Wettbewerb einmal von hinten nach vorn aufgerollt - so, wie er das gerade mit einem von ihm erfundenen Duschkopf im Bereich der Sanitärtechnik versucht.

Der einzige Zusammenhang, den es zwischen beidem gibt, ist, dass sowohl der Eurovision Song Contest als auch der Duschkopf als Dinge galten, die ausentwickelt sind und - egal, ob man mit ihnen zufrieden ist oder nicht - nicht mehr zu verbessern. Das scheint Stefan Raab nicht glauben zu wollen.

Keine Scheu vor Institutionen

Mag sein, dass viele Journalisten ihn nicht mögen, weil sie seine Scherze platt finden und sein Lächeln aufgesetzt, sie seine Großsprecherei nervt oder sie es für unverhältnismäßig halten, dass sich Pro Sieben für sechs Jahre mit einem Vertrag über offenbar 185 Millionen Euro an ihn gebunden hat. Aber man muss jemanden nicht mögen, um seine Leistung anzuerkennen. Stefan Raab scheint ein Gefühl für Formate zu haben und keine Angst vor Institutionen. Das sind schon mal zwei gute Voraussetzungen - wo die Institution des Fernsehduells doch die am stärksten formatierte Sendung im deutschen Fernsehen ist.

Fernsehduelle zwischen dem Kanzler und seinem Herausforderer gibt es seit dem Jahr 2002. Zuvor hatten die Amtsinhaber es immer abgelehnt, sich auf diese Weise befragen zu lassen, selbst wenn sie, wie Willy Brandt, das Duell noch gefordert hatten, als sie Herausforderer waren. Offenbar vertrug sich eine solche Sendung in ihren Augen nicht mit der Würde des Amtes. Oder, wie Kurt Georg Kiesinger es ausdrückte: „Es steht dem Kanzler der Bundesrepublik Deutschland nicht gut an, sich auf ein Stühlchen zu setzen und zu warten, bis ihm das Wort erteilt wird.“ Das war die Linie, bis sich erstmals Gerhard Schröder mit Edmund Stoiber ins Studio setzte, weil er offenbar den Mut, keiner Auseinandersetzung auszuweichen, über die Würde des Amtes stellte - oder das Risiko zu verlieren für überschaubar hielt.

Es gibt nur Themen, die abzuarbeiten sind

Wer einmal eines dieser Duelle gesehen hat, die seit 2009 in einem Fernsehstudio in Berlin-Adlershof stattfinden, erschrickt zuerst über die Formelhaftigkeit, in der sie ablaufen. Jeder große Sender, privat und öffentlich-rechtlich, stellt einen Moderator, der seine Fragen mit den anderen zuvor genauestens abgesprochen hat und auch die Antworten, die er von den Politikern darauf erwartet, so genau kennt, dass er immer gleich einschreitet, wenn sie etwas unvermutet Neues sagen. „So haben Sie doch einfach Interesse an meinem Argument“, bat Frank-Walter Steinmeier beim letzten Mal. Aber es gibt kein Interesse. Es gibt nur Themen, die abzuarbeiten, Abläufe, die einzuhalten und Redezeiten, die auszugleichen sind, damit keiner der beiden Politiker auch nur zehn Sekunden länger spricht als der andere.

Unterdessen wird das Duell nicht nur ins Land übertragen, sondern auch in eine angrenzende Halle, in welche die Parteien prominente Unterstützer entsandt haben, Sänger, Schauspieler, Sportler, die sich dabei abfilmen lassen, wie sie die Argumente ihrer Kandidaten beklatschen, während es Bier, Wein und Würstchen gibt, Reporter Zwischenberichte ins Internet schicken, Wahlkampfberater erklären, warum ihre Seite gerade gewinnt, und Ressortleiter mit vor der Brust verschränkten Armen aneinander die Argumente für ihre Leitartikel ausprobieren.

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