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Problemformat Nachrichtenticker : Live dabei, wenn nichts passiert

  • -Aktualisiert am

Quote mit Live-Meldungen: Auch dank der suchmaschinenoptimierten Ticker erreichte Focus Online im Januar 11,98 Millionen Nutzer - und damit erstmals mehr als Spiegel Online Bild: dpa

Der Liveticker ist zu einem allgegenwärtigen Online-Format geworden. Aber sein Einsatz will bedacht sein: Wie aus Nachrichtentickern Nicht-Nachrichtenticker werden.

          6 Min.

          Nach 81 Tagen nahm der „News-Ticker zu Michael Schumacher“ auf „Focus Online“ am Donnerstag eine überraschende Wendung. „Gerhard Berger geht es nach schwerem Skiunfall besser“, lautete mit einem Mal die Überschrift. Und die zugehörige Nachricht: Gerhard Berger, ein ehemaliger Formel-1-Fahrer (wie Michael Schumacher), sei beim Skifahren verunglückt (wie Michael Schumacher), habe sich aber bloß den Oberarm gebrochen (anders als Michael Schumacher).

          Ein Kommentator unter dem Artikel stellte die naheliegende Frage, ob „Focus Online“ mit solchen Meldungen den Michael-Schumacher-Newsticker „künstlich am Leben halten“ will. Andererseits: Wenn sich ein solcher Ticker fast drei Monate lang damit füllen lässt, dass es keine Neuigkeiten von Michael Schumacher gibt, ist es nicht so abwegig, ihn auch damit zu füllen, dass es Neuigkeiten nicht von Michael Schumacher gibt.

          Auch Nicht-Nachrichten sind Nachrichten

          Das Genre des „Newstickers“ im Online-Journalismus ist noch vergleichsweise jung, aber der Schumacher-Ticker von „Focus Online“ ist schon legendär. Man kann in ihm eine Ausdauerübung sehen, ein Experiment. Oder ein Mahnmal dafür, was aus einem Online-Journalismus wird, der ausschließlich davon getrieben ist, Klicks zu produzieren.

          Der Artikel ist inzwischen auf zweiundzwanzig Internetseiten verteilt und 330.000 Zeichen lang, das entspricht rund zehntausend Zeitungszeilen. Natürlich ließe sich deren Inhalt mit dem Satz zusammenfassen: Michael Schumacher ist beim Skifahren verunglückt und liegt im Koma. Aber irgendwas ist ja immer. Irgendjemand spekuliert, ob es Schumacher besser geht oder schlechter; irgendwer - im Zweifel „Bild“ - behauptet eine dramatische Neuigkeit, die sich im Nachhinein als höchstens halbwahr herausstellt; irgendwo passiert etwas, das irgendjemanden dazu bringt, irgendetwas über Michael Schumacher zu sagen. Und wenn jemand wie Damon Hill sich in einem Interview ausdrücklich nicht über die gegenwärtige Situation seines früheren Rivalen äußert, steht es hier auch.

          Hier wird jedes Gerücht mit Zeitstempel weitergetragen und, kurz darauf, jedes Dementi dieses Gerüchtes sowie, wann auch immer, jede Äußerung, dass es doof sei, Gerüchte zu verbreiten. Jedes Mal, wenn Schumachers Managerin Sabine Kehm sagt, dass sie zu Spekulationen keine Stellung nehmen werde und es keine Neuigkeiten gebe, wird es hier als Neuigkeit protokolliert.

          Suchmaschinen-Journalismus

          Nach Berechnungen des Branchendienstes „Meedia“ war der Schumacher-Ticker im Januar der mit großem Abstand meistaufgerufene Artikel auf deutschen Nachrichtenseiten. Er wurde viele Millionen Mal geklickt. „Focus Online“ hatte in jenem Monat mehr Seitenzugriffe denn je und erstmals mehr Leser als „Spiegel Online“. Insofern ist das Stück auch eine eindrucksvolle Demonstration, wie wenig Nachrichten es braucht, um eine vermeintliche Nachrichtenwebsite zum Erfolg zu tickern - auch wenn viele der Leser, die so kommen, auch schnell wieder weg sind.

          Es kommt vor, dass die acht meistgelesenen Artikel eines Tages auf „Focus Online“ Newsticker sind: über den Hoeneß-Prozess, über das Hoeneß-Urteil, über den verschollenen Flug der Malaysia Airlines, über die Krim-Krise, über Schumachers Unfall natürlich und über die letzte Folge der RTL-Kuppelshow „Der Bachelor“, deren Inhalt parallel zur Sendung mitgeschrieben und als „Protokoll“ nacherzählt wird („22:04 Uhr: Katja schwebt über den grünen Rasen Kapstadts, als sie Christian inmitten der Rosenblätter - äh, kitsch-kotz - erblickt“).

          Bei „Focus Online“ sind sie Meister darin, Inhalte so zu „optimieren“, dass sie bei Suchmaschinen besonders gut ankommen. Die Ticker bekommen immer neue Überschriften und Internetadressen, mit denen sie scheinbar frisch bei Google aufschlagen und regelmäßig ganz vorn auftauchen, wenn jemand nach „Schumacher“ oder „MH370“ sucht.

          Bloß nichts verpassen

          Aber das ist kein reines „Focus Online“-Phänomen. Die Tickerform ist von einem Mittel, das bei besonders dramatischen und unübersichtlichen Nachrichtenlagen eingesetzt wird, wenn sich die Ereignisse überstürzen, zu einem allgegenwärtigen und manchmal dominanten Online-Format geworden. Auch bei FAZ.NET wird sie eingesetzt.

          Drei Pluszeichen stehen meist vor und nach der Überschrift, ein Relikt aus der Zeit des Telegramms, als die auf größtmögliche Kürze komprimierten Satzfetzen so getrennt wurden. Im Online-Journalismus fungieren die „+++“ als Signale wie die Rufe eines Fahrgeschäftansagers auf dem Rummelplatz: „Seien Sie dabei, hier passiert etwas, einsteigen bitte, es wird eine wilde Fahrt, das dürfen Sie nicht verpassen!“

          Sie haben das Tempo im Online-Journalismus noch weiter beschleunigt und die Medien noch atemloser und schnappatmiger gemacht. Sie suggerieren uns fortwährend, dass da irgendwo etwas passiert, das so aufregend ist, dass es eigentlich unsere permanente Aufmerksamkeit verlangt: Kein ausgeruhtes Sich-Informieren im Nachhinein, bitte schön, sondern ein ununterbrochenes Dabeisein, auch wenn es eine wilde Achterbahnfahrt ist, bei der sich, wie im Fall des verschollenen Flugzeugs, jede Spur im nächsten Moment schon wieder als Illusion herausstellt, jede Erklärung als Täuschung, jeder Verdächtige als Unschuldiger und dann wieder als Verdächtiger.

          Kaleidoskop aus Kurzinformationen

          Man ist erschöpft danach und selten schlauer, aber man ist dabei gewesen, und die Frage, ob das ein tatsächliches Bedürfnis der Menschen ist, das die Medien bedienen, oder ob die Medien dieses Bedürfnis überhaupt erst gemacht und zu einer für sie vorteilhaften, weil vermarktbaren Sucht gemacht haben, ist müßig. Und die Frage, wie sinnstiftend diese Form von fortdauernder „Breaking News“-Berichterstattung ist, wurde schon gestellt, als CNN damit weltweit die Fernsehnachrichten revolutionierte. Dem Medium Internet scheint sie noch naturgemäßer zu sein.

          Newsticker ahmen den fortwährenden Strom von Nachrichten, Meldungen und diversen Reizen nach, die über soziale Medien auf uns einströmen. Bestenfalls tragen sie aus eigenen Quellen und allen Ecken des Netzes Informationen zusammen, wählen das Beachtenswerte oder Interessante aus und schaffen es, aus einem Kaleidoskop von Tweets unterschiedlichster Leute, Augenzeugenberichten, Korrespondenteneinschätzungen, Agentur- und Amateurfotos ein Bild von einer komplexen Situation zu malen, das paradoxerweise gleichzeitig unscharf und detailreich ist.

          Sortieren und gewichten kann der Leser

          Eine für kontinuierliche Updates maßgeschneiderte Software, „Scribble Live“, macht es einfach, Tweets und andere Inhalte einzubinden. Mit dem Programm können auch Reporter von außerhalb unkompliziert per Mobiltelefon neue Beobachtungen direkt auf die Seite senden.

          Aber wie das so ist: Eine Software, die es sehr leicht macht, einen Text zu aktualisieren, macht es auch sehr schwer, ihn nicht zu aktualisieren. Und so wohnt den Nachrichtentickern die Tendenz inne, zu Nicht-Nachrichtentickern zu werden. Während des Hoeneß-Prozesses konnte man so mitlesen, wie Journalisten warteten, wie sie sich fragten, warum das noch nicht weitergeht, wie sie spekulierten, wann es weitergeht. Dabei müsste man im Internet, anders als im linearen Fernsehen, die Zeit, in der nichts passiert, eigentlich gar nicht mit großem Nichts füllen.

          Es mischen sich: eine Fixierung auf Oberflächlichkeiten („Spiegel Online“: „Uli Hoeneß kommt genau um 09:30 Uhr in den Gerichtssaal, er trägt eine blaue Krawatte.“), ein permanenter Alarmismus und der Hang, auf der Grundlage von Nichtwissen, Halbwissen und Scheinwissen weitreichende Spekulationen anzustellen.

          Es ist in mancher Hinsicht eine unjournalistische journalistische Form: Sie sortiert und gewichtet nicht, sie sammelt nur und hält das, was sie findet, in chronologischer Reihenfolge fest.

          Ein Radio-Ersatz?

          „Aber man sollte nicht vergessen, dass es die Form des Livetickers schon sehr lange gibt“, sagt Stefan Plöchinger, der Chefredakteur von „Süddeutsche.de“. „Sie kann nichts dafür, wie sie heute genutzt oder abgenutzt wird. Sie hat sich als effizient erwiesen, Geschichten nicht ganz neu drehen zu müssen, sondern durch neue Informationen rasch ein Echtzeitgefühl zu erzeugen. Das kann bei manchen Themen klug sein, bei anderen dumm. Zurzeit wird sie leider so oft genutzt, dass sie dümmer gemacht wird, als sie ist.“

          Beim Hoeneß-Prozess habe man sich früh gegen einen Ticker entschieden, „weil wir den Eventcharakter des Themas nicht noch durch Minutenstakkato befeuern wollten.“ Stattdessen versuche die Redaktion häufiger, in zusammenfassenden, ständig aktualisierten Stücken zu berichten, die sie „Newsblog“ nennt: Es werden immer neue Aspekte in der Geschichte ergänzt, Hintergründe und Reaktionen eingefügt, Titel und Vorspann aktualisiert - „eine Art lebende Geschichte“, wie Plöchinger es nennt.

          Auch bei „Spiegel Online“ heißt es, man setze Nachrichtenticker heute bewusster ein als früher. „Es fasziniert viele Leser bis heute, in Echtzeit bei einem Ereignis dabei sein zu können“, sagt der stellvertretende Chefredakteur Florian Harms. „Für viele sind wir ein klassisches Büro-Medium, das sie dann nutzen wie sonst Radio oder Fernsehen.“ Aber die Katastrophe von Fukushima sei ein „Schlüsselerlebnis“ gewesen, weil sich viele Leser beschwerten, die neben der Livetickerei die Einordnung des Geschehens vermissten. Heute würden Liveticker meistens nur in Kombination mit weiteren Elementen auf die Seite genommen: Zusammenfassungen, sogenannten „Round-ups“, und analysierenden Stücken.

          Vom Ticker zur Morningshow

          Der Hoeneß-Liveticker sei am Tag der Urteilsverkündung zweieinhalb Millionen Mal aufgerufen worden - aber als Geldmaschinen taugten solche Formen dann doch nicht so gut, sagt Harms, weil sie sich zumindest bislang nicht entsprechend vermarkten lassen und sich der Inhalt der Seite von alleine aktualisiert, ohne neue Werbung anzuzeigen.

          Und ein gut gemachter Ticker brauche eigentlich mindestens drei Autoren: einen, der die Agenturen verfolgt, einen, der die sozialen Medien im Auge behält, und einen, der sich um Fotos oder die Aufbereitung von Daten kümmert. Die Inhalte hier dürften durchaus „eine andere Qualität haben und ein Abbild der Echtzeit sein: Es ist gar nicht schlimm, wenn manches nur Momentaufnahmen sind.“ Allerdings räumt Harms ein: „Wir lernen da auch noch und müssen uns manchmal selber drosseln, um einen kühlen Kopf zu bewahren.“

          Aus dem hibbeligen Erfolgsgenre hat „Spiegel Online“ noch ein neues Format entwickelt: Seit Anfang des Jahres kann man sich in der Früh von einem Angebot namens „DerMorgen @ Spiegel Online“ in den Tag livetickern lassen. Wechselnde Redakteure versorgen die Berufspendler auf ihren Mobiltelefonen und Leute, die neben dem Frühstück ihr Tablet liegen haben, mit einer Art getickerter Radio-Morningshow: im Plauderton, mit Links zu eigenen und fremden Geschichten, einem Nachrichtenüberblick, einer Presseschau und Fundstücken aus dem Netz. Hundertdreißigtausendmal werde das an guten Tagen geklickt, sagt Florian Harms, vor allem aber: „Wir haben noch nie so viel positives Feedback auf ein Format bekommen.“

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