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Problemformat Nachrichtenticker : Live dabei, wenn nichts passiert

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Es ist in mancher Hinsicht eine unjournalistische journalistische Form: Sie sortiert und gewichtet nicht, sie sammelt nur und hält das, was sie findet, in chronologischer Reihenfolge fest.

Ein Radio-Ersatz?

„Aber man sollte nicht vergessen, dass es die Form des Livetickers schon sehr lange gibt“, sagt Stefan Plöchinger, der Chefredakteur von „Süddeutsche.de“. „Sie kann nichts dafür, wie sie heute genutzt oder abgenutzt wird. Sie hat sich als effizient erwiesen, Geschichten nicht ganz neu drehen zu müssen, sondern durch neue Informationen rasch ein Echtzeitgefühl zu erzeugen. Das kann bei manchen Themen klug sein, bei anderen dumm. Zurzeit wird sie leider so oft genutzt, dass sie dümmer gemacht wird, als sie ist.“

Beim Hoeneß-Prozess habe man sich früh gegen einen Ticker entschieden, „weil wir den Eventcharakter des Themas nicht noch durch Minutenstakkato befeuern wollten.“ Stattdessen versuche die Redaktion häufiger, in zusammenfassenden, ständig aktualisierten Stücken zu berichten, die sie „Newsblog“ nennt: Es werden immer neue Aspekte in der Geschichte ergänzt, Hintergründe und Reaktionen eingefügt, Titel und Vorspann aktualisiert - „eine Art lebende Geschichte“, wie Plöchinger es nennt.

Auch bei „Spiegel Online“ heißt es, man setze Nachrichtenticker heute bewusster ein als früher. „Es fasziniert viele Leser bis heute, in Echtzeit bei einem Ereignis dabei sein zu können“, sagt der stellvertretende Chefredakteur Florian Harms. „Für viele sind wir ein klassisches Büro-Medium, das sie dann nutzen wie sonst Radio oder Fernsehen.“ Aber die Katastrophe von Fukushima sei ein „Schlüsselerlebnis“ gewesen, weil sich viele Leser beschwerten, die neben der Livetickerei die Einordnung des Geschehens vermissten. Heute würden Liveticker meistens nur in Kombination mit weiteren Elementen auf die Seite genommen: Zusammenfassungen, sogenannten „Round-ups“, und analysierenden Stücken.

Vom Ticker zur Morningshow

Der Hoeneß-Liveticker sei am Tag der Urteilsverkündung zweieinhalb Millionen Mal aufgerufen worden - aber als Geldmaschinen taugten solche Formen dann doch nicht so gut, sagt Harms, weil sie sich zumindest bislang nicht entsprechend vermarkten lassen und sich der Inhalt der Seite von alleine aktualisiert, ohne neue Werbung anzuzeigen.

Und ein gut gemachter Ticker brauche eigentlich mindestens drei Autoren: einen, der die Agenturen verfolgt, einen, der die sozialen Medien im Auge behält, und einen, der sich um Fotos oder die Aufbereitung von Daten kümmert. Die Inhalte hier dürften durchaus „eine andere Qualität haben und ein Abbild der Echtzeit sein: Es ist gar nicht schlimm, wenn manches nur Momentaufnahmen sind.“ Allerdings räumt Harms ein: „Wir lernen da auch noch und müssen uns manchmal selber drosseln, um einen kühlen Kopf zu bewahren.“

Aus dem hibbeligen Erfolgsgenre hat „Spiegel Online“ noch ein neues Format entwickelt: Seit Anfang des Jahres kann man sich in der Früh von einem Angebot namens „DerMorgen @ Spiegel Online“ in den Tag livetickern lassen. Wechselnde Redakteure versorgen die Berufspendler auf ihren Mobiltelefonen und Leute, die neben dem Frühstück ihr Tablet liegen haben, mit einer Art getickerter Radio-Morningshow: im Plauderton, mit Links zu eigenen und fremden Geschichten, einem Nachrichtenüberblick, einer Presseschau und Fundstücken aus dem Netz. Hundertdreißigtausendmal werde das an guten Tagen geklickt, sagt Florian Harms, vor allem aber: „Wir haben noch nie so viel positives Feedback auf ein Format bekommen.“

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