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Problemformat Nachrichtenticker : Live dabei, wenn nichts passiert

  • -Aktualisiert am

Bloß nichts verpassen

Aber das ist kein reines „Focus Online“-Phänomen. Die Tickerform ist von einem Mittel, das bei besonders dramatischen und unübersichtlichen Nachrichtenlagen eingesetzt wird, wenn sich die Ereignisse überstürzen, zu einem allgegenwärtigen und manchmal dominanten Online-Format geworden. Auch bei FAZ.NET wird sie eingesetzt.

Drei Pluszeichen stehen meist vor und nach der Überschrift, ein Relikt aus der Zeit des Telegramms, als die auf größtmögliche Kürze komprimierten Satzfetzen so getrennt wurden. Im Online-Journalismus fungieren die „+++“ als Signale wie die Rufe eines Fahrgeschäftansagers auf dem Rummelplatz: „Seien Sie dabei, hier passiert etwas, einsteigen bitte, es wird eine wilde Fahrt, das dürfen Sie nicht verpassen!“

Sie haben das Tempo im Online-Journalismus noch weiter beschleunigt und die Medien noch atemloser und schnappatmiger gemacht. Sie suggerieren uns fortwährend, dass da irgendwo etwas passiert, das so aufregend ist, dass es eigentlich unsere permanente Aufmerksamkeit verlangt: Kein ausgeruhtes Sich-Informieren im Nachhinein, bitte schön, sondern ein ununterbrochenes Dabeisein, auch wenn es eine wilde Achterbahnfahrt ist, bei der sich, wie im Fall des verschollenen Flugzeugs, jede Spur im nächsten Moment schon wieder als Illusion herausstellt, jede Erklärung als Täuschung, jeder Verdächtige als Unschuldiger und dann wieder als Verdächtiger.

Kaleidoskop aus Kurzinformationen

Man ist erschöpft danach und selten schlauer, aber man ist dabei gewesen, und die Frage, ob das ein tatsächliches Bedürfnis der Menschen ist, das die Medien bedienen, oder ob die Medien dieses Bedürfnis überhaupt erst gemacht und zu einer für sie vorteilhaften, weil vermarktbaren Sucht gemacht haben, ist müßig. Und die Frage, wie sinnstiftend diese Form von fortdauernder „Breaking News“-Berichterstattung ist, wurde schon gestellt, als CNN damit weltweit die Fernsehnachrichten revolutionierte. Dem Medium Internet scheint sie noch naturgemäßer zu sein.

Newsticker ahmen den fortwährenden Strom von Nachrichten, Meldungen und diversen Reizen nach, die über soziale Medien auf uns einströmen. Bestenfalls tragen sie aus eigenen Quellen und allen Ecken des Netzes Informationen zusammen, wählen das Beachtenswerte oder Interessante aus und schaffen es, aus einem Kaleidoskop von Tweets unterschiedlichster Leute, Augenzeugenberichten, Korrespondenteneinschätzungen, Agentur- und Amateurfotos ein Bild von einer komplexen Situation zu malen, das paradoxerweise gleichzeitig unscharf und detailreich ist.

Sortieren und gewichten kann der Leser

Eine für kontinuierliche Updates maßgeschneiderte Software, „Scribble Live“, macht es einfach, Tweets und andere Inhalte einzubinden. Mit dem Programm können auch Reporter von außerhalb unkompliziert per Mobiltelefon neue Beobachtungen direkt auf die Seite senden.

Aber wie das so ist: Eine Software, die es sehr leicht macht, einen Text zu aktualisieren, macht es auch sehr schwer, ihn nicht zu aktualisieren. Und so wohnt den Nachrichtentickern die Tendenz inne, zu Nicht-Nachrichtentickern zu werden. Während des Hoeneß-Prozesses konnte man so mitlesen, wie Journalisten warteten, wie sie sich fragten, warum das noch nicht weitergeht, wie sie spekulierten, wann es weitergeht. Dabei müsste man im Internet, anders als im linearen Fernsehen, die Zeit, in der nichts passiert, eigentlich gar nicht mit großem Nichts füllen.

Es mischen sich: eine Fixierung auf Oberflächlichkeiten („Spiegel Online“: „Uli Hoeneß kommt genau um 09:30 Uhr in den Gerichtssaal, er trägt eine blaue Krawatte.“), ein permanenter Alarmismus und der Hang, auf der Grundlage von Nichtwissen, Halbwissen und Scheinwissen weitreichende Spekulationen anzustellen.

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