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Start von politico.eu : Die Nierensteine waren nicht autorisiert

Jean-Claude Juncker plauderte mit den Interviewern offenbar auch über seine Gesundheit – doch das war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Bild: Reuters

Politik und Privatsachen: Das Onlineportal „Politico Europe“ startet mit einem Interview mit Jean-Claude Juncker und thematisiert bei der Gelegenheit dessen Gesundheitszustand. Im Umfeld des Kommissionspräsidenten ist man wenig erbaut.

          Richtig knallig ging es am Dienstag nicht los: Die zentrale Geschichte am Starttag des Onlineportals „Politico Europe“ war ein Interview mit dem Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker. Der ließ wissen, dass ein griechischer Staatsbankrott nicht eintreten dürfe und werde. Das hat man in Brüssel schon oft genug gehört. Aber an Juncker führt halt kein Weg vorbei. Offensichtlich wollte das Politico-Europe-Team unterstreichen, dass die europäische Tochter genauso seriös sein will wie die amerikanische Mutter „Politico“, die seit 2007 den Markt politischer Nachrichten in Washington verändert hat. Ein Juncker-Interview als Start ist freilich auch ein Indiz, dass auch der amerikanische Einsteiger das journalistische Rad in Brüssel nicht neu erfinden kann.

          Werner Mussler

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Oder doch? Die von „Politico“-Chefredakteur John Harris formulierte Erfolgsformel für das europäische Produkt ist simpel: Er will Brüssel so aufmischen, wie er einst Washington aufgemischt habe. Auch über ein ernstes und trockenes Thema lasse sich spannend und unterhaltsam schreiben, sagt er. Das habe in Amerika funktioniert, deshalb werde es auch in Europa funktionieren. Vor allem müsse es in den Geschichten „menscheln“. Wie sich die „Politico“-Redaktion das vorstellt, zeigt sich in der Verarbeitung des Juncker-Gesprächs.

          Im Notfall ein Tabubruch

          In einem Extra-Artikel werden da die Nierensteine des Kommissionspräsidenten thematisiert. Diese gesundheitliche Belastung ist in Brüssel zwar schon lange bekannt, gelten aber eher nicht als etwas, worüber zu schreiben wäre. Der Luxemburger wird mit den Worten zitiert, er springe vor Schmerzen zurzeit fast unter die Decke, nehme starke Medikamente, sei in sehr schlechter gesundheitlicher Verfassung, „nicht strukturell und systematisch, aber aktuell“. Natürlich setzt „Politico Europe“ Junckers Klagen ins Verhältnis zu den Krisen in Griechenland, der Ukraine und auf dem Mittelmeer - und fragt implizit, ob ein so kranker Kommissionschef seiner Aufgabe gewachsen sei.

          Fraglos sollen solche Geschichten den journalistischen Stil in Brüssel verändern - im Notfall durch Tabubruch. Ob sich diese Art von „Human Touch“ auf Dauer durchhalten lässt, ist ebenso offen wie die Frage, wen das interessiert. Die Nierenstein-Geschichte war nicht mit Juncker abgesprochen, und in dessen Umgebung ist man wenig erbaut, dass die nicht für die Öffentlichkeit bestimmten Plaudereien des Kommissionschefs in einem eigenen Artikel aufgearbeitet wurden. Für die „Politico“-Macher ist das natürlich irrelevant. Sie werden den Brüsseler Politikern auch künftig einiges zumuten, was sich andere Journalisten vielleicht weniger leisten können oder wollen.

          Die Mitglieder der EU-Kommission und die Europaparlamentarier sehnen sich seit langem nach einem Medium wie „Politico Europe“. Sie beklagen, dass die traditionellen Medien nach den Bedürfnissen ihres jeweiligen Heimatlandes berichten, dass sie im Vergleich zur nationalen Politprominenz medial wenig präsent seien und dass keine europäische Öffentlichkeit existiere. Mancher Brüsseler Politiker meint, diese Öffentlichkeit lasse sich gewissermaßen herbeiinszenieren, wenn die Medien das nur wollten. Und „Politico Europe“ - eine gemeinsame Tochter des amerikanischen „Politico“ und des Springer-Konzerns - muss es wollen. Das europäische Produkt soll so erfolgreich werden wie das amerikanische. Das setzt voraus, dass sich das neue Medium an alle politischen Entscheidungsträger in Europa gleichermaßen wendet.

          Vorwiegend amerikanische Redakteure

          Viele Brüsseler Beobachter glauben freilich, dass dieser politische Kreis nicht so einig ist: Während sich das Geschehen in Amerika auf Washington konzentriert, findet es in Europa in vielen unterschiedlichen Institutionen, in verschiedenen Staaten und Hauptstädten und nicht zuletzt in unterschiedlichen Sprachen statt. Diese europäische Skepsis findet ihren Niederschlag darin, dass die Startredaktion bis auf die Redakteure der von „Politico“ übernommenen Wochenzeitung „European Voice“ überwiegend aus Amerikanern besteht. Etliche eingesessene EU-Korrespondenten wurden gefragt, kaum einer wollte beim neuen Portal anheuern.

          Wie in Amerika fährt „Politico“ auch in Europa mehrgleisig. Der Hauptkanal ist das Internet, geplant ist aber auch eine gedruckte Wochenzeitung mit 30.000 Exemplaren. Das Onlineportal bietet neben den allgemein zugänglichen Geschichten hinter einer Bezahlschranke mehr oder weniger exklusive Informationen zu Spezialthemen für Brüsseler Insider. Der dazwischengeschaltete, täglich veröffentlichte Newsletter ist eine für die in der EU-Blase arbeitenden Lobbyisten, Politiker, Beamten und Journalisten hilfreiche Übersicht, die gelegentlich - wie am Dienstag - die eine oder andere Exklusivnachricht enthält. Mehr als das ist er freilich nicht.

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