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„Starbucks“-Doku auf Arte : Trink unseren Kaffee, du hast es geschafft!

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Wo sollen die armen Großstadtmenschen denn hin zwischen Arbeit und Zuhause? fragt Starbucks, und gibt ihnen uneigennützig eine Heimat. Bild: © Premières Lignes

Teure Plörre, radikale Expansion, Schwindel beim Fairtrade: Die Dokumentation „Starbucks ungefiltert“ zeigt, was der amerikanische Heißgetränkkonzern wirklich aufbrüht.

          Zwei Afroamerikaner betreten in Philadelphia eine Filiale der Kaffeehauskette Starbucks. Einer der beiden möchte die Toilette benutzen, was ihm, weil er nichts bestellt hat, verwehrt wird. Dann bittet das Personal die Männer, das Café wieder zu verlassen. Weil sie bleiben, ruft der Filialleiter die Polizei. Als die Beamten erscheinen, sitzen die Männer ruhig an einem Tisch. Trotzdem werden sie in Handschellen abgeführt. So geschehen im April, so festgehalten auf dem Handyvideo eines Gastes. Starbucks reagierte prompt. Ende Mai hat der Konzern seine achttausend amerikanischen Niederlassungen für einen Nachmittag geschlossen, um der Belegschaft ein Anti-Rassismus-Training zu spendieren. Der durch die Aktion vermittelte Eindruck: Politik geht auf in netten Gesten, grandiosen Aktionen und symbolischen Handlungen.

          Über das Potential des Symbolischen, daran lassen Luc Hermann und Gilles Bovon in ihrer Dokumentation „Starbucks ungefiltert“ keinen Zweifel, weiß das Unternehmen aus Seattle Bescheid. Es hat simplen Kaffee in „einen wahren Zaubertrank“ verwandelt. Die Botschaft an den Kunden lautet: „Sie haben es geschafft, Sie sind erfolgreich und können es sich leisten.“ Entscheidend ist mithin nicht das Getränk, sondern die von ihm ausgehende Strahlkraft. Kaffee ist neben Erdöl der global wichtigste Exportrohstoff, sein Konsum ist dicht verwoben mit sozialen Praktiken und Identitätsstiftung, er ist ein kulturelles Zeichen und Statusprodukt. Wer guten Kaffee trinkt, markiert feine Unterschiede, wer mittelmäßigen Starbucks-Kaffee trinkt, tut dies erst recht.

          Kaffeegenuss als Eskapismus

          Das allerdings ist unvereinbar mit dem Anspruch des Konzerns, ein Vorreiter des barrierefreien Miteinanders zu sein. Howard Schultz, bis Ende 2017 Aufsichtsratsvorsitzender von Starbucks, drückt sein Ideal mit der ihm eigenen Bescheidenheit so aus: „Gäbe es Starbucks nicht, hätten viele Menschen vielleicht keinen Ort, an den sie gehen könnten.“ Ad de Hond, Design-Direktor des Konzerns in Europa, ergeht sich ebenfalls in Werbekuschelpoesie und betrachtet jedes Geschäft der Kette als „dritten Ort“, der sich „zwischen dem Zuhause und dem Arbeitsplatz“ befindet, dort, wo man „willkommen ist und sich geborgen und sicher fühlt“. Kaffeegenuss als Eskapismus. Der Soziologe Ray Oldenburg, der das Konzept des dritten Ortes entwickelt hat, geht indes davon aus, dass alle Menschen, gleich welcher Herkunft, Hautfarbe oder sozialen Klasse, diesen besonderen Raum betreten. Nur wird man bei Starbucks kaum Menschen mit geringem Einkommen antreffen, denn der Kaffee ist zwar Standardbrühe, sein Preis aber der von Premiumware.

          Was viel kostet, muss von Kennern und Könnern hergestellt worden sein, und so bezeichnet man die Verkäufer intern als Baristas. Die über den Sound solcher Vokabeln transportierte Eleganz kollabiert gleichwohl am Faktencheck. Tatsächlich arbeiten bei Starbucks schwer beschäftigte Knöpfchendrücker, die Getränke servieren, Stammkunden mit deren Vornamen begrüßen, fegen, wischen und die Toiletten putzen. Ein Angestellter bringt den Arbeitstag so auf den Punkt: „Man muss jonglieren können, sonst geht man unter.“ Der von Schultz beworbene „beste Kaffee der Welt“ wird dabei nicht herauskommen, wohl aber der am häufigsten bestellte. 2003 besaß Starbucks siebentausend Cafés, 2013 waren es zwanzigtausend, in diesem Jahr sind es 28.000. Allein in New York finden sich dreihundert, in China dreitausend Niederlassungen. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Unternehmen einen Gewinn von zwei Milliarden Dollar. Dass Starbucks Anfang der siebziger Jahre von drei Studienfreunden aus dem Geiste der konsumkritischen Gegenkultur gegründet wurde, ist eine hübsche Pointe.

          Allerdings wollen die Filmemacher nicht nur meckern. Starbucks unterstützt die Homo-Ehe, beschäftigt Menschen mit Behinderung, bietet seinen amerikanischen Angestellten eine Krankenversicherung und die Finanzierung eines Online-Fernstudiums an. Großartig. Dann aber wieder: Steuerskandal in Europa, Etikettenschwindel beim vermeintlich fairen Handel, unterbesetzte Dependancen, zuckergeschwängerte Getränke, jährlich eine Million gefällte Bäume für die nicht recyclebaren Becher. Das ist beklagenswert, und zwar so sehr, dass der Sprecher laufend suggestive Erklärbärdiagnosen aus dem Off beisteuert: „Die Marke mit dem ehemals elitären Anspruch hat alles plattgewalzt.“ Dabei wird jeder, der sich den Film anschaut, dank der vielen Interviews und Gesprächsmitschnitte auch ohne Nachhilfe begreifen, wie Starbucks funktioniert. Hinzu kommt die fortwährend eingespielte Klimpermusik, die den in eiliger Taktung geschnittenen Bildern die Anmutung eines Trailers verleiht. So wird die überladene, allzu verspielte und enervierende Form des Films seinem aufschlussreichen Inhalt nicht gerecht.

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