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„Spuren des Bösen: Zauberberg“ im ZDF : Sigmund Freud hat einen neuen Statthalter in Wien

Gitter hindern ihn nicht: Richard Brock (Heino Ferch) blickt ins Innerste der seelischen Bramen Bild: Petro Domenigg

Exzellenzfernsehen vom Feinsten: In „Zauberberg“ geht der von Heino Ferch gespielte Wiener Kriminalpsychologe Richard Brock am Semmering den „Spuren des Bösen“ nach: Die kleine Aline Staller ist entführt worden.

          Ganz versonnen sitzt die kleine Aline Staller (Milica Bogojevic) auf der Schaukel und kämmt ihrer Puppe das Haar. Es dunkelt schon. Zunächst noch halb verdeckt durch Bäume, Blätter und Gesträuch, nähert sich die Kamera langsam, fast scheu. Das Mädchen dreht sich ihr zu und schaut uns an. Im bläulich-fahlen Abendlicht wirkt das Gesicht verschattet, Alines Blick ist zwar frei von Angst, aber auf eine sofort beklemmende Weise suchend und fragend zugleich, dabei merkwürdig ausdruckslos, beinahe leer.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Mit diesem Gesicht, mit diesem Blick beginnt „Zauberberg“, die inzwischen dritte Folge von „Spuren des Bösen“, einer ursprünglich gar nicht als Serie geplanten, aufgrund des Erfolgs bei Publikum und Kritik nun aber bestens etablierten ZDF- und ORF-Reihe um den von Heino Ferch gespielten Wiener Kriminalpsychologen Richard Brock. Gleich wird Aline ins Haus geholt, wir sehen sie beim Zähneputzen und Zubettgehen.

          Als die Mutter (Marie-Lou Sellem) ins Erdgeschoss der alten Villa geht, um das Kuscheltier zu suchen, schließt sie auch die große Terrassentür, die irritierenderweise offen steht. Kurz darauf ist Aline verschwunden, wie eine Furie rennt Karin Staller ins Freie, ruft ihr Kind, schreit nach ihm, verzweifelt, vergebens.

          Bis an die Grenze des Menschenmöglichen: Marie-Lou Sellem ist Karin Staller, die Mutter der kleinen Aline, die soeben entführt wurde

          Die Eingangsszene, so sparsam wie intensiv instrumentiert, hat Stephen-King-Format. Was folgt, ist Exzellenzfernsehen vom Feinsten: welch eine ungemein dichte Atmosphäre, welch eine psychologische Prägnanz, welch ein formidables Ensemble, welch eine Kunstfertigkeit der Dialoge und Bildsequenzen. Lediglich mit Thomas Mann hat der Film rein gar nichts zu tun.

          „Zauberberg“, so heißt hier kein nobles Schweizer Sanatorium, sondern eine schäbige Pension am Semmering, jenem Alpenkamm in der Steiermark, der vor und nach dem Ersten Weltkrieg die Sommerfrische des mondänen Wien war und heute eine Wintersportattraktion ist, nicht zuletzt für das neue, auch neureiche Bürgertum aus Osteuropa.

          Vom Zauber der Berge schwärmt am Semmering zwar weiterhin die Tourismuswerbung, im genresprengenden Fernsehspiel des österreichischen Regisseurs Andreas Prochaska - sein „Zauberberg“ ist Krimi, Thriller, Kammerspiel und Psychodrama - aber geht es zuallererst um entzauberte, also gequälte Seelen. Von Erlösung träumt hier niemand. Wenn Last und Leiden erträglich bleiben, ist es schon Segen genug.

          Der Film entfaltet eine innere Leuchtkraft

          Schäbig wirkt nicht nur die Pension, in der sich Richard Brock einmietet, um an der Suche nach der entführten Aline teilzunehmen. Schäbig sind auch der Verhörraum des Semmeringer Polizeipostens, der Bauernhof des Hauptverdächtigen oder der Tante-Emma-Laden abseits der Hauptstraße. Eine entscheidende Qualität des Films aber ist, dass er trotz all des Trostlosen, von dem er handelt, zunehmend an Glanz gewinnt, gleichsam innere Leuchtkraft entfaltet.

          Immer wieder etwa zeigt David Slamas famose Kamera die gigantische Autobahnbrücke über dem Alpental, ein Monstrum der Mobilität, zugleich ein auratisches Symbol für das Ungeheuerliche, das auf allen lastet, auf den ermittelnden Polizisten nicht minder als auf den möglichen Zeugen, den Bewohnern des Dorfs und naturgemäß auf Karin Staller, die im Brotberuf als Klinikärztin arbeitet.

          Schauspielerische Offenbarung: Cornelius Obonya spielt den psychisch labilen Eigenbrötler Max Rieger

          Eine schauspielerische Offenbarung ist der hierzulande trotz mancher Nebenrolle im Fernsehen (noch) eher wenig bekannte Cornelius Obonya, Ensemblemitglied im Wiener Burgtheater. Er ist der psychisch labile Eigenbrötler Max Rieger, vorbestraft wegen eines inzwischen mehr als ein Jahrzehnt zurückliegenden Kindesmissbrauchs und deshalb ehemals auch Brocks psychiatrischer Patient.

          Die Gesichtslandschaft während der aktuellen Verhöre, die mühsam gebändigte Artikulation und die nur unter großer innerer Qual aufrechtzuhaltende Körperkontrolle: es ist schlicht phänomenal, wie Obonya Rieger spielt. Nicht von ungefähr erinnert er an den großen Gert Fröbe, den Mädchenmörder aus der Dürrenmatt-Verfilmung „Es geschah am helllichten Tag“ von 1958.

          Ulrike Beimpold als Riegers einstiger Betreuerin und Thomas Stipsits als Dorfpolizist Wildner gelingen herausragende Nebenrollen, Marie-Lou Sellems Karin Staller verausgabt sich bis an die Grenze des Menschenmöglichen: Temporäre Beherrschtheit und vernunftklare Einsicht in die Situation wechseln mit absoluter Panik und Hysterie.

          Und dann eben Heino Ferch, aufs Neue mit Dreitagebart und dem ewig halblangen, ewig gräulichen Übergangsmantel: Sein Richard Brock ist bereits der Aktualklassiker der Seelenkunde, lakonisch und knapp in den Fragen, die er stellt, brillant in den Kürzestanalysen und Kommentaren, mit denen er Kollegen wie Klienten aus Gefühls- und Denkblockaden lockt - dabei von immenser, stets unterkühlter, also authentischer Empathie. Obwohl ein „Piefke“, ist Richard Brock Sigmund Freuds höchst gegenwärtiger Statthalter in Wien, der Welthauptstadt aller Psychoanalyse.

          Dass er dies sein kann, liegt nicht zuletzt an Martin Ambrosch, dessen Drehbuchsätze fachlich fundiertes Psychologen-Vokabular mit kolloquialer Normalität, also auch mit Wiener Schmäh, aufs beste vereinen. Seine Erfindungen sind überdies Brocks geniale Haushälterin Anni (Gerda Drabek), die aus Nestroys Volkstheater-Universum stammen könnte, und der unerschütterliche Wirt des „Kaffee Urania“ (Gerhard Liebmann), Brocks eigentliches Zuhause im dritten Wiener Bezirk.

          Andreas Prochaska hat für „Das Wunder von Kärnten“ im vergangenen November einen Emmy erhalten, Amerikas begehrtesten Fernsehpreis. Auch „Spuren des Bösen“ hätte längst eine Auszeichnung verdient. „Zauberberg“ wäre dafür ein trefflicher Anlass.

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