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„Spuren des Bösen“ im ZDF : Dieser Mann bleibt ein Geheimnis

Klaus Tauber (Gerhard Liebmann, l.) und Richard Brock (Heino Ferch). Bild: ZDF und Petro Domenigg FILMSTILL

Ist Fall neun des von Heino Ferch gespielten Polizeipsychologen Richard Brock der letzte? In „Spuren des Bösen – Schuld“ wird eine große Verschwörung aufgelöst. Doch das kostet Opfer.

          3 Min.

          Richard Brock ist wirklich nicht zu helfen. Weil er sich nicht helfen lässt. Er will seine Rache. Er muss tun, was ein Mann tun muss, der meint, er könne niemandem trauen und dürfe sich niemandem anvertrauen. Er ist einem Komplott in der Polizei auf der Spur, sammelt Beweise und will einen Kommissar überführen, der schon zahlreiche Morde auf dem Gewissen hat.

          Michael Hanfeld
          (miha.), Feuilleton

          Wobei im Fall des Polizisten Gerhard Mesek von einem Gewissen nicht die Rede sein kann, wie der Psychiater und Verhörspezialist Brock meint: „Ein Psychopath, wie er im Buche steht.“ Wie gefährlich es ist, so jemanden in die Enge zu treiben, ahnt er wohl. Was daraus für seine Familie und ihn erwächst, schätzt Brock allerdings falsch ein – mit tödlichen Konsequenzen.

          In der Episode „Schuld“ bittet die Kriminalserie „Spur des Bösen“ heute im ZDF zum Showdown. Ursprünglich als Einzelfilm konzipiert, haben der Drehbuchautor Martin Ambrosch und der Regisseur Andreas Prochaska die Geschichte des Polizeipsychologen Richard Brock in nun neun Folgen ausgebreitet.

          Mit der neunten Episode im zehnten Jahr, die das Krimi-Epos überspannt, kehren sie zu den Ursprüngen zurück, zum ersten Fall des Richard Brock, bei dem es schon um eine große Verschwörung ging, die nicht wirklich aufgedeckt wurde, weil die Polizei, insbesondere besagter Kommissar Mesek, Vorgesetzter von Brocks Tochter Petra (Sabrina Reiter), nicht Freund und Helfer, sondern Feind und Fallensteller ist.

          Das wissen die Zuschauer, die „Spuren des Bösen“ in der Vergangenheit verfolgt haben, nur zu gut. Spätestens seit in der vorletzten Folge „Wut“ ein Polizist Brock mit Absicht in den Rücken schoss und Kommissar Mesek den als Mörder gesuchten Kollegen erschoss, der verhinderte, dass der Psychiater ein weiteres Mal getroffen wurde, bestand kein Zweifel mehr daran, dass der Eigenbrötler Brock sich hier nicht irgendetwas einbildet.

          Er war und ist einer großen Sache auf der Spur. Nach der Schussverletzung, die ihn zwischenzeitlich in den Rollstuhl zwang, ist er nur äußerlich halbwegs genesen. Das bekommt insbesondere seine Freundin Brigitte Klein (Katrin Bauerfeind) zu spüren.

          Er weiht sie nicht in seine Pläne ein. Sie verrät ihm nicht, warum sie abends so lange zu ihrer früheren Lebenspartnerin Eva Rieper (Ulli Maier) verschwindet. Wie der Hase jeweils läuft, wissen indes die Haushälterin Anni (Gerda Drabek) und der Taxifahrer Klaus Tauber (Gerhard Liebmann), der früher Brocks eigentliches Habitat, das Kaffee Urania, führte. Auf diese drei, insbesondere den treuen Klaus Tauber, wird Brock, der Mann, der allen anderen helfen will, aber sich selbst nicht helfen lässt, noch in existentieller Weise angewiesen sein.

          Es zählt zu den Eigenheiten dieses in der österreichischen Hauptstadt spielenden Krimis, dass Heino Ferch in der Rolle des Psychologen Brock, des „Piefke“, als Einziger ohne jeden Anklang ans Wienerische spricht. Schon das markiert sein Außenseitertum, das ihm freilich auch ermöglicht, die Verhältnisse zu entwirren, in denen alle anderen stecken.

          „Geheimnisse“, doziert er als Dozent an der Universität, habe jeder Mensch, ohne sie sei gesellschaftliches Zusammenleben gar nicht möglich. Geheimnisse schüfen für jeden „eine zweite Welt“, von der in der ersten niemand wissen soll. Weil wir dann vor den anderen unter Umständen nicht so gut dastehen, wie wir es uns wünschen. Nur falle es uns „extrem schwer, Geheimnisse zu bewahren“. Irgendwann komme alles ans Licht, tanze „jeder ums Feuer“ und fahre aus der Haut – wie Rumpelstilzchen.

          Das gilt selbst für ihn, den Heino Ferch als tendenziell depressiven Charakter anlegt, der Psychopathen im Verhör zerlegt, es aber zugleich vermag, diejenigen, die es am besten mit ihm meinen, gnadenlos vor den Kopf zu stoßen. Dabei sehen wir ihm zumeist im Halbdunkel zu. Die Bilder des im vergangenen Oktober verstorbenen Kameramanns David Slama (gedreht wurde der Film 2019) entwickeln sich fast in Zeitlupe, in Unschärfen, dann mit engem Blick auf die Gesichter der Figuren. Mit Schauspielern wie dem hier versammelten Ensemble entsteht so ein Drama, für dessen Inszenierung es keiner weiteren Mittel bedarf. Die Lebenslügen aller Beteiligten zeichnen sich ab, das Bewusstsein dafür, was sie anderen damit antun und dass sie dem nicht entkommen. Dass niemand entkommt, nicht einmal ein Psychopath, für den sich Verbrechen doch augenscheinlich lohnt.

          Richard Brock indes bleibt ein Geheimnis. An einigen psychologischen Knackpunkten vor dem Showdown, an einigen Verhaltensweisen und Fehlern des ob seiner vermeintlichen Brillanz Gelobten mag man als Zuschauer zweifeln. Doch funktioniert ohne Brocks Verbohrtheit die ganze Geschichte nicht. Von der fragt man sich am Ende nur: Wie geht es damit weiter? Geht es damit überhaupt weiter?

          Spuren des Bösen – Schuld läuft heute um 20.15 Uhr im ZDF.

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